Deutsches Rotes Kreuz im Nationalsozialismus

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung

Einführung

Die Geschichte des Deut­schen Roten Kreu­zes (DRK) in der Zeit des National­sozia­lis­mus (1933–1945) wurde in der Nach­kriegs­zeit und den folgenden Jahrzehnten weitgehend verdrängt. Das gilt nicht nur für Westdeutschland, also die alte Bundesrepublik, sondern auch für Ostdeutschland, das heißt für die Deutsche Demokratische Republik (DDR, 1949–1990), dessen DRK der DDR (1952–1990) das DRK im Dritten Reich als Faschistisches Rotes Kreuz bezeichnete.

Es dauerte mehr als ein halbes Jahrhundert, bis ernstzunehmende Studien veröffentlicht wurden. Inzwischen engagiert sich unter anderem der Bundesverband bei der Aufarbeitung, und der ganze Verband hat eine offenere, bewusstere Haltung zu seiner Vergangenheit gewonnen. Nichtsdestotrotz gibt es auch noch aktuelle Beispiele für die Verdrängung des Dritten Reichs.

Diese Enzyklopädie verzeichnet eine ganze Reihe von Artikeln, die einen Bezug zum Nationalsozialismus haben, gegenwärtig sind es 148. Dieser Artikel gibt einen Querschnitt der Informationen, die sich hier darüber finden und erleichtert dadurch die Orientierung in der Enzyklopädie.

Organisation

Gleichschaltung

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialistischen Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) im Januar 1933 biederte sich das kleinbürgerlich geprägte Deutsche Rote Kreuz, in dem es viele Monarchisten gab, die die autoritären Strukturen des 1918 mit dem Verlust des Zweiten Welt­kriegs (1939–1945) untergegangene Deutschen Kaiserreichs (1871–1918) vermissten, schnell den neuen Machthabern kann. So schrieb der damalige Präsident, Joachim von Winterfeldt-Menkin (18651945), im Mai 1933 an Adolf Hitler (1889–1945): Im Namen dieser anderthalb Millionen Männer und Frauen im Deutschen Roten Kreuz erkläre ich die unbedingte Bereitschaft, uns Ihrer Führung zu unterstellen und Ihnen zu folgen.1 Und im Juni 1933 setzte er den zur staatlichen Ideologie erhobenen Antisemitismus durch den weitgehenden Ausschluss jüdischer Personen aus dem damaligen Deut­schen Roten Kreuz um, als opportunistische Reaktion auf die ersten antijüdischen Gesetze, besonders das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom April 1933.

Die erste große Veränderung der Organisation war die Änderung der Satzung auf Reichsebene im November 1933, mit der auch ein Machtwechsel verbunden war. Winterfeldt-Menkin, der sich bis 1918 in der dann aufgelösten Deutschkonservative Partei (DKP) engagierte, war bereits 68 Jahre alt, möglicherweise amtsmüde und kein aus Sicht der Nationalsozialisten bewährter Alter Kämpfer. Er übergab das Amt an Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha (1884–1954), der es bis 1945 innehatte, während die Amtsgeschäfte überwiegend von dem neu geschaffenen Geschäftsführenden Präsidenten wahrgenommen wurden. Das war zunächst, von 1933 bis 1936, Paul Hocheisen (1870–1944), von 1937 bis 1945 dann Ernst Robert Grawitz (1899–1945).

Mit dem Gesetz über das Deutsche Rote Kreuz von 1937 wurden das damalige Deut­sche Rote Kreuz (1921–1937), seine Landesvereine und alle anderen rechtlich selbstständigen Gliederungen aufgelöst und durch eine zentralistisch gestaltete Quasi-Behörde, die ebenfalls Deutsches Rotes Kreuz hieß, ersetzt. Seine Untergliederungen waren die Landesstellen und Kreisstellen.

Gliederung

Die Organisation des neuen Deut­schen Roten Kreu­zes, das von 1937 bis zu seiner Auflösung in 1945 und 1946 bestand, war dreistufig:

  1. An der Spitze gab es das Präsidium in Berlin, das 1943 nach Potsdam umzog. Es hatte neben der Hauptadjutantur sieben Ämter genannte reguläre Abteilungen: I. Führungsamt, II. Personalamt, III. Verbindungsamt zur Reichsfrauenführerin, IV. Verwaltungsamt, V. Presse- und Werbeamt (1941 ausgegliedert in den Verlag des Deutschen Roten Kreuzes), VI. Amt für Schwesternschaften, VII. Auslandsdienst. Dazu kam 1939, mit dem Beginn des Zweiten Welt­kriegs (1939–1945), das Amt S für den Sonderbeauftragten im Kriege. An der Spitze stand ein weiterhin ein Präsident, neben dem es den eigentlich bestimmenden Geschäftsführenden Präsidenten gab.
  2. Auf der zweiten Ebene war das DRK in Landesstellen unterteilt, deren Gebiet jeweils dem eines Wehrkreises entsprach und auch entsprechend benannt waren: Beispielsweise die DRK-Landesstelle im Wehrkreis V hieß Landesstelle V. Die Landesstellen wurden von Landesführern geleitet, die alle bewährte, politisch aktive Nationalsozialisten waren und mit dem Dienstrang eines Generalhauptführers versehen wurden. Die Landesstellen hatten neben der Adjutantur sechs Hauptabteilungen: I. Führungshauptabteilung, II. Personalhauptabteilung, III. Verbindungshauptabteilung zur NSF, IV. Verwaltungshauptabteilung, V. Presse- und Werbehauptabteilung, VI. Hauptabteilung für Schwesternschaften. Zu fast jeder Landesstelle gab es eine Landesführerschule.
  3. Auf der untersten Ebene gab es die Kreisstellen, deren Gebiet jeweils dem eines Landkreises oder einer kreisfreien Stadt entsprach und von einem Kreisführer geleitet wurden. Sie hatten neben der Adjutantur sechs Abteilungen: I. Führungsabteilung, II. Personalabteilung, III. Verbindungsabteilung zur NSF, IV. Verwaltungsabteilung, V. Presse- und Werbeabteilung, VI. Abteilung für Schwesternschaften.

Dienststellungen

Die Dienststellungen wurden den militärischen Diensträngen angeglichen: Anwärter, Helfer, Vorhelfer, Oberhelfer), Haupthelfer, Wachtführer, Oberwachtführer, Hauptführer, Feldführer, Oberfeldführer, Oberstführer, Generalführer, Generalhauptführer.

Erscheinungsbild

Logo mit Hakenkreuz

Zu den sichtbarsten Änderungen gehörte das 1934 eingeführte Logo, das neben dem Reichadler auch ein Hakenkreuz enthält. Das umgangssprachlich auch als DRK-Adler bezeichnete Kennzeichen gab es in zwei Varianten: Die erste, von 1934 bis 1937 genutzte Version, wurde 1937 neu gestaltet und dann bis 1945 genutzt.

Dienstbekleidung

Die Dienstbekleidung wurde angepasst und dabei um militärische Elemente erweitert. Die Gestaltung der Dienststellungsabzeichen für die verschiedenen Dienststellungen orientierte sich an der Wehrmacht, es gab zum Beispiel die Adjutantenfangschnur, und vor allem sollten Mannschaftshauer und Führerdolch zu einem martialischerem Erscheinungsbild beitragen.

In Anlehnung an nationalsozialistische Organisationen wurde das Gebietsdreieck auf der Dienstbekleidung getragen.

Kraftfahrzeugkennzeichen

Mittels der Verordnung über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Straßenverkehr wurden 1943 reichsweit einheitliche Kennzeichen für alle Fahrzeuge des Deutschen Roten Kreuzes eingeführt.

Aufarbeitung

Vergangenheitsbewältigung

Die systematische Aufarbeitung der Rolle des Deutschen Roten Kreuzes in der Zeit des National­sozia­lis­mus (1933–1945) erfolgte erst spät. Das liegt zum einen wie bei allen Missständen aller Organisationen daran, dass die Verantwortlichen, aus ihrer Treuepflicht gegenüber der Organisation heraus, deren Ansehen in der Öffentlichkeit schützen müssen, und dass sie Rücksicht auf noch lebende Personen, einschließlich ihrer selbst, nehmen wollen oder auch müssen, die an Vorfällen durch aktives Handeln oder durch Unterlassen beispielsweise der Wahrnehmung von Aufsichtspflichten, beteiligt waren.

Im Speziellen gehört die Verdrängung des Dritten Reichs im Deutschen Roten Kreuz als Teil der kollektiven Verdrängung des Nationalsozialismus im Deutschland der Nach­kriegs­zeit zur allgemein verzögerten Vergangenheitsbewältigung hinsichtlich dieser Phase. Bei einer sozial tätigen Organisation, deren Mitwirkenden und Verantwortlichen man eine besondere moralische Handlungsfähigkeit unterstellt, veranlasst darüber hinaus der Schmerz über die entsprechend hohe moralische Fallhöhe ein Vermeidungsverhalten.

Beiträge zur Aufarbeitung

Wesentliche Fortschritte in der Forschung geschehen häufig aus Anlass wissenschaftlicher Qualifizierungsarbeiten. So auch bei diesem Thema. Horst Seithe (*1951) legte eine 1993 eine allgemein gehaltene Arbeit zu dem Thema vor2 und profilierte sich in den 1990er- bis 2020er-Jahre, mit aktivistischen Zügen, als namhafter Kritiker der seiner Auffassung nach anhaltend defizitären Aufarbeitung durch die Organisation. Er gestaltete zum Beispiel die Tagung Das Deutsche Rote Kreuz im Spannungsfeld zwischen humanitärem Anspruch und Realität 1914–1945 in 2021 mit.

Der zu diesem Zeitpunkt als in Paderborn tätige Hochschullehrer bereits renommierte Historiker Dieter Riesenberger (1938–2023) veröffentlichte 2002 das Standardwerk zur Geschichte des Deutschen Roten Kreuzes bis 1990.3 Es geht ausführlich und gründlich die Zeit des National­sozia­lis­mus (1933–1945) ein.

Die Dissertationen von Markus Wicke (*1971) in 20024, von Peter Poguntke (*1957) in 20085 und Clemens Hellenschmidt in 20106 behandeln jeweils bestimmte Aspekte und haben zu bedeutenden Erkenntnisfortschritten geführt. Poguntke und Hellenschmidt traten auch dazu im Podcast 7 Gute Gründe auf.7,8

In 2008 veröffentlichen die beiden Historikerinnen Stephanie Merkenich (*1967) und Birgitt Morgenbrod (1955–2013), die damals als selbstständige Auftragsforscherinnen tätig waren, die Ergebnisse ihrer vom Bundesverband initiierten und unterstützten Recherchen in der Studie Das Deutsche Rote Kreuz unter der NS-Diktatur 1933-1945.9 Neben dem umfassenden Werk von Dieter Riesenberger (1938–2023) ist es bis heute das Standardwerk zu dem Thema.

Museen und Ausstellungen

Die Zeit des National­sozia­lis­mus (1933–1945) wird in jedem deutschen Rotkreuz-Museum dargestellt. Die gezeigten Aspekte richten sich nach den dafür zur Verfügung stehenden Objekten und inwieweit sie sich zur Illustration eignen. Überwiegend handelt es sich um die massenhaft produzierten Gegenstände wie zum Beispiel Plakate, Publikationen, Auszeichnungen, Dienstbekleidung und andere Ausrüstungsgegenstände sowie Bildmaterial.

In ihren dauerhaften Ausstellungen und in Sonderausstellungen informieren auch andere Museen und Einrichtungen über diese Phase der Rotkreuz-Geschichte.

Weitere Informationen

Website

Enzyklopädie

Einzelnachweise

  1. Deutsches Rotes Kreuz: Blätter des Deutschen Roten Kreuzes. 12. Jahrgang, 1933, S. 276.
  2. Horst Seithe, Das Deutsche Rote Kreuz im Dritten Reich (1933–1939). Die Transformation des DRK vom zivilen Wohlfahrtsverein zur nationalsozialistischen Sanitätsorganisation, Münster 1993.
  3. Dieter Riesenberger, Das Deutsche Rote Kreuz. Eine Geschichte 1864–1990, Paderborn 2002.
  4. Markus Wicke, SS und DRK. Das Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. 1937–1945, Norderstedt 2002.
  5. Peter Poguntke, Gleichgeschaltet: Rotkreuzgemeinschaften im NS-Staat, Wien/Köln 2009.
  6. Clemens Hellenschmidt, Der DRK-Krankentransport 1943–1945. Vorgeschichte, Entstehung, Organisation und Auswirkungen bis in die Gegenwart, Hamburg 2010.
  7. Martin Krumsdorf (INSOHR), Peter Poguntke, Gleichgeschaltet: Rotkreuzgemeinschaften im NS-Staat, in: 7 Gute Gründe (Podcast), München, 23. Januar 2021.
  8. Martin Krumsdorf (INSOHR), Clemens Hellenschmidt, DRK-Krankentransport 1943–1945, in: 7 Gute Gründe (Podcast), München, 23. April 2021.
  9. Stephanie Merkenich, Birgitt Morgenbrod, Das Deutsche Rote Kreuz unter der NS-Diktatur 1933-1945, Paderborn 2008.