Adolf Langfeld: Mein Leben (1930)

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung

Adolf Langfeld (1854–1939) war neben seinen beruflichen Rollen in Justiz und Politik von 1914 bis 1926 der Vorsitzende des Mecklenburgischen Landesvereins vom Roten Kreuz (1889–1937), also unter anderem während des Ersten Welt­kriegs (1914–1918) und in der dann folgenden Weimarer Republik (1918–1933) mit der Gründung des ersten Deut­schen Roten Kreu­zes in 1921. Er ist dadurch ein Zeitgenosse und Bekannter von beispielsweise Joachim von Winterfeldt-Menkin (18651945). In seiner letzten Lebensphase legte er umfangreiche, systematisch abgefasste Memoiren vor, die 1930 veröffentlicht wurden.[1]

Hier wiedergegeben und erläutert sind Auszüge aus dem Werk, die einen Bezug zum Roten Kreuz haben. Zur gewählten Vorgehensweise bei der Transkription und Wiedergabe des Originaltextes siehe die → redaktionellen Hinweise zu Volltexten. In Auszügen mit einem geringen Bezug zum Roten Kreuz sind relevante Passagen durch Fettschrift hervorgehoben.

Auszüge

Auszug 1: Wahrnehmung des Roten Kreuzes als Schüler während des Deutsch-Französischen Krieges (1870–1871)

[I. Elternhaus und Schulzeit. (1854—1872. • 5. Das Gymnasium. • b) Sekunda und Prima (1869—1872).]

[38] […]

Am Vormittage des 3. September durcheilte die Nachricht, daß Napoleon mit dem ganzen Heere kapituliert ha­be[2], die Stadt. Anfänglicher Zweifel wich der Gewißheit, als Schuldiener Willmann erschien und Lehrer und Schüler auf den Schulhof bestellte. Die Aula war dem Roten Kreuz überlassen. Auf dem Hofe hielt Direktor Krause eine flammende Ansprache, die allgemeine Begeisterung auslöste. Auch in der Stadt herrschte eine Stimmung, wie ich sie in gleicher Begeisterung nur noch bei dem Einzuge unserer siegreichen Truppen bemerkt habe. Nach einigen Wochen folgten dann Nachrichten von unseren mecklenburgische Truppen, die zu allgemeiner Genugtuung Hamburg hatten verlassen können. Wir hörten von ihren Kämpfen und Strapazen bei der Zer­nie­rung[3] von Metz, bei der Eroberung von Toul und von ihrem Marsch auf Paris. Als auch Straßburg und Metz fielen und der eiserne Ring um Paris sich schloß, glaubte alles dem Ende nahe zu sein. Wir sollten noch eine harte Geduldsprobe durchmachen. Inzwischen kamen auch gefangene Franzosen nach Rostock und wurden in den Bierkellern von Bellevue und Tivoli untergebracht. Natürlich mußten wir Schüler uns das Ausladen mitansehen. Weiter kamen Verwundete in die vom Roten Kreuz verwalteten Lazarette, darunter besonders Bayern. Wie diese [39] an der Loire zusammen mit den Mecklenburgern gekämpft, so sollten sie auch gemeinsam die Pflege der Heimat genießen. Beide Volksteile haben sich stets besonders gut verstanden. Die Kämpfe der Armee-Abteilung des Erzherzogs Friedrich Franz II. an der Loire in den ersten Dezembertagen, besonders die Schlacht bei Loigny, brachte den mecklenburgischen Truppen schwere Verluste sowie der Heimat Leid und Kummer. Der Ernst des Krieges kam uns damals zum Bewußtsein. Dazu setzte gegen Weihnachten eine strenge Kälte ein. Als aber gleichzeitig das solange vergeblich erwartete Bombardement von Paris begann, wuchs die allgemeine Zuversicht. Einige sorgenvolle Stunden brachte noch der von Bourbaki über Belfort versuchte Vorstoß gegen das Werdersche Korps. In Rostock merkten wir den Ernst dadurch, daß alle dort zur Bewachung der Gefangenen dienenden Landwehrtruppen schnell an die Grenze geworfen wurden. Die heldenmütige Abwehr des Angriffs durch die Kämpfe an der Lisaine vom 15. bis 17. Januar bannte die Gefahr. Es folgte am Ende des Monats der Waffenstillstand und vier Wochen später der Präliminarfrieden. Die Freude über sein Ergebnis wurde nur dadurch etwas gedämpft, daß Belfort den Franzosen verblieb.

[…]

Auszug 2: Heinrich zu Mecklenburg als Vorsitzender des Niederländischen Roten Kreuzes von 1908 bis 1934

[V. Präsident des Landgerichts Schwerin. (1900—1904). • 3. Im Dienste der Regierung und des Großherzoglichen Hauses. • b) Vermählung des Herzogs Heinrich und der Königin der Niederlande.]

[192] […]

Am nächsten Morgen kehrte ich nach Bonn zurück mit dem angenehmen Bewußtsein, meine nicht ganz leichte Mission zum guten Abschluß gebracht zu ha­ben.[4] Erschwert war sie besonders dadurch, daß die Stellung eines „Prinz Ge­mahl“[5], wie ich sie dem Herzog Heinrich nur sichern konnte, an sich keine beneidenswerte ist. Im wesentlichen kann er nur eine Repräsentationsstellung in Vertretung der Königin ausüben. Jeder selbständigen Beeinflussung der Regierungsgeschäfte muß er sich enthalten. Die auf ihre nationale Selbständigkeit eifersüchtigen und gegen einen deutschen Militär, den sie in dem Herzog vornehmlich sahen, besonders mißtrauischen Niederländer würden ihm dies nie verziehen haben. Ich habe deshalb dem Prinzen geraten, stets aufs peinlichste den Eindruck zu vermeiden, daß er die Königin politisch beeinflussen wolle. Er hat denn auch zunächst in allen öffentlichen Angelegenheiten strengste Zurückhaltung geübt. Dies wurde aber auch wieder abfällig kritisiert. Erst durch eine heroische Tat, die Rettung der Schiffbrüchigen von dem vor Hock van Holland im Februarsturm 1908 [sic!] gestrandeten Dampfer „Ber­lin“[6], hat er sich die Sympathien seiner neuen Landsleute gewonnen und diese auch durch seine weitere eifrige Betätigung in der allgemeinen Wohlfahrtspflege und im Dienste des holländischen Roten Kreuzes sich erhalten.[7]

[…]

Auszug 3: Übernahme des Amts des Vorsitzenden des Mecklenburgischen Landesvereins vom Roten Kreuz in 1914

[VIII. Staatsminister und Ministerpräsident. (1914 bis 1918.) • 1. Bis zum Beginn des Weltkriegs.]

[291] […]

Die vorausgegangenen Anstrengungen und Aufregungen ließen mich einen kurzen Frühlingsausflug wünschen. In der zweiten Aprilhälfte verlebte ich einige schöne Frühlingstage mit meiner Frau in Wiesbaden und Heidelberg. Nur zu schnell rief mich die Pflicht heim. Als Minister war ich für Graf Bas­se­witz[8], der nur das Amt eines Territorialdelegierten der freiwilligen Krankenpflege behielt, zum Vorsitzenden des Landesvereins vom Roten Kreuz gewählt worden. Dadurch erwuchs mir sofort eine besondere Aufgabe. Mit der allmählichen Vergrößerung unserer Armee und Flotte hatte die von den Männer- und Frauenvereinen vom Roten Kreuz betriebene Vorbereitung des Kriegs-Sanitätsdienstes, insbesondere durch Ausbildung und Bereitstellung von Krankenpflegern (Sanitätern) und Schwestern, nicht Schritt gehalten. Der kaiserliche Kommissar für die freiwillige Krankenpflege hatte deshalb die Vereine aufgefordert, für die nötige Vergrößerung des Pflegepersonals zu sorgen. Zur Besprechung dieser Angelegenheit habe ich Vertreter des Landesvereins und des Marien-Frauenvereins zum 1. Mai nach Schwerin geladen. Wir erkannten, daß das Notwendigste für die neue Organisation die Beschaffung von Geldmitteln sei. Diese sollten durch eine allgemeine Sammlung herbeigebracht werden, für deren Beginn der Se­dan­tag[2] in Aussicht genommen wurde. Der schnelle Ausbruch des Krieges hat sie erledigt. […]

[…]

Auch das Rote Kreuz machte mobil. Dank der vorzüglichen Vorarbeit unseres stellvertretenden Vorsitzenden, des Obersten v. Schack[9], konnten wir schon am zweiten Mobilmachungstage die von uns zu stellenden Sanitäter und Schwestern absenden. Für viele war der Bestimmungsort Cuxhaven. Man rechnete anscheinend bei Beginn des Feldzugs mit der Möglichkeit von Kämpfen in der Nordsee. Als es dazu nicht kam, gaben wir unsere Sanitäter und Schwestern an die Front im Westen und Osten ab.

[…]

Auszug 4: Tätigkeit des Roten Kreuzes in Mecklenburg während des Ersten Weltkriegs (1914–1918)

[VIII. Staatsminister und Ministerpräsident. (1914 bis 1918.) • 2. Kriegsarbeit in der Heimat.]

[300] […]

Persönlich wurde ich noch durch die Arbeiten des Roten Kreuzes sehr in Anspruch genommen. AIs Vorsitzender des Männervereins, der bis 1917 auch Mecklenburg-Strelitz mitumfaßte, suchte ich sogleich nach Kriegsbeginn den Marien-Frauenverein zu gemeinsamer Arbeit unter Führung des Männervereins zu gewinnen. Unsere gemeinsame erste Maßnahme war eine Sammlung. Ein Aufruf mit der Bitte um Unterstützung mit Geld und Lie­bes­ga­ben[10] erging an die Bevölkerung, und sofort strömten die Gaben herein. Jeder wollte mithelfen, um unseren tapferen Kriegern einen Liebesdienst zu erweisen und den Verwundeten Heilung und Linderung zu verschaffen. Reich und Arm trugen gemeinsam dazu bei. Ein benachbarter Gutsbesitzer M. spendete sofort 10 000 Mark und ließ diesen fortlaufend noch weitere hohe Spenden folgen. Aber auch ein einfaches Dienstmädchen brachte als einzigen Wertgegenstand, den es besaß, ein Buch, und manche kleinen Leute stellten sich regelmäßig auf unserem Büro ein, um einige Mark, die sie inzwischen erspart, dem Roten Kreuz zu opfern. Dieses bedurfte auch gewaltiger Mittel. Sein auf normale Fülle eingerichteter Mobilmachungsplan erwies sich für einen Weltkrieg als völlig unzulänglich. Unsere Heere drangen nicht bloß in Frankreich ein, sondern bis in die Steppen Rußlands, über die Alpen und den Balkan in den Orient, und ihnen mußten die Schwestern, Krankenpfleger und Träger mit voller Sanitätsausrüstung folgen. Aber je umfangreicher die kriegerischen Operationen sich entwickelten, desto größer wurde auch das in die Heimat zurückflutende, bald die Zahl von Millionen überschreitende Heer von Kriegsbeschädigten und Verwundeten, die ebenfalls sanitäre Hilfe verlangten. Dank der patriotischen Gesinnung, die alle Volkskreise ergriff, stellten sich dem Roten Kreuz immer wieder männliche und weibliche Helfer zur Verfügung, so daß dieses seiner vornehmsten Aufgabe: Versorgung des Sanitätsdienstes im Etappen- und Heimatgebiete mit Pflegern, Pflegerinnen und Krankenträgern, voll genügen konnte. Haben wir doch, zum Teil mit Unterstützung durch die Bethlehemsschwestern aus Lud-[301]wigs­lust[11], während des Krieges im ganzen 191 Pfleger, 139 Pflegerinnen, 49 Krankenträger und 3 Feldköchinnen stellen können, von denen manch ein Erfüllung ihrer Liebespflicht an der Front ihr Leben geopfert haben.

Die zweite Aufgabe des Roten Kreuzes war: die Errichtung und Erhaltung von Ver­eins­la­za­ret­ten[12] in der Heimat für verwundete und erkrankte Krieger sowie die aushilfliche Versorgung der Reservelazarette der Militärverwaltung mit Bedarfsartikeln. Nach der populären Auffassung erscheintes als eine Hauptaufgabe des Roten Kreuzes, selbständige Lazarette an tunlichst vielen Orten der Heimat einzurichten und zu verwalten. Demgemäß gingen uns auch aus der Bevölkerung zahlreiche Angebote von Räumen für die Unterbringung von Verwundeten zu. Herzog Johann Al­brecht[13] und die Her­zo­gin[14] suchten mich am ersten Mobilmachungstage auf mit dem Wunsche, in Schloß Wi­li­grad[15] ein Lazarett einzurichten. Auch viele kleine Städte wollten Verwundete haben. So anerkennenswert auch diese Gesinnung war, so konnte ihr doch aus militärischen Gründen nur in beschränktem Umfange entsprochen werden. Die militärischen Interessen geboten es, die Verletzten, namentlich die voraussichtlich bald an der Front wieder verwendungsfähigen, in Lazaretten unweit der Front unterzubringen, die in die Heimat übergeführten aber in größeren, militärisch verwalteten Lazaretten zusammenzufassen. Bei der wider Erwarten großen Zahl der Verwundeten des Weltkriges reichten jedoch die Reservelazarette nicht annähernd aus. Die Militärverwaltung nahm deshalb gern unsere Vereinslazarette in Anspruch. Das größte war das Ma­rien­kran­ken­haus in Schwe­rin.[16] Ein für dieses bestimmter, allen modernen Ansprüchen der Heilbehandlung genügender Neubau ging bei Beginn des Krieges seiner Vollendung ent­ge­gen.[17] Mit einigen Anstrengungen gelang es, den Bau so zu beschleunigen, daß das Haus schon im zweiten Kriegsjahre die in Schwerin eintreffenden Verwundeten aufnehmen konnte. Kleinere Lazarette wurden von uns im Universitätskrankenhause zu Ros­tock[18] und in den Städten Güstrow, Grevesmühlen, Neustadt und Te­te­row[19] betrieben. Auch versorgten wir die in jedem der bisherigen Garnisonorte eingerichteten Reservelazarette untergebrachten Krieger mit Liebesgaben.

Die dritte Aufgabe des Roten Kreuzes war die Spende von Liebesgaben an Heer und Marine. Schon in den ersten Septembertagen 1914 entsandte der Landesverein einen mit Liebesgaben bepackten Eisenbahnwagen nach Frankreich, dessen Be-[302]gleitung es mit Mühe gelang, die Sachen zu den vor dem Feinde stehenden mecklenburgischen Truppen zu bringen. Es war der Anfang für zahlreiche Sendungen gleicher Art, welche das mecklenburgische Rote Kreuz während des Krieges an unsere Truppen im Westen und Osten und über den Balkan sogar bis nach Konstantinopel gesandt hat. Im ganzen sind 84 vollgepackte Eisenbahnwagen auf diese Weise den Truppen zugeführt worden. Ganz besondere Sendungen wurden jeden Weihnachten abgefertigt. Dazu ergingen besondere, von dem Groß­her­zogs­paar[20] und der Großherzogin Ma­rie[21] unterzeichnete Aufrufe. Wir hatten dazu jedesmal 40 000 Einzelpakete zu liefern, damit jeder Mann im Felde und in der Etappe seine Weihnachtsgabe erhielt.

Zu diesen Hauptaufgaben kamen noch viele andere, von denen ich nur nennen möchte: die Fürsorge des Roten Kreuzes für die Kriegsbeschädigten in der Heimat, für die Familien der für den Dienst des Roten Kreuzes einberufenen Mannschaften, sowie für die deutschen Gefangenen in Feindeshand. Zwei unserer Schwestern konnten wir mit Unterstützung des schwedischen Roten Kreuzes zur Betreuung unserer gefangenen Krieger bis nach Sibirien senden. Beide haben für diese Selbstaufopferung ihr Leben lassen müssen. Es waren die Marien-Schwestern v. Pas­sow[22] und v. Schack.

Der Umfang dieser Kriegsarbeit des Mecklenburgischen Roten Kreuzes erhellt aus der Tatsache, daß, obwohl sie fast durchgängig von freiwilligen Helfern geleistet wurde, wir dafür doch in den vier Kriegsjahren rund 2½ Millionen Mark[23] ausgeben mußten, die uns zum überwiegenden Teile durch freiwillige Gaben der mecklenburgischen Bevölkerung zugeflossen sind. Ein schönes Zeugnis für die Opferfreudigkeit der Heimat in der schweren Kriegszeit!

Die Hauptlast der Geschäfte lag auf den Schultern meines bewährten Mitarbeiters, des stellvertretenden Vorsitzenden und Schriftführers Oberst a. D. Ludwig v. Schack[9]. Er hat auch die sechs Rechenschaftsberichte über unsere Tätigkeit bearbeitet. Mit ihm besprach ich täglich alle wichtigen Angelegenheiten. Außerdem lag mir die Repräsentation nach außen ob, insbesondere bei dem Empfang der in Schwerin eintreffenden Verwundetentransporte, sowie die Leitung der zahlreichen Mitgliederversammlungen und Ausschußsitzungen. Dankbar gedenke ich besonders des Generaldirektors Gütschow, welcher unsere Finanzen in Ordnung hielt, die vielen Liebesgaben sammelte und deren Abtransport leitete. Dankbar gedenke ich aber auch der zahl-[303]reichen Frauen und Männer, die sich stets hilfsbereit in den Dienst unserer großen Sache stellten. Durch ihre Unterstützung ist die Kriegsarbeit des mecklenburgischen Roten Kreuzes mir eine liebe Lebenserinnerung geworden.

Auszug 5: Reise als Vorsitzender des Roten Kreuzes in Mecklenburg an die Front zur Besichtigung in 1915

[VIII. Staatsminister und Ministerpräsident. (1914 bis 1918.) • 4. Meine Reise an die Front.]

[311] […]

Der Groß­her­zog[24] war, nachdem er sich im August 1914 zum ersten Male zu seinen Truppen ins Feld begeben hatte, im Oktober, als die Front zum Stehen gekommen war, nach Schwerin zurückgekehrt. Er hat dann wiederholt seine Truppen im Westen und Osten besucht. Ende Juni 1915 war er wieder an der Westfront eingetroffen und hatte im Verbande des 9. Armeekorps in Babeuf unweit Royon Quartier genommen. Von dort machte er mir am 8. Juli den Vorschlag, ihn im Felde zu besuchen. Ich hätte soviel mit dem Roten Kreuz, der Liebesgabenversorgung […] [312] sowie überhaupt mit allen Folgeerscheinungendes Krieges zu tun, daß es mich interessieren dürfte, einmal alles selber in Augenschein zu nehmen. Ich würde mit dem Geheimen Kabinettsrat v. Wickede reisen können, mehrere Tage in Babeuf bleiben und dann nach Brüssel weiter reisen, um auch die dortigen Verhältnisse kennen zu lernen. Ich stimmte freudig zu. Zur Besorgung einer Uniform war die Zeit zu knapp. Ich mußte in Zivil reisen. Unleugbar ist es aber viel bequemer, in Uniform zu reisen. Als Zivilist fällt man draußen sofort auf und wird festgehalten, bis man sich durch feine Legitimationspapiere ausgewiesen hat. Eine gewisse Erleichterung gewährte mir das Tragen der Abzeichen des Roten Kreu­zes[25], wozu ich als Vorsitzender des Landesvereins befugt war. Den mir besorgten Revolver habe ich nicht benutzt, doch gab er mir eine gewisse Sicherheit. […]

Auszug 6: Opferbereitschaft der deutschen Bevölkerung, auch für das Rote Kreuz, betrachtet in 1917

[VIII. Staatsminister und Ministerpräsident. (1914 bis 1918.) • 5. Vom Beginn des zweiten Kriegsjahres (1. August 1915) bis zur großen Offensive im März 1918.]

[336] […]

Hatte somit auch das Jahr 1917 unsere militärische Lage wesentlich verbessert, so hat es doch andererseits im Innern des Reichs Bestrebungen offen gelegt, welche es zweifelhaft machten, ob wir bis zum Ende des Krieges würden durchhalten kön­nen.[26] Mit beispielloser Geduld und Opferwilligkeit hat das deutsche Volk die schweren Lasten des Krieges getragen. Abgesehen von der seelischen Not durch den Verlust und die Verletzung Hunderttausender seiner Söhne stellte der Krieg auch an den nicht-[337]kämpfenden Teil des Volkes immer größere Anforderungen. Willig hat diesen das deutsche Volk entsprochen im Dienste des Roten Kreuzes und der heimatlichen Wohlfahrtspflege, durch Hingabe seines ersparten Besitzes für Kriegsanleihen, durch opferwillige Anpassung an die wirtschaftlichen Beschränkungen der Kriegszeit mit der Rationalisierung des Verbrauchs durch die zahlreichen Brot-, Fleisch-,Zeug- und sonstigen Karten. Auch außer dem Militärdienste hat es seine Arbeitskraft willig für die Kriegszweckein den Dienst gestellt in Befolgung des Gesetzes über den vaterländischen Hilfsdienst vom 5. Dezember 1916. Es konnte deshalb mit Recht erwarten, daß der Größe dieser Opfer auch der Siegespreis entsprechen würde. […]

[…]

Auszug 7: Begrüßung der zurückkehrenden Truppen nach verlorenen Weltkrieg in Schwerin in 1919

[VIII. Staatsminister und Ministerpräsident. (1914 bis 1918.) • 6. Der Ansgang des Krieges (1. März bis 11. Novbr. 1918).]

[363] […]

Am 25. Januar 1919 zogen unsere mecklenburgischen Infanterieregimenter Nr. 89 und 90 sowie die Artillerie wieder in Schwerin ein. Es war ein ergreifender Anblick. Zusammengeschmolzen, von den Strapazen gezeichnet, aber stramm und ungebrochen. Wie anders hatte ich mir diesen Einzug gedacht, mit „Gloria, Viktoria!“ — wie wir im Kriege gesungen. Es ist anders gekommen. Ich war nicht mehr Minister, hatte es mir aber nicht nehmen lassen, an der Begrüßung der Truppen vor dem Siegesdenkmal auf dem Alten Garten teilzunehmen. Als Vorsitzender des mecklenburgischen Roten Kreuzes habe ich den Heimgekehrten bei dem Festmahle in den Stadthallen auch persönlich ein Willkommen geboten. Damit endete für mich der Weltkrieg, der erhebendste, aber auch schmerzlichste Abschnitt meines Lebens. […]

[…]

Auszug 8: Ehrung unter anderem mit der Rote-Kreuz-Medaille 2. und 3. Klasse für Tätigkeit im Ersten Weltkrieg

[VIII. Staatsminister und Ministerpräsident. (1914 bis 1918.) • 7. Angelegenheiten des großherzoglichen Hauses. — Ordenskanzler.]

[365] […]

Am unbequemsten war mir von meinen verschiedenen Ämtern während des Krieges das Amt des Ordenskanzlers. Gegenüber den zahlreichen Ansprüchen, die Eigenliebe und Eitelkeit auf diesem Gebiete an mich stellten, konnte ich mich nur durch konsequente Befolgung bestimmter Grundsätze schützen. Trotzdem habe ich die Bemerkung bestätigen können, mit der mein Amtsvorgänger, Graf Bassewitz, mir s. Z. die Geschäfte übergab: „Sie werden auch noch einmal erfahren, daß die Orden vom Teufel erfunden sind.” Um die durch die freiwillige Kriegs- und Nothilfe in der Heimat von allen Bevölkerungskreisen geleisteten Dienste zu belohnen, stiftete der Goß­her­zog[24] während des Krieges das „Friedrich-Franz-Kreuz”[27]. Mir fielen für meine verschiedenartige Betätigung während des Krieges mehrere Dekorationen zu. So das mecklenburgische Militär-Verdienstkreuz am roten Bande und das Eiserne Kreuz am weißen Bande, die Rote-Kreuz-Medaille 2. und 3. Klasse sowie das Verdienstkreuz für Kriegshilfe. Der Herzog von Braunschweig übergab mir persönlich das Großkreuz des Ordens Heinrich des Löwen und die Hochzeitsfeier in Gera brachte mir das preußische Ehrenkreuz 1. Klasse mit der Krone.

[…]

Auszug 9: Schießerei mit Verletzten bei Novemberrevolution und Hilfe durch Sanitätskolonne in 1919

[IX. Im Ruhestande. • 2. Politik und öffentliche Angelegenheiten. • a) Auswirkungen der Revolution.]

[398] […]

Die bürgerliche Bevölkerung ließ sich durch alle diese Maßnahmen nicht aufregen und wartete das Weitere ruhig ab. Anders dachten die Sozialisten und die von ihnen beeinflußten Arbeiterkreise. Sie waren durch die Verhaftung der ihnen nahestehenden Minister sehr erregt worden. Der Wunsch, die Minister nötigenfalls mit Gewalt zu befreien, machte sich geltend. Wäre ihm nachgegeben so würde der Kampf mit dem Militär [399] unvermeidbar geworden sein. Um dieser Gefahr zu begegnen, traten die Minister noch am Abend des Tages ihrer Verhaftung zurück und wurden darauf aus der Haft entlassen. Die erhoffte Beruhigung blieb jedoch aus. Den Arbeitern war es gelungen, sich der Waffen der Sicherheitswehr zu bemächtigen. Dadurch sollte es am Morgen des nächsten Tages, des 15. März, in den Straßen Schwerins zu einem bedauerlichen Konflikt kommen. Etwa nach 9 Uhr wurde ich durch den Lärm aufmerksam, der von der Südseite des Pfaffenteichs herüberschallte. Vom Balkon meines Hauses sah ich eine dichtgedrängte Menge sich in der Arsenal- und Kaiser-Wilhelm-Straße stauen. Hinter ihr wurden Uniformen sichtbar. Mein erster Gedanke war: fällt jetzt ein Schuß, gibt es eine Katastrophe. Alles blieb aber ruhig und ich ging ins Zimmer zurück. Nach kurzer Zeit hörte ich Maschinengewehrfeuer. Ich trat wieder auf den Balkon und sah, daß die Menge in der Arsenalstraße auseinander gesprengt war und mehrere Verletzte auf dem Boden lagen. Die Geschosse müssen auch die Alexandrinenstraße hinunter geflogen sein. Ein Geschoß war vor meinem Hause aufgeschlagen, dessen Spur noch länger sichtbar blieb. Mein Nachbar, Sanitätsrat Dr. Mepersohn, eilte nach dem Kampfplatz und hat sich durch die Anlegung des ersten Verbandes bei mehreren Verletzten sehr verdient gemacht. Auch sah ich mit Genugtuung, daß unsere Sanitätskolonne vom Roten Kreuz erschien und die Verletzten barg. Leider hat der Konflikt schwere Opfer gefordert. 16 Zivilisten haben teils sofort, teils an den Folgen ihrer Verletzung das Leben eingebüßt. Darüber, wie es zu dem Konflikt gekommen, ist nichts Sicheres bekannt geworden. Erzählt wurde, datz die Arbeiter die Post und das Arsenal hätten besetzen wollen, um Telegraph und Fernsprecher in die Hand zu bekommen und sich der Waffen im Arsenal zu bemächtigen. Das Militär habe die Massen zurückzudrängen versucht. Als jedoch eine Ordonnanz unmittelbar neben dem die Truppe befehlenden Hauptmann erschossen wurde, habe dieser Feuer kommandiert, worauf die Menge entsetzt auseinander stob. In der Kaiser-Wilhelm-Straße brach sie sogar durch das Schaufenster eines Ladens, um hier Schutz zu suchen. Dann trat Ruhe ein.

[…]

Auszug 10: Tätigkeit des Roten Kreuzes nach dem Krieg, Gründung des ersten Deutschen Roten Kreuzes in 2021

[IX. Im Ruhestande. • 5. Im Dienste des Roten Kreuzes.]

[435]

[Demobilisierung und Übergang zur Friedenstätigkeit]

Nach dem Abschluß des Waffenstillstandes im November 1918 erwuchs dem Landesverein vom Roten Kreuz die schwere Aufgabe der Demobilmachung unseres freiwilligen Sanitätsdienstes. Die vielen von uns ins Feld gesandten Sanitätsmannschaften und Schwestern waren abzumustern und ihre Ansprüche festzustellen. Diese Arbeit nahm mir der rührige Geschäftsführer, Oberst v. Schack[9], ab. Eine ernste Aufgabe erwuchs mir jedoch durch die Frage: Hat nicht das Rote Kreuz mit dem Friedensschluß seine Existenzberechtigung verloren? Es gibt keinen Krieg mehr. Was soll da noch das Rote Kreuz? Bisher hatte das Rote Kreuz seine Hauptaufgabe in der Kriegsarbeit gesehen, nämlich in der Aufgabe, im Anschluß an das militärische Sanitätswesen bei der Pflege und Heilung der im Felde verwundeten und erkrankten Krieger mitzuwirken. Seine Friedensaufgabe sollte im wesentlichen der Vorbereitung auf diese Kriegsarbeit dienen durch Werbung und Ausbildung des erforderlichen Kranken- und Pflegepersonals, der Schwestern und Sanitäter, sowie durch Bereitstellung der erforderlichen Hilfsmittel. Ein zur kriegerischen Verwendung befähigtes deutsches Heer gab es jetzt nicht mehr; der Versailler Dik­tat­frie­den[28] hatte es vernichtet. Er hatte sogar „alle Mobilmachungsmaßnahmen oder solche, die auf eine Mobilmachung abzielen“, verboten und „Vereinigungen jeder Art“ untersagt, sich „mit militärischen Dingen zu beschäftigen oder mit einer militärischen Behörde in Verbindung zu stehen“ (Versailler Friedensvertrag Art. 177, 178).[29] Dennoch hatte nach meiner Überzeugung die Todesstunde für das Rote Kreuz noch nicht geschlagen. Es war vielmehr seine vornehmste Aufgabe geworden, für seine Existenz zu kämpfen und sich auf die durch den unglücklichen Ausgang des Krieges geschaffenen Verhältnisse einzustellen. Der Versailler Friedensvertrag hat auch das Rote Kreuz selbst nicht beseitigen können, es vielmehr ausdrücklich unter den Schutz des Völkerbundes gestellt (F.V. Art. 25). Das Rote Kreuz ist zu einer Weltgemeinschaft der zivilisierten Nationen geworden. Wollte Deutschland sich davon ausschließen, so würde es aufhören, an den allgemeinen Kulturarbeiten der Menschheit teilzunehmen und unserem Volke die Unterstützung der übrigen Welt in seinen schwersten Notlagen entziehen. Denn fast höher noch als seine Kriegsaufgabe ist eine andere Aufgabe zu bewerten, welche das Rote Kreuz allmählich schon im Frieden übernommen hat, nämlich die: sofort [436] helfend einzugreifen bei schweren Erschütterungen des Volkslebens durch gefährliche Epidemien, katastrophale Ereignisse (Feuer- und Wassergefahr, Eisenbahn- und Bauunfälle), durch innere Unruhen, Hungersnot, Verarmung u. a. Diesen Teil seiner bisherigen Aufgaben hat der Versailler Frieden dem deutschen Roten Kreuz nicht genommen, vielmehr durch seine Auswirkungen dazu beigetragen, dah es sich ihnen nochmehr als bisher zu widmen hat. Krieg und innere Umwälzung haben den deutschen Volkskörper schwer mitgenommen. Die Entbehrungen der Kriegszeit haben den Ernährungszustand unseres Volkes herabgesetzt. Die Sterblichkeitsziffer ist in die Höhe, die Geburtenziffer zurückgegangen. Infolge der unerträglichen Reparationslasten und der Verarmung unseres Volkes durch die In­fla­tion[30] ist Not und Verarmung auch in die gebildeten Kreise getreten. Neben der gesundheitlichen muß jetzt auch die wirtschaftliche und soziale Not bekämpft werden. Freilich hat der neue Freistaat die Bekämpfung aller dieser Not auch als seine eigene Aufgabe angesehen und ihre Erledigung seinen Wohlfahrtsämtern übertragen. Er hat sich jedoch bald überzeugen müssen, daß er dieser Aufgabe nicht gewachsen ist. Die Organe der freien Liebestätigkeit mußten deshalb wieder einspringen und besonders das Rote Kreuz als die Zentrale für die Bekämpfung aller gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sittlichen Not.

[Gründung des ersten Deutschen Roten Kreuzes]

Von diesen Erwägungen geleitet, hielt ich mich als Vorsitzender des mecklenburgischen Landesvereins vom Roten Kreuz verpflichtet, dessen Arbeit neu zu gestalten. Unklar war mir aber, wie dies am zweckmäßigsten zu bewirken sei. Da kam mir unerwartet von außen Hilfe. Auf Anregung des bayrischen Landesvereins lud der Präsident des preußischen Landesvereins vom Roten Kreuz, Landesdirektor v. Win­ter­feldt[31], die Lan­des­ver­ei­ne[32] von Preu­ßen[33], Bay­ern[34], Sach­sen[35], Würt­tem­berg[36], Ba­den[37], Hes­sen[38], Meck­len­burg-Schwe­rin[39] und Sach­sen-Wei­mar[40] auf den 21. Oktober 1919 zu einer Versammlung nach Wei­mar[41] ein mit der Tagesordnung: Beratung über 1. die Schaffung eines einheitlichen deutschen Roten Kreuzes, 2. Bildung eines Ausschusses zur Bearbeitung der Friedsarbeiten des Roten Kreuzes. Für unsern Landesverein habe ich an der Beratung teilgenommen. Zu meiner Freude konnte ich dabei den mir aus dem „Auswärtigen Ausschuß“ bekannten bayrischen Minister v. Dandl[42] wieder begrüßen. Ich fand Gelegenheit, wiederholt in die Debatte einzugreifen. Sie endete mit dem einstweiligen Beschluß:

[437]

  1. Es soll auf einen Zusammenschluß der einzelnen Landes- Männer- und Frauen-Vereine sowie auf eine Vereinigung sämtlicher Landesvereine zu einem Deutschen Roten Kreuz hingewirkt werden.
  2. Zur näheren Beratung dieser Fragen und der Organisation des Deutschen Roten Kreuzes soll ein Ausschuß gebildet werden, in welchen außer den Vertretern der preußischen, bayrischen, sächsischen und württembergischen Vereine auch ich gewählt wurde.

Dieser Beschluß beruhte auf dem Bestreben, die Organisation des Roten Kreuzes auf eine neue Grundlage zu stellen. Bisher wurde es durch die selbständigen Männer- und Frauenvereine der einzelnen deutschen Staaten gebildet. Jeder dieser Vereine ging aber seinen eigenen Weg. Ein loser Zusammenhang wurde zwischen ihnen nur dadurch aufrecht erhalten, daß für die Bearbeitung gemeinsamer Angelegenheiten das aus den Vertretern der Vereine gebildete und von dem Vorsitzenden des preußischen Landesvereins geleitete Zentral-Komitee der Vereine vom Roten Kreuz geschaffen war. Dies genügte aber nicht, um dem Deutschen Roten Kreuz gegenüber den gleichartigen Organisationen der anderen Kulturstaaten die nötige Autorität zu verleihen und die Erfüllung der großen, neuen Aufgaben des Roten Kreuzes sicherzustellen. Dafür mußte ein Verein gebildet werden, der nach außen alle Landesvereine zu einer selbständigen Rechtspersönlichkeit zusammenfaßte und nach innen die Arbeit des Roten Kreuzes nach einheitlichen Gesichtspunkten zu regeln vermochte. Aufgabe des in Weimar gewählten Ausschusses war es mithin, eine diesen Anforderungen genügende Satzung für den neuen Verein zu bearbeiten, überdies aber auch die Art und den Umfang der dem Roten Kreuz nach den veränderten Verhältnissen zuzuweisenden Friedensarbeit näher zu bestimmen. Mit dieser Aufgabe befaßte sich der Ausschuß an der Hand eines von dem preußischen Vertreter, Wirklichen Geheimen Oberregierungsrat Dr. Küh­ne[43], bearbeiteten „Planes“ in einer im Juni 1920 im Landeshause der Provinz Brandenburg zu Berlin abgehaltenen Sitzung. Auf Grund unserer dazu gefaßten Beschlüsse arbeitete der Berichterstatter den Entwurf einer „Satzung für das deutsche Rote Kreuz“ aus, welcher von dem Ausschuß unter der Beteiligung der Vertreter verschiedener Frauenvereine in einer Sitzung durchberaten wurde, die uns am 28. Oktober 1920 in Kas­sel[44] in dem großen Krankenhause des Roten Kreuzes zusammenführte. Für das bayerische Rote Kreuz nahm daran [438] der Staatsminister a. D. v. Brett­reich[45] teil, mit dem ich auch in der Folgezeit vielfach zusammengearbeitet habe. Aus Grund der Ausschußberatung wurde ein neuer „Satzungs-Entwurf“ aufgestellt, der einer auf den 21. Januar 1921[46] in den Rathaussaal zu Bam­berg[47] einberufenen Versammlung von Vertretern sämtlicher deutscher Männer- und Frauenvereine zur endgültigen Beschlußfassung vorgelegt wurde. Die Reise nach Bamberg, dem deutschen „Florenz“, bot mir viel Interessantes. Sein prächtiger Dom mit dem Grabmal Kaiser Heinrichs II.[48], die reichen Erinnerungen an die mittelalterliche deutsche Geschichte und seine bevorzugte Lage in der freundlichen fränkischen Landschaft gewährten mir einen hohen Genuß. Um ihn auszukosten, ließen die Verhandlungen leider nur zu wenig Zeit. Ein von der Stadt uns gegebenes Mittagsmahl auf dem „Michelsberg“ mit prächtiger Aussicht auf Stadt und Umgegend unterbrach angenehm unsere Arbeiten. Deren Ergebnis war erfreulich: die einstimmige Annahme der Satzung durch die Vertreter aller Vereine. Nachdem auch die Mitgliederversammlungen zugestimmt, konnte sich das „Deutsche Rote Kreuz“ in seiner ersten Mitgliederversammlung am 30. Mai 1921 in Berlin durch Wahl des Geschäftsführenden Vorstandes und des Hauptvorstandes konstituieren. Das damit geschaffene Deutsche Rote Kreuz ist ein rechtsfähiger Verein mit dem Zweck der Betätigung „auf allen Arbeitsgebieten, deren Zweck die Verhütung, Bekämpfung und Linderung gesundheitlicher, wirtschaftlicher und sittlicher Rot bildet“. Seine Mitglieder sind die deutschen Männer- und Frauenvereine vom Roten Kreuz. Als Mitglieder können jedoch auch andere gleichen Zwecken dienende Vereine aufgenommen werden. Erreicht hat dies der „Frauenverein vom Roten Kreuz für Deutsche über See“, der unter dem Protektorate der Herzogin Adolf Frie­drich[14] stehende frühere Frauenverein für die Kolonien. Das Hauptorgan des Vereins ist die aus den Vertretern der Mitgliedervereine gebildete Mitgliederversammlung. Alle Vereinsangelegenheiten unterliegen der Beschlußfassung durch den Hauptvorstand, welcher aus dem Vorsitzenden und stellvertretenden Vorsitzenden sowie aus 50 gewählten Vertretern der Vereine besteht. Den Vorsitzenden stellt der preußische Landesverein, den ersten Stellvertreter der Vaterländische Frauenverein, den zweiten der bayerische Landesverein und den dritten der Ständige Ausschuß der Deutschen Frauenvereine vom Roten Kreuz.

Das „Deutsche Rote Kreuz“ vertritt das gesamte deutsche Rote Kreuz dem Auslande gegenüber sowie in Wahrnehmung [439] seiner Gesamtinteressen gegenüber den Reichs- und Staatsbehörden. Im übrigen erledigt jeder Landesverein die Rote-Kreuz-Arbeit für sein Gebiet selbständig. Das Deutsche Rote Kreuz beschränkt sich dabei auf Rat, Anregung und Unterstützung.

[Veränderungen des Roten Kreuzes in Mecklenburg-Schwerin]

Das Entstehen des Deutschen Roten Kreuzes legte auch den beiden mecklenburgischen Vereinen — dem Landesverein und dem Marien-Frauen-Verein — einen engeren Zusammenschlug nahe, und zwar nicht, wie dieses die preußischen Vereine getan haben, durch Bildung eines Zweckverbandes, sondern durch Zusammenschluß zu einem neuen Verein. Die Spitzen beider Vereine wurden hierüber bald einig. Einzelne Zweigvereine des Frauenvereins machten zunächst noch Schwierigkeiten. Voll überzeugt von der Notwendigkeit dieses Zusammenschlusses war dagegen die Protektorin des Frauenvereins, die Großherzogin Ma­rie[21]. Sie erkannte mit Recht das Anlehnungsbedürfnis ihres Vereins an den finanziell bessergestellten Männerverein. „Mir ist dabei“ — so äußerte sich die hohe Frau mir gegenüber — „wie einer Mutter, die beruhigt aus der Welt scheidet, weil sie ihre liebe Tochter wohl versorgt in einer Ehe weiß.“ Der Einfluß der Großherzogin überwand denn auch alle Gegenströmungen und in der Mitgliederversammlung beider Vereine vom 17. März 1921 beschlossen diese ihren Zusammenschluß zu dem neuen Verein, dem „Mecklenburgischen Roten Kreuz. Vereinigter Landes- und Marien-Frauen-Verein“. Jeder Verein nahm seine bisherigen Zweigvereine in den neuen Verein mit hinüber. Auch die Parität der Männer- und der Frauenvereine wurde dadurch gewahrt, daß der Verein einen männlichen Vorsitzenden und eine weibliche Vorsitzende erhielt. In diese Ämter teilten Frau Major Kruse und ich uns. Leider nahm mein verdienter Mitarbeiter, Oberst v. Schack[9], seinen Abschied. An seine Stelle trat als Schriftführer der Oberregierungsrat a. D. Roscher, ein geborener Hannoveraner, welcher im Kriege als Adjutant des stellvertretenden Brigadekommandeurs nach Schwerin gekommen war. Die nächste Aufgabe für die Leitung des Mecklenburgischen Roten Kreuzes war der Ausbau seiner Organisation. Es galt, das ganze Land mit einem Netz von Zweigvereinen zu überziehen, so daß an allen Orten die Rote-Kreuz-Arbeit einsetzen konnte. Weiter waren die bestehenden Sanitätskolonnen zu vermehren und mit der nötigen Ausrüstung zu versehen. Für Zweigvereine und Kolonnen waren Nor­mal­sat­zun­gen[49] auszuarbeiten. Der Erfolg unserer Bemühungen zeigte sich bald. Namentlich in die Kolonnen kam ein frischer Geist und Probe-[440]übungen mehrerer Kolonnen auf Grund der Annahme eines schweren Unfalls, z. B. des Ausbruchs von Feuer in Fabrikbetrieben in der Nähe Schwerins, bewiesen uns, wie eifrig unsere Kolonnen auch im Frieden ihre Ausbildung betrieben. Seit 1924 bekleidet Großherzogin Ale­xan­dra[50] das Amt einer Ehrenvorsitzenden des Vereins.

[Beginnender Rückzug vom Roten Kreuz in Mecklenburg-Schwerin]

Meine zunehmende Belastung mit anderen Aufgaben nötigten mich Anfang 1924, meine Tätigkeit im Mecklenburgischen Roten Kreuz zu beschränken. Der Hauptvorstand wollte meinem Ausscheiden nicht zustimmen, entband mich aber von den laufenden Geschäften des Vereins und übertrug sie dem Oberregierungsrat Ro­scher[51] als stellvertretenden Vorsitzenden. Seitdem habe ich mich auf die Mitwirkung bei grundsätzlichen Entscheidungen, auf die Leitung der Sitzungen des Hauptvorstandes und der Mitgliederversammlungen sowie auf die Arbeit im Deutschen Roten Kreuz beschränkt. An dieser war ich als Mitglied des Hauptvorstandes und zusammen mit Frau Major Kruse an den Mitgliederversammlungen beteiligt. Eine solche fand regelmässig einmal im Jahre statt. Bei ihnen entwickelte sich durch das Zusammenströmen zahlreicher männlicher und weiblicher Mitglieder des Roten Kreuzes stets ein sehr geschäftiges Treiben. Am Abend vorher versammelten wir uns regelmäßig auf Einladung des Präsidenten v. Win­ter­feldt[31] in den schönen Räumen seiner Dienstwohnung im Landeshause. An kleinen Tischen gruppierte man sich nach Gefallen. Oft waren auch prominente Persönlichkeiten aus dem Berliner Leben geladen, wie der Reichsminister Stre­se­mann[52] u. a. An den Mitgliederversammlungen beteiligte sich oft die Kronprinzessin Cecilie[53] sowie regelmäßig als Vorsitzende des Frauenvereins vom Roten Kreuz für Deutsche über See die Herzogin Adolf Friedrich. Auch die Fürstin zu Wied[54], Prinzessin von Württemberg, Vertreterin des rheinischen Frauenvereins, griff oft in die Debatte ein. Außer dem Haushaltsplan bildeten wichtige Tagesfragen aus den verschiedenen Gebieten des Roten Kreuzes den Hauptgegenstand der Verhandlung. Eingeleitet wurde diese meist durch Vorträge hervorragender Fachreferenten. Im April 1922 schloß die Tagung mit einer öffentlichen Sitzung in der Aula der Universität. Von verschiedenen Rednern wurden uns dort die Nöte des besetzten Gebietes und die zu ihrer Bekämpfung eingeleitete Hilfsaktion des Roten Kreuzes in ergreifender Weise vorgeführt. Unwillkürlich wandte sich dabei mein Blick immer wieder auf das große, die Hauptwand des Saales bedeckende [441] Gemälde: „Fich­te[55] begeistert die Jugend für den Kampf um das unterdrückte Vaterland“.

[Mitwirkung im Verwaltungsausschuß des Deutschen Roten Kreuzes]

Die eigentliche Verwaltung des Roten Kreuzes besorgte der Hauptvorstand. Bei seiner großen Mitgliederzahl war dieser etwas schwerfällig. Schon im Jahre 1922 wurde deshalb aus ihm ein „Verwaltungsausschuß“ gewählt, der in unmittelbarer Verbindung mit dem Geschäftsführenden Vorstande zu bleiben und an allen über die laufenden Geschäfte hinausgehenden Arbeiten sich zu beteiligen hatte. Der Hauptvorstand konnte sich infolgedessen auf eine bis zwei Sitzungen im Jahre beschränken. Dem Verwaltungsausschusse gehörten außer dem Geschäftsführenden Vorstande — Präsident v. Win­ter­feldt[31], Gräfin Grö­ben[56], bayrischer Minister v. Brett­reich[45] und Freiherr v. Spitzenberg[57] [sic!] — sechs vom Hauptvorstande gewählte Mitglieder der Vereine an. Auch ich wurde für die Jahre 1923 bis 1926 hineingewählt. Außer mir wurden gewählt: Graf Holtzendorff für Sachsen, Gräfin Uexküll für Württemberg, Generalarzt Dr. Mantel für Baden, Dr. San­ne[58] für Hamburg und der Vizepräsident Dr. Kriege für Hannover. Außerdem gehörten dem Verwaltungsausschuß an: die Kommissare für das Kolonnenwesen und das Schwesterwesen, Ministerialdirektor Dr. Dietrich und Professor v. d. Velde sowie drei Beamte des Deutschen Roten Kreuzes: Draudt[59] (für Auswärtiges), Freiherr v. Ro­ten­han[60] (Schriftführer) und Dr. Libbertz (Schatzmeister). Der Verwaltungsausschuß trat mindestens einmal in jedem Vierteljahr zusammen. Dadurch kam ich sehr oft nach Berlin und konnte unmittelbar an den Arbeiten des neuen Deutschen Roten Kreuzes teilnehmen. Sie waren sehr vielseitig.

Die internationale Rote-Kreuzarbeit haben die Nationen nachdem Weltkriege hauptsächlich durch zwei einheitliche Organisationen wieder aufgenommen: durch das in Genf gebildete „Internationale Komitee vom Roten Kreuz“[61] und die mit dem Sitz in Paris gebildete „Liga der Rot­kreuz­ge­sell­schaf­ten“[62]. Als Garant der die Neutralität des Roten Kreuzes sichernden Genfer Kon­ven­tion[63] konnte das Deutsche Reich ohne weiteres die Zulassung zu dem ein solidarisches Vorgehen des Roten Kreuzes bei Erledigung seiner eigentlichen Aufgabe, der Unterstützung des Heeressanitätsdienstes, bezweckenden „Internationalen Komitee“ verlangen. Frankreich versuchte jedoch die Zulassung des Vertreters des Deutschen Roten Kreuzes, des Oberstleutnants Draudt[59], zu dem Komitee von der zuvorigen Anerkennung der deutschen Schuld am Weltkriege abhängig zu machen, mußte sich indessen bescheiden, als der deutsche Vertreter dieses Verlangen [442] unter Billigung der übrigen Mächte ablehnte. Auch seinen Eintritt in die „Liga", welche eine Verständigung der Rotkreuzgesellschaften über die zweckmäßige Erledigung der Friedensaufgaben bezweckt, konnte unser Vertreter erreichen. „Komitee“ und „Liga“ haben sich zu einem „Internationalen Rotkreuz-Kongreß“, einem Welthilfsverbande, zusammengeschlossen.

Eine sehr segensreiche Tätigkeit entfaltete das Deutsche Rote Kreuz sofort nach dem Kriege zum Besten der schwerbedrängten Bevölkerung des besetzten Ge­bie­tes.[64] Es gelang ihm, in die Gefängnisse Eintritt zu erlangen, in ihnen die von der fremden Besatzung verhafteten Zivilpersonen festzustellen, sie mit ihren Angehörigen zu verbinden und mit Liebesgaben und Lektüre zu versorgen.[65] Es hat weiter auch die hilflos zurückgebliebenen Angehörigen der Verhafteten versorgt, ihren Kindern Land- und Kuraufenthalt verschafft und die Einwohner des besetzten Gebietes, welche vor der ihnen drohenden Heimsuchung in das Reich geflüchtet waren, mit Hilfe der Landesvereine unterhalten. Namentlich nach dem Einbruche der Franzosen in das Ruhrgebiet schwoll die Zahl dieser Flüchtlinge rapide an. Auch in Mecklenburg erwuchs unserem Roten Kreuz dadurch eine große Arbeit, die für den Landesverein mein Mitarbeiter Roscher in nicht genug anzuerkennender Weise erledigt hat.

Als im Sommer 1921 die Polen in Oberschlesien einbrachen[66], bis unsere improvisierten Freikorps ihnen in unerschrockenem Kampfe Halt geboten, wurden vom Deutschen Roten Kreuz sofort Sanitäter und Schwestern mit der nötigen Ausrüstung in das Kampfgebiet gesandt, da es an einer sanitären Versorgung der Kämpfer gänzlich fehlte. Mußten doch in Ermangelung von Verbandzeug die Wunden zunächst mit Stroh geschlossen werden.

Auch als in Rußland die Cholera und andere schwere Seuchen ausbrachen, hat das Deutsche Rote Kreuz ein Schiff mit Ärzten und Pflegepersonal hinausgesandt und besonders den schwerbedrängten, im Wolgagebiet angesiedelten Deutschen Hilfe ge­bracht.[67] Als die Ernährung der Bevölkerung durch die Entwertung der Mark[30] in Frage gestellt wurde, besonders im Sommer 1923, hat das Deutsche Rote Kreuz durch Verteilung der vom Auslande, namentlich von Amerika, gespendeten Lebensmittel dem Schlimmsten vorgebeugt. Daneben gelang es ihm, die hygienischen Verhältnisse des Volkes durch Einrichtung der „Gesundheitswoche", vorbildliche Ausstellungen u. a. zu fördern.

Dazu kamen organisatorische Maßnahmen, wie die nach erst recht schwierigen Verhandlungen erreichte Vereinigung des [443] Zentralausschusses für die Innere Mission, des katholischen Caritas-Verbandes und der Zentral-Wohlfahrtsstelle der deutschen Juden mit dem Roten Kreuze zu der „Liga der freien Wohlfahrtspflege“ zum Zwecke des Austausches von Erfahrungen und Aufstellung einheitlicher Grundsätze für die Betätigung der freien Wohlfahrtspflege. Auch die Einführung des „Jugendrotkreuzes“, durch welches die Jugend für die Arbeit des Roten Kreuzes gewonnen werden soll, wurde ein­ge­lei­tet.[68] Alle diese und viele andere Bestrebungen erforderten natürlich große Mittel. Anfänglich befand sich das Deutsche Rote Kreuz in finanzieller Beziehung gegenüber den Landesvereinen in bevorzugter Lage. Durch das Ausland, besonders durch das amerikanische Central relief comitee, waren ihm reiche Geldmittel, Lebensmittel und Bedarfsartikel zugeflossen. Ein sich vornehmlich aus der Großindustrie ergänzender Kreis von „Förderern“ gab reiche Spenden. Den Landesvereinen und Kolonnen konnten davon Zuschüsse gewährt werden. Dies änderte sich jedoch bald. Die Unterstützungen des Auslandes blieben nach dem Kriege aus und die In­fla­tion[30] vernichtete das deutsche Kapitalvermögen. Für das Deutsche Rote Kreuz machte sich überdies die Erhöhung seiner Verwaltungskosten durch die unzweckmäßige Anlage seines Geschäftshauses, des „Ce­ci­lien­hau­ses“[69], empfindlich fühlbar. Erst nachdem es gelang, dieses zu verkaufen und ein anderes, an der Corneliusstraße belegenes zu erwerben und zweckmäßig durchzubauen, konnte der Geschäftsbetrieb vereinfacht und ein großer Teil des Beamtenpersonals abgebaut werden. Die Einnahmen deckten aber auch jetzt noch nicht die Ausgaben. Es mußte eine ausgedehnte Sammeltätigkeit mit Unterstützung der Landesvereine eingeleitet werden, insbesondere durch Einführung eines an einem bestimmten Sonntage im Juni alljährlich Sammelzwecken dienenden Rotkreuztages.

Damit sind die Hauptgegenstände bezeichnet worden, welche uns im Verwaltungsausschuß beschäftigt haben. Diese Zusammenstellung konnte natürlich nicht erschöpfend sein. U. a. mag noch die Schaffung eines zwei Klassen umfassenden Ehrenzeichens des Roten Kreuzes für die Anerkennung besonderer Verdienste um das Rote Kreuz erwähnt werden. Hat auch die Reichsverfassung die Verleihung von Orden aufgehoben, so mußte das Kreuz doch geschaffen werden, um namentlich für ausländische Wohltäter ein sichtbares und willkommenes Zeichen des Dankes zur Hand zu haben. Auch die ersten Reichspräsidenten, Ebert[70] und Hin­den­burg[71], haben es dankend angenommen und auch verschiedenen anderen höheren Reichsbeamten ist es verliehen wor-[444]den, um, wie einmal scherzend bemerkt wurde, sie bei dem Zusammentreffen mit den ordensgeschmückten Vertretern der fremden Mächte im Völkerbünde vor der „Verwechslung mit Kellnern“ zu schützen. Auch ich habe für meine Arbeit im Roten Kreuz die zweite Klasse des Ehrenzeichens erhalten.

[Ende der Mitwirkung im Verwaltungsausschuß und im Mecklenburgischen Roten Kreuz]

Im November 1926 war der Verwaltungsausschuß vom Hauptvorstande neu zu wählen. Da ich ihm schon vier Jahre angehört hatte und die Stelle des Vertreters der kleineren Vereine im Ausschuß tunlichst abwechselnd von den dafür in Betracht kommenden Vereinen besetzt werden soll, kam meine Wiederwahl nicht in Frage. Für mich trat ein Vertreter des hessischen Roten Kreuzes in den Verwaltungsausschuß. Damit war die persönliche Verbindung zwischen dem Mecklenburgischen Roten Kreuz und der Zentrale in Berlin gelöst. Sie war für unseren Verein dadurch wertvoll gewesen, daß er durch mich über die verschiedenen Arbeitsmöglichkeiten auf dem Gebiete des Roten Kreuzes ständig unterrichtet wurde, andererseits aber auch besondere Wünsche bei der Zentrale vertreten konnte. Das Ausscheiden aus dem Verwaltungsausschuß ermöglichte mir auch den schon früher geäußerten Wunsch, durchzusetzen, von der heimatlichen Rotekreuzarbeit befreit zu werden. Durch mein Alter — ich stand im 73. Lebensjahre — sowie durch meine Tätigkeit im Dienste der Landeskirche war meine Arbeitskraft sehr mitgenommen. Ich fühlte, daß mir die Spannkraft fehlte, um sowohl im Dienste der Kirche als in dem des Roten Kreuzes den an mich zu stellenden Anforderungen voll genügen zu können. Ich legte deshalb das Amt eines ersten Vorsitzenden des Mecklenburgischen Roten Kreuzes zum 1. Januar 1927 nieder. Hauptvorstand und Mitgliederversammlung ernannten mich jedoch zum „Ehrenvorsitzenden“. Dadurch blieb ich mit den Arbeiten unseres Landesvereins in Verbindung. Auch behielt ich die Funktionen eines „Territorialdelegierten“ des Reichskommisiars für die freiwillige Krankenpflege in Mecklenburg. Von dem Präsidenten v. Win­ter­feldt[31] erhielt ich ein sehr herzliches Schreiben mit dem Ausdrucke des Dankes für die dem Deutschen Roten Kreuz geleisteten Dienste. Dabei hat mich besonders die Bemerkung des Schreibens erfreut: „Sie haben es immer verstanden, Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen und eine Einigung auseinandergehender Meinungen zum Wohle des Ganzen herbeizuführen.“

Erläuterungen

  1. Adolf Langfeld, Mein Leben. Erinnerungen des mecklenburg-schwerinschen Staatsministers i. R. D. Dr. Adolf Langfeld, Schwerin 1930.
  2. Während des Deutsch-Französischen Kriegs (1870–1871) kapitulierte die französische Armee nach der Schlacht bei Sedan am 2. September 1870, und Napoleon III. (1808–1873) begab sich in die persönliche Gefangenenschaft von Wilhelm I. (1797–1888). Im späteren Deutschen Kaiserreich (1871–1918) wurde jährlich am 2. September, dem Sedantag, dieser Ereignisse gedacht.
  3. Siehe Zernierung.
  4. In 1901 heirate Heinrich zu Mecklenburg (1876–1934), der Herzog zu Mecklenburg, die niederländische Königin Wilhelmina (1880–1962).
  5. Siehe Prinzgemahl.
  6. Das Passagierschiff Berlin strandete am 21. Februar 1907 vor Hoek van Holland, wobei die meisten Passagiere und Besatzungsmitglieder starben.
  7. Von 1908 bis zu seinem Tod in 1934 war Heinrich zu Mecklenburg (1876–1934) der Vorsitzende des Niederländischen Roten Kreuzes und engagierte sich über bloß repräsentative Aufgaben hinaus.
  8. Carl von Bassewitz-Levetzow (1855–1921).
  9. Ludwig von Schack (1850–?).
  10. Siehe Artikel Liebesgabe.
  11. Siehe Stift Bethlehem.
  12. Siehe Artikel Vereinslazarett.
  13. Johann Albrecht (1857–1920).
  14. Elisabeth zu Stolberg-Roßla (1885–1969).
  15. Siehe Schloss Wiligrad.
  16. Siehe Artikel Schwerin.
  17. Siehe Krankenhaus Röntgenstraße.
  18. Siehe Artikel Rostock.
  19. Siehe Artikel Teterow.
  20. Friedrich Franz IV. (1882–1945) und Alexandra von Hannover und Cumberland (1882–1963}}.
  21. Marie von Mecklenburg-Schwerin (1856–1929).?
  22. Erika von Passow (Lebensdaten unbekannt), 1918 verschollen in Turkestan.
  23. Siehe Mark (1871).
  24. Friedrich Franz IV. (1882–1945).
  25. Siehe Artikel Rotes Kreuz und Rotkreuz-Armbinde
  26. Siehe Dolchstoßlegende.
  27. Siehe Friedrich-Franz-Kreuz.
  28. Siehe Versailler Diktat.
  29. Siehe Artikel Friedensvertrag von Versailles.
  30. Siehe Deutsche Inflation 1914 bis 1923.
  31. Joachim von Winterfeldt-Menkin (18651945).
  32. Siehe Artikel Landesverein.
  33. Siehe Artikel Preußischer Landesverein vom Roten Kreuz (1890–1937).
  34. Siehe Artikel Bayerischer Landesverein vom Roten Kreuz (1921–1937).
  35. Siehe Artikel Landesverein vom Roten Kreuz in Sachsen (1919?–1937).
  36. Siehe Artikel Württembergischer Landesverein vom Roten Kreuz (1896–1937).
  37. Siehe Artikel Badischer Landesverein vom Roten Kreuz.
  38. Siehe Artikel Hessischer Landesverein vom Roten Kreuz.
  39. Siehe Artikel Mecklenburgischer Landesverein vom Roten Kreuz (1889–1937).
  40. Siehe Artikel Großherzoglich Sächsischer Landesverein vom Roten Kreuz (1899?–1920).
  41. Siehe Artikel 21. Oktober.
  42. Otto von Dandl (1868–1942).
  43. Hans Wilhelm Kühne (?–?).
  44. Siehe Artikel Kassel.
  45. Friedrich von Brettreich (1858–1938).
  46. Siehe Artikel 21. Januar.
  47. Siehe Artikel Bamberg.
  48. Heinrich II. (973–1024)
  49. Heute: Mustersatzungen.
  50. Alexandra von Hannover und Cumberland (1882–1963}}.
  51. Emil Roscher (1821–1929).
  52. Gustav Stresemann (1878–1929).
  53. Cecilie zu Mecklenburg (1886–1954).
  54. Pauline von Württemberg (1877–1965) = Pauline zu Wied.
  55. Johann Gottlieb Fichte (1762–1814).
  56. Agnes von der Groeben (1862–1955).
  57. Lothar Hugo von Spitzemberg (1868–1930).
  58. Louis Sanne (1875–1940).
  59. Paul Draudt (1877–1944).
  60. Wolfram Freiherr von Rotenhan (1887–1950).
  61. Siehe Artikel Internationales Komitee vom Roten Kreuz.
  62. Siehe Artikel Liga der Rotkreuz-Gesellschaften.
  63. Siehe Artikel Genfer Abkommen.
  64. Im Nachgang zum für das Deutsche Reich verlorenen Ersten Welt­krieg (1914–1918) wurden von 1923 bis 1925 die bis dahin unbesetzt gebliebenen Teile des Ruhrgebiets durch Truppen Frankreichs und Belgiens besetzt. → Ruhrbesetzung.
  65. Vergleiche dazu die Schilderung in den → Memoiren von Joachim von Winterfeldt-Menkin#Seite276.
  66. Die Aufstände in Oberschlesien waren drei polnische bewaffnete Aufstände in Oberschlesien in den Jahren 1919 bis 1922. Die Aufständischen verfolgten das Ziel des Anschlusses Oberschlesiens an Polen.
  67. Vergleiche dazu die → Darstellung von Felix Grüneisen.
  68. Siehe Artikel Jugendrotkreuz.
  69. Berlin.de, Cecilienhaus (Baudenkmal im Gebiet des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf).
  70. Friedrich Ebert (1871–1925).
  71. Paul von Hindenburg (1847–1934).