Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Friedenstätigkeit

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung
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Kapitel 28: Im Dienst der Volkswohlfahrt und Volksgesundheit

[Kriegswohlfahrtspflege]

[176] Wie weit sich die Tätigkeit der Frauenvereine vom Roten Kreuz auf Gebiete der Wohlfahrtspflege und der Gesundheitsfürsorge bereits vor dem Weltkriege erstreckte, ist im zwanzigsten Kapitel (Friedenstätigkeit), wenn auch in knapper Zusammenfassung, dargestellt worden. Während des Krieges waren alle diese Gebiete als „Kriegswohlfahrtspflege“ noch erheblich ausgebaut worden. Sollten sie doch die aus dem Inneren kommenden Gefahren der Mutlosigkeit, die auf die Front zurückwirkten, bannen helfen und dahin wirken, daß dem Nachwuchs des Volkes, der furchtbaren Gefährdung durch Blockade und Aushungerung zum Trotz, über die Not des Krieges hinweggeholfen werden konnte.

[Wohlfahrt in der Nachkriegszeit]

In der Nachkriegszeit bestand keinerlei Veranlassung, diese Tätigkeit einzuschränken, soweit die Mittel nur irgend ihre Durchführung erlaubten. Im Gegenteil, für die Frauenvereine bedeutete es ein nützliches Ausweichen vor den grundsätzlichen Fragen, vor die das Deutsche Rote Kreuz gestellt wurde, wenn sie sich mit voller Energie einer Arbeit widmeten, die sie selbst aufgebaut hatten und deren weitere Verfolgung ihnen größte Befriedigung bot, die vor allen Dingen auch geeignet war, ihre Mitglieder zu interessieren und auch durch Notzeiten hindurch festzuhalten. So wurde die Aufrechterhaltung der wohlfahrtspflegerischen Betätigung des Deutschen Roten Kreuzes, besonders seiner Frauenvereine, eine Grundlage für die Möglichkeit des weiteren Bestandes überhaupt. Der Art nach hielt man sich durchaus im Rahmen der vor dem Weltkrieg betreuten Arbeitsgebiete; dem Umfang nach wurde die Leistung allerdings erheblich gesteigert. Damit erschien das Deutsche Rote Kreuz nach außen als „Organisation der freien Wohlfahrtspflege“. Unter dieser Bezeichnung nahm es an der Ausschüttung von Reichsmitteln teil, die in der Krise von 19231 und in den Folgejahren vom Reich an Länder, öffentliche und private Verbände zur Ablösung der in der Inflatition verloren gegangenen eigenen Einnahmen ausgezahlt wurden. Es nahm auch an den Vergünstigungen teil, die später bei Aufwertung der öffentlichen Anleihen von Reich und Ländern als „Wohlfahrtsrente“ seit dem Jahre 1926 gewährt wurde. Schließlich bestanden [177] auch enge Verbindungen mit anderen Wohlfahrtsorganisationen. Während des Krieges war durch das Mitglied des Deutschen Zentralkomitees Dr. Kühne ein „Verband Deutscher Wohlfahrtsvereinigungen“ bildet worden, der während des Krieges naturgemäß unter der Führung des durch die Stärke seiner Organisation und seine Geltung überragenden Deutschen Roten Kreuzes lag. Nach Kriegsende schlief zwar dieser Verband wieder ein, ähnliche Bestrebungen entstanden aber von neuem um die Frage der Zusammenfassung der Auslandhilfe. Da das Deutsche Rote Kreuz wohlweislich und grundsätzlich ablehnte, andere Verbände oder irgendwelche Aufsichtsstellen für sein Handeln maßgebend werden zu lassen, entstand neben dem Deutschen Roten Kreuz der „Zentralausschuß für die Auslandhilfe“, durch dessen Hand die offizielle amerikanische Hilfsaktion im wesentlichen lief, die unter dem Namen „Quäker-Speisung“ populär wurde. Auf der andern Seite drängten jedoch marxistische Tendenzen der Kommunalisierung und Verstaatlichung aller Wohlfahrtspflege und Gesundheitsfürsorge dazu, gewisse Abwehrmaßnahmen gemeinsam zu planen. Es entstand der „Reichsverband freier gemeinnütziger Kranken- und Pflegeanstalten", dessen erste Aufgabe es war, gegen den Versuch, sämtliche Krankenanstalten ohne weiteres in öffentliche, d. h. marxistische Hand zu überführen, energische Abwehrstellung zu beziehen. Gemeinsame Wirtschaftsnöte in der Zeit fortschreitender Inflation kamen hinzu und forderten gemeinsame Hilfsmaßnahmen. Schließlich entstand aus dieser Zusammenarbeit, die sich immerhin nur auf eng begrenzte Teilgebiete erstreckt hatte, das Bestreben, die Verbände der freien Wohlfahrtspflege als Ganzes zu erfassen. Es entstand 1924 die „Deutsche Liga der freien Wohlfahrtspflege“, ohne das Deutsche Rote Kreuz. Monatelange Verhandlungen, in die das Reichsarbeitsministerium mit der Drohung, die für die freie Wohlfahrtspflege bestimmten Gelder dem Deutschen Roten Kreuz zu entziehen, eingriff, zwangen das Deutsche Rote Kreuz, sich im Jahre 1925 der Liga der freien Wohlfahrtspflege anzuschließen, mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, das geschehe „unbeschadet seiner Sonderstellung als Glied der Weltgemeinschaft des Roten Kreuzes und als Organ zur Erfüllung der Aufgaben der Genfer Konvention.“

[Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege]

Auch die im Jahre 1924 entstandenen Reichsgesetze, das Reichs­ju­gend-[178]wohl­fahrts­ge­setz2 und die Fürsorgepflichtverordnung3, die bestimmte Formen der Zusammenarbeit zwischen öffentlicher und freier Wohlfahrtspflege vorsahen, machten es für die Fortführung der Arbeiten des Deutschen Roten Kreuzes und seiner Frauenvereine zur unabweisbaren Pflicht, als „Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege“ aufzutreten, wobei niemals ein Zweifel darüber bestand, daß es sich hierbei nur um eine Seite des Wesens der Organisation handele.

Es würde zu weit führen, die Tätigkeiten des Deutschen Roten Kreuzes auf diesen Gebieten von 1924 bis 1932 darzustellen. Es hieße eine Geschichte der freien Wohlfahrtspflege, wenn nicht eine Geschichte dieser Zeit überhaupt schreiben, mit allem Jammer der Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung, Verelendung und Hoffnungslosigkeit.

Die Jahresberichte des Deutschen Roten Kreuzes spiegeln die Ereignisse wieder, ein dauerndes Auf und Ab zwischen wirtschaftlichen Krisen, Atempausen unter dem Einfluß bedenkenlos im Ausland aufgenommener Anleihen, an denen sich das Deutsche Rote Kreuz niemals beteiligt hat, kurz dem Bild einer chaotischen Zeit, die vom Deutschen Roten Kreuz eine fast unbegrenzte Anpassungsfähigkeit und Elastizität erforderte. Es darf jedoch hervorgehoben werden, daß dem Umfang nach das Deutsche Rote Kreuz niemals über das Programm hinausgegangen ist, das auch schon vor dem Weltkrieg seine Tätigkeitsgebiete umschrieb, daß der Schwerpunkt immer wieder in positiven, dem Volksganzen dienenden Bestrebungen des Gesundheitsdienstes lag, insbesondere der Fürsorge für Mutter und Kind, für Säuglinge, Kleinkinder und Schulkinder, dem Abwehrkampf gegen Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten, gegen Alkoholismus und Krüppeltum. Die sozialhygienischen Sachverbände arbeiteten eng mit dem Deutschen Roten Kreuz zusammen und bildeten mit diesem einen gemeinsamen Ausschuß. Maßnahmen gesundheitlicher Volkserziehung, wenn auch in bescheidenem Maßstab, wurden gemeinsam geplant und durchgeführt.

[Jugendrotkreuz und dessen Erübrigung]

Als „Jugendrotkreuz"4 wurde die Arbeit an der Jugend und durch die Jugend selbst in der Schule aufgenommen und eine eigene Zeitschrift hierfür herausgegeben5. Das gesundheitliche und charakterbildende Ziel dieser Arbeit wurde nach dem Umbruch von 1933 in das nationalsozialistische Schulprogramm aufgenommen, so daß sich die Fortsetzung [179] der Arbeit als eigenes Jugendrotkreuz erübrigte.6 Jedoch wurde der Schulbriefwechsel, der Austausch von selbstgefertigten Arbeiten der Schulklassen mit Schulen in der ganzen Welt, besonders mit Ja­pan7, fortgesetzt.8

[Gemeindekrankenpflegestationen]

Die Aufrechterhaltung der Gemeindekrankenpflegestationen, ihr Ausbau zu einem möglichst wirksamen Instrument des Volksgesundheitsdienstes stand im Mittelpunkt der Arbeit.

[Anstalten und Einrichtungen]

Die Anstalten, wie Krankenhäuser, Heilstätten, Erholungsheime für Kinder und Erwachsene, Tagesstätten u. dgl., zeigten in ihrem Gedeihen oder dem mühsam geführten Kampf ums Dasein deutlich den allgemeinen Wirtschaftsstand auf. Alle diese Einrichtungen mußten nach der In­fla­tions­zeit1, in der sie restlos verwirtschaftet waren und auch den letzten Bestand an brauchbarem Material verzehrt hatten, von Grund auf erneuert werden. Daß die vom Reich hierfür zur Verfügung gestellten Darlehns- und Zuschußmittel von größtem Wert gewesen sind, um möglichst schnell wieder einen wirtschaftlich und hygienisch einwandfreien Zustand der Anstalten und Einrichtungen zu schaffen, muß dankbar anerkannt werden; immerhin bildeten diese Mittel einen sehr bescheidenen Bruchteil dessen, was an Vermögen und Vermögenswerten in dem Zusammenbruch der Nachkriegszeit verlorengegangen war. Trotz der dringenden Not im Innern wurde das Deutsche Rote Kreuz wiederholt mit der Aufgabe betraut, große Hilfswerke auch im Ausland durchzuführen.

[Auslandhilfe in Russland zugunsten deutscher Siedler]

Als 1920 die Hungersnot in Sowjet­ruß­land9 Formen annahm, die in der Geschichte Europas ohne Beispiel waren, und die Sowjets selbst für richtig hielten, der Weltöffentlichkeit diese Tatsachen bekannt zu machen, beschloß das Internationale Komitee vom Roten Kreuz10 im Einvernehmen mit Fritjof Han­sen11 als Kommissar des Völ­ker­bun­des12 eine Hilfsaktion großen Stils, der sich aus den Vereinigten Staaten eine weitere von Hoover13 geleitete Aktion, die Ara (American Relief Ad­mi­ni­stra­tion14) anschloß. Deutschland war selbstverständlich nicht in der Lage, sich an einem Hilfswerk zur Bekämpfung der Hungersnot in einem fremden Lande zu beteiligen. Die gleichzeitig mit der Hungersnot rasend um sich greifenden Epidemien in der Sowjet-Union ließen jedoch aufhorchen und machten es notwendig, möglichst an Ort und Stelle über [180] den Stand der Dinge Feststellungen zu treffen und zu untersuchen, welche Gefahren etwa der deutschen Grenze durch eine Invasion von Seuchen aus dem Osten drohen konnten. Außer von Fleckfieber war von Cholera und Pest die Rede. Diese Gedanken veranlaßten die Reichsregierung, das Deutsche Rote Kreuz mit der Entsendung einer ärztlichen Expedition nach Sowjet-Rußland zu beauftragen. Die Führung übernahm Professor Mühlens15, der spätere Leiter des Tropeninstituts in Ham­burg16. Ihm unterstanden mehrere junge Bakteriologen und Hygieniker, unter ihnen Dr. Zeiß17, der ein bakteriologisches Laboratorium in Moskau errichtete und auch später noch dort verblieb, Dr. Sütterlin und Dr. Gärtner18, der ein Opfer des Flecktyphus wurde.

Die Hoffnung, die Verbindung mit den deutschen Kolonien an der Wolga und in Südrußland19 aufnehmen und ihnen unmittelbare Hilfe bringen zu können wußte man jedoch in Moskau zunächst zu vereiteln. Man wies der Expedition Kasan an der oberen Wolga als Arbeitsfeld an. Im Herbst 1920 brach die Expedition nach Leningrad auf. Später nachfolgenden Ärzten und anderen Mitarbeitern gelang es schließlich, auch in die deutschen Kolonien an der Wolga und in Südrußland einzudringen. In Odessa und in einigen anderen Städten der Ukraine wurden Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes eingesetzt, die den deutschen Kolonisten vorübergehend Hilfe bringen konnten. 1924 mußten jedoch die Mitglieder der Expedition Sowjet-Rußland verlassen. Lediglich das ehemalige deutsche Krankenhaus in Petersburg, das Alexander-Hospital, setzte unter der Leitung eines deutsch-russischen Arztes, Dr. Karstens, seine Tätigkeit fort, bis es in die Verwaltung der Sowjets zurückgegeben werden mußte.

[„Brüder in Not“ zugunsten von Auslandsdeutschen]

Die Mittel für die Hilfeleistung in Südrußland entstammten einer Sammlung „Brüder in Not“, die erstmalig unter diesem Namen 1921 durchgeführt worden war.20 Als im Jahre 1929 unter dem Druck der sowjetistischen Kollektivierungsmaßnahmen deutsche Kolonisten in Südrußland ihre Scholle verlassen hatten und teils nach Sibirien, teils noch Moskau aufgebrochen waren, um die Genehmigung zur Auswanderung zu erhalten, entschloß sich die Reichsregierung, den Hilferufen zu entsprechen, die auch durch die Deutsche Botschaft in Moskau zu ihr kamen, und die 13000 bei Moskau lagernden deutschen Bauern zu vorübergehen-[181]dem Aufenthalt zwecks Weiterleitung nach Übersee in das Reich zu übernehmen. Die Zahl der tatsächlich nach Deutschland gelangten war etwas weniger als 6000. Die andern 7000 Rußlanddeutschen sind ausnahmslos zugrunde gegangen.

Das Deutsche Reich bestellte einen Reichskommissar für die vorübergehende Unterbringung in den Lagern Hammerstein, Prenzlau und Mölln. Das Deutsche Rote Kreuz wurde mit der Grenzübernahme und der ergänzenden Fürsorge in den Lagern beauftragt. Wieder wurde zusammen mit anderen Organisationen eine Sammlung „Brüder in Not“ veranstaltet, die einen Ertrag von 900 000 RM erbrachte.

Erste Transporte trafen planlos am 3. November 1929 zu Schiff in Kiel, ein weiterer am 2. Dezember 1929 in Swinemünde-Osternothafen ein. Die örtlichen Rotkreuz-Organisationen mußten sofort zur Verfügung stehen, um bei den verantwortlichen hygienischen Maßnahmen mitzuwirken. Die Haupttransporte kamen über Lettland und Littauen nach Eydtkau, wo alles planmäßig von der Medizinalverwaltung und vom Roten Kreuz unter Mitwirkung von Reichswehr und Polizei vorbereitet war. Dom 1. Dezember 1929 an traf täglich um Mitternacht ein Zug mit 1000 Menschen ein, der bis zum Nachmittag völlig gesäubert, desinfiziert und ärztlich betreut sein mußte, um weitergeleitet zu werden und einem neuen Zug Platz zu machen. Das Deutsche Rote Kreuz stellte schleunigst Baracken, Schwestern und Sanitätsmänner, die in ungeziefersicherer Gummikleidung ihren Dienst zu versehen hatten. Insgesamt wurden 60 Rotkreuzschwestern und 74 Sanitätsmänner bei dem gesamten Hilfswerk eingesetzt. Leider waren die Befürchtungen der Infektionsgefahr nicht unbegründet. Besonders die Kinder brachten die Keime schwerer Mischinfektion mit, die zusammen mit völliger Unterernährung und Sehlernährnng viele Todesfälle in den Lagern zur Folge hatten. Außerdem zeigten sich zahlreiche Erkrankungen an Trachom21, die besonders sorgfältige Behandlung erforderten.

Der Wunsch der deutschen Kolonisten, die zu den besten Elementen des Rußlanddeutschtums gehörten und durch ihre prachtvolle Haltung ein Bild des Wertes des damals noch zwei Millionen Menschen starken Rußlanddeutschtums gaben, war fast ausnahmslos gewesen, nach Kanada weiter zu ziehen, wohin viele Rußlanddeutsche bereits vor dem Welt-[182]krieg ausgewandert waren. Dieser Weg blieb jedoch den meisten versagt. So wurde der größte Teil dieser Rückwanderer auf der Siedlung Hammonia bei Blumenau22 in Südbrasilien, ein weiterer Teil, und zwar die Mennoniten, in Paraguay im Gran Chaco angesiedelt.

Zwei Jahre später folgten Transporte der nach Sibirien abgewanderten Bauern, die mit Hilfe des Ausschusses „Brüder in Not“ über Charbin, Schanghai, Marseille nach Südamerika gebracht wurden. Einzelne abgesplitterte Gruppen, die mit unmenschlichen Anstrengungen, und zwar mit kleinen Kindern, den Weg über den Pamir nach Indien gemacht hatten, wurden von dort weiterbefördert.

Daß später in den Jahren 1932 bis 1933 ein drittes Hilfswerk „Brüder in Not“, mit einer ertragreichen Sammlung verbunden, zur Rettung der dem Hungertod preisgegebenen Rußlanddeutschen eingeleitet wurde, die jedoch bald unter dem Gegendruck der Sowjet-Regierung erlahmte, sei nur kurz erwähnt.

[Rotkreuzschwestern in Bulgarien]

Als weitere Hilfsmaßnahmen größeren Umfangs ist an die Entsendung einiger Rotkreuzschwestern nach Bulgarien im Jahre 1926 zu erinnern, die im Rahmen einer Hilfsaktion des Internationalen Roten Kreuzes aus Anlaß der Flüchtlingsbewegungen auf dem Balkan notwendig wurde. Die vom Deutschen Roten Kreuz entsandten vier Schwestern mit einer Oberin übernahmen zwei Stationen in Stanimaka und Kawakli, die 7½ Monate lang aufgebaut, geleitet und dann örtlichen bulgarischen Stellen zur Weiterführung übergeben wurden.

[Typhusepidemie in Hannover 1926]

Eine weitere durch Art und Umfang bemerkenswerte Aktion ergab sich aus Anlaß der Typhusepidemie in Hannover, die in den ersten Tagen des September 1926 ausbrach.23 Die Gesamtziffer der Erkrankten betrug 2300, die der Sterbefälle 280. Mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes wurden sofort Hilfskrankenhäuser eingerichtet, fünf Döckersche Ba­ra­cken24 aus Neu­ba­bels­berg25 abgestellt und außerdem Typhusstationen in den Stadtkrankenhäusern eingerichtet und mit Rotkreuzschwestern besetzt. Im ganzen wurden 32 Deutsche Rotkreuz-Schwestern für die Typhuspflege zur Verfügung gestellt, für die öffentlichen Impfstellen stellte der örtliche Vaterländische Frauenverein 50 Hilfsschwestern, Helferinnen und Vereinssamariterinnen bereit. Größte Arbeit hatten auch die Sanitätskolonnen in Hannover und Linden zu leisten. Sie [183] stellten eine große Anzahl Pfleger zur Besetzung der Städtischen Krankenkraftwagen und für die Typhusstationen. Drei weitere Sanitätsmänner waren als Desinfektoren tätig.

[„Winterhilfe“ 1930–1932]

Seit 1930 trat die „Winterhilfe“ als große, umfassende Aufgabe hervor. Die anwachsende Zahl der Erwerbslosen, die im Februar 1931 zum erstenmal die Zahl 5 Millionen erreichte und jährlich bis 1933 um 1 Million anwuchs, hierzu die Zahl der „unsichtbaren“ Erwerbslosen und Kurzarbeiter, führte den Abgrund vor Augen, an dem Deutschland stand. Kein Mensch konnte annehmen, daß aus Mitteln der Wohlfahrtspflege irgend merkbar eine Abhilfe zu schaffen sei. Das konnte nur mit Mitteln der Politik in der Hand einer starken Staatsführung geschehen. Daran gerade aber fehlte es. So blieb auch dem Deutschen Roten Kreuz nichts übrig, als mit und neben anderen Organisationen mit kleinen Mitteln gegen die große Not anzugehen. Die Zahlen der in den Jahren 1930 bis 1932 als Winterhilfe gesammelten Mittel an Geld und Waren sind beträchtlich, wenn sie auch bei weitem den Vergleich nicht aushalten mit den gewaltigen Ergebnissen des von 1933 ab durchgeführten, straff zusammengefaßten „Winterhilfswerks des Deutschen Vol­kes"26, an dem das Deutsche Rote Kreuz sich nach Kräften beteiligt hat.

Erläuterungen

  1. 1,0 1,1 Siehe Deutsche Inflation 1914 bis 1923.
  2. Das Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt (Reichsjugendwohlfahrtsgesetz, RJWG) vom 9. Juli 1922 trat am 1. April 1924 in Kraft.
  3. Verordnung über die Fürsorgepflicht (Fürsorgepflichtverordnung) vom 13. Februar 1924.
  4. Siehe Artikel Jugendrotkreuz.
  5. Siehe Artikel Deutsche Jugend (1926–1936).
  6. Siehe Artikel 1. Oktober (1935).
  7. Das Japanische Kaiserreich (1868/1890–1947) war seit 1936 durch den Antikominternpakt mit dem NS-Staat (1933–1945) verbunden. Ab 1940, also nach der Veröffentlichung dieses Werks, gehörte es auch zum Dreimächtepakt.
  8. Die Schulbriefwechsel, die ebenfalls in die NS-Propaganda einbezogen werden, bleiben zunächst bestehen, können jedoch spätestens mit Kriegsbeginn nicht mehr fortgesetzt werden. — DRK.de, Die Jahre 1910–1940, abgerufen am 21. Januar 2026.
  9. Hungersnot in Sowjetrussland 1921–1922.
  10. Siehe Artikel Internationales Komitee vom Roten Kreuz.
  11. Fridtjof Nansen (1861–1930).
  12. Völkerbund (1920–1946).
  13. Herbert Hoover (1874–1964).
  14. American Relief Administration (1918–1924).
  15. Peter Mühlens (1874–1943).
  16. Heute: Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin.
  17. Heinrich „Heinz“ Zeiss (1888–1949).
  18. Wolfgang Gärtner (1890–1921).
  19. Siehe Geschichte der Russlanddeutschen. Der Begriff Kolonien gehört zur nationalsozialistischen Propaganda; Deutsche Kolonien gab es tatsächlich von 1871 bis 1918, also zur Zeit des National­sozia­lis­mus (1933–1945) nicht mehr.
  20. Vgl. Joachim von Winterfeldt-Menkin, Jahreszeiten des Lebens. Das Buch meiner Erinnerungen, Berlin 1942, Joachim von Winterfeldt-Menkin/Jahreszeiten des Lebens#Seite265.
  21. Ein Trachom ist eine bakterielle Entzündung des Auges.
  22. Siehe Blumenau.
  23. Johanna Lutteroth, Typhus-Epidemie in Hannover. Killerkeime aus dem Wasserhahn, in: DER SPIEGEL, 8. Juli 2011.
  24. Siehe Artikel Döcker'sche Baracke.
  25. Das Zentraldepot vom Roten Kreuz befand sich in Neubabelsberg.
  26. Das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes war in der Zeit des National­sozia­lis­mus (1933–1945) eine Stiftung öffentlichen Rechts, die Sach- und Geldspenden sammelte und damit bedürftige „Volksgenossen“ entweder unmittelbar oder über Nebenorganisationen der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) unterstützte.