Jahresbericht (1932/33) des Generalsekretärs in der Mitgliederversammlung des Preußischen Roten Kreuzes am 22. Juni 1933

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung

Dieser Bericht des hauptamtlichen Geschäftsführers an die Mitgliederversammlung des Preußischen Landesvereins vom Roten Kreuz (1890–1937) ist bemerkenswert, weil hier der größte und das ganze damalige Deut­sche Rote Kreuz (1921–1937) dominierende Landesverein recht kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) im Januar 1933, also in einer frühen Phase seiner Gleichschaltung mit dem NS-Staat (1933–1945), seine aktuelle Situation zusammenfasst.

Nur fünf Monate nach dem Machtwechsel auf staatlicher Ebene wird bereits die typische Sprache des Nationalsozialismus aufgegriffen, in dem beispielsweise als ungeheure[r] nationale[r] Aufschwung bezeichnet wird. Oder, ein anderes Beispiel: Die Lehrerschaft habe im Jugendrotkreuz einen Bundesgenossen für die Erziehung zu wirklich lebendig gefühlter Volksgemeinschaft, zu kameradschaftlichem Gemeinsinn und Dienst am Ganzen gefunden. Die Organisation wirft sich dadurch rhetorisch dem freien starken Deutschland an den Hals, dem alle [seine] Kräfte gelten sollen. Sie unterstützt ihn auch ganz praktisch, zum Beispiel indem die paramilitärischen Sturm­ab­tei­lung[1] der NSDAP mit Hilfe des Zentraldepots ausgerüstet wird.

Der hier wiedergegebene Text ist einer offiziellen Sammlung von 1935 entnommen. Zur gewählten Vorgehensweise bei der Transkription und Wiedergabe des Originaltextes siehe die → redaktionellen Hinweise zu Volltexten.

Volltext

Jahresbericht (1932/33) des Generalsekretärs in der Mitgliederversammlung des Preußischen Landesvereins vom Noten Kreuz am 22. Juni 1933

[Wohlfahrtspflege]

Im vergangenen Jahre habe ich einen eingehenden Überblick über die soziale Lage, die freie Wohlfahrtspflege und die besondere Rolle des Roten Kreuzes im Rahmen der Wohlfahrtspflege gegeben. — Heute muß ich mich mit wenigen Stichworten begnügen. — Auch jetzt noch zählt das Heer der Arbeitslosen 5 Millionen und weite Schichten der Bevölkerung leben in wirtschaftlicher Enge, können wichtige Lebensbedürfnisse nicht befriedigen. Und doch hat sich die soziale Gesamtlage, die seelische Verfassung der Notleidenden und unsere Einstellung zur Hilfsarbeit von Grund auf geändert. — Damals kreisten die Gedanken um einen Abgrund von Hoffnungslosigkeit. — Der ungeheure nationale Aufschwung hat das Volk von diesem Abgrund fortgerissen und die Menschen mit neuem Lebensmut und dem Glauben an den Wiederaufstieg erfüllt, der die erste Vorbedingung für die soziale Heilung ist. — Wie sich der Aufbau der Wohlfahrtspflege im neuen Staat gestalten wird, läßt sich zur Zeit nur in Umrissen erkennen. — Wir wissen aber, daß das oft überspannte Fürsorgeprinzip zurücktreten wird hinter den Grundsatz, die Kräfte der Selbsthilfe und der Selbstverantwortung zu stärken, und daß das Schwergewicht auf der freien Wohlfahrtspflege liegen wird. — Die Stützung der gesunden Familien, die Förderung der Jugend wird im Mittelpunkt stehen. — Die Bedeutung der freien Wohlfahrtspflege und ihrer Aufgaben ist kürzlich gekennzeichnet worden durch einen hochst begrüßenswerten Erlaß des Herrn Ministerpräsidenten Gö­ring[2], aus dem ich die folgenden markanten Stellen zitiere: „ . . . Wohlfahrt und Jugendwohlfahrt können niemals der Kräfte entbehren, die sich freiwillig aus christlicher Nächstenliebe und aus Verantwortungsgefühl für die Volksgemeinschaft zur Verfügung stellen. Die Heranziehung aller nationalen und religiösen Persönlichkeiten zur tätigen Hilfe und Opferbereitschaft muß Ziel der Volkswohlfahrt im neuen Staat sein.“ —

Werfen wir einen Blick auf die Arbeit der Vorjahre, so tritt die Beteiligung der Männervereine am sozialen Hilfsdienst besonders in der Arbeit der Winterhilfe und in den Maßnahmen im Interesse jugendlicher Erwerbsloser hervor. — Die Winterhilfe hatte bekanntlich auch dieses Jahr einen überraschend erfreulichen Erfolg. — Die Endergebnisse sind noch nicht festgestellt; durch die frachtfrei beförderten Liebesgaben allein konnte bis Ende März eine halbe Million Familien mit Lebensmitteln, eine Million Familien mit Brennholz versorgt werden. — Daneben sind in mühevoller örtlicher Arbeit Millionen in Geld- und Sachwerten aus vielen kleinen Quellen für das Hilfswerk flüssig gemacht worden. — Hier waren die Männerorganisationen vom RK. in ganz Preußen intensiv und erfolgreich tätig. — Ich denke dabei in erster Reihe an die örtlichen Geld-, Lebensmittel-, Kleider- und Brennholzsammlungen, an Volksund Kinderspeisungen und an die für das Gelingen des Hilfswerks so überaus wichtigen organisatorischen Leistungen, an Ansporn und Initiative, die gerade in kleinen dörflichen und städtischen Gemeinden von der umsichtigen Leitung der Männervereine ausgegangen ist. —

Der Aufruf des Herrn Präsidenten des DRK.[3] an die Mitgliedsvereine, sich der arbeitslosen Jugend anzunehmen, fand auch innerhalb des Preußischen Landesvereins überall freudigen Widerhall. — Die jugendpflegerische Tätigkeit erstreckte sich vor allem auf die Bestrebungen zur gesundheitlichen Ertüchtigung der Jugend, das Jugendnotwerk und den Freiwilligen Arbeitsdienst. — In den Lehrgängen der Geländesportschulen haben Mitglieder unserer Jugendgruppen teilgenommen. — In den Lagern hat zum großen Teil das Rote Kreuz den Dienst zur Versorgung Verletzter und Erkrankter ausgeübt. — In einer Reihe von Orten wurden die arbeitswilligen Jugendlichen gesammelt und einer Beschäftigung oder haufiger noch anderen Arbeitslagern zugeführt. — Von vielen Vereinen wurden Unterrichts- und Werkkurse, Jugendwanderungen und Freizeiten veranstaltet. — Im Jugendnotwerk schloß sich an die beruflichen Bildungskurse Gymnastik und Sport; die Verpflegung wurde häufig in Zusammenarbeit mit den Vaterländischen Frauenvereinen ermöglicht. —

Ausführende Organe all dieser Tätigkeit in der Notstandsfürsorge und der Nationalpädagogik waren innerhalb des Preußischen Landesvereins meist die Sanitätskolonnen; Träger waren die Kreis­ver­ei­ne[4]. — Die Zahl der tätigen Kreisvereine beträgt heute 289, die Jahl der Mitglieder rund 70 000, rund 6000 mehr als im Vorjahre. — Die Anerkenntnis der Unentbehrlichkeit der Kreisvereine ist heute wohl Allgemeingut geworden, vor allem nach dem Runderlaß des Deutschen Roten Kreuzes über den Bereitschaftsdienst. — Die Kreisvereine sind verantwortlich für die organische Zusammenarbeit aller Glieder der Organisation innerhalb ihres Bezirks. — Unter der Führung der Pro­vin­zial­ver­ei­ne[5] leiten sie besondere Notstandsaktionen. — Ihre Sache ist die Durchorganisierung des Rettungswesens im sind sie Anschluß an die Nachbarkreise. — Vor allem Helfer und finanzielle Stütze der Sanitäts-Kolonnen. — In mehreren Provinzen sind im vergangenen Jahre zum Teil recht erhebliche Summen von ihnen für die Sanitäts-Kolonnen aufgebracht worden. — Ihre organisatorischen Leistungen sind heute fast durchweg befriedigend, aber der Umfang ihrer rotkreuzfürsorgerischen Tätigkeit ist im alllemeinen noch gering. Sie umfaßt wechselnd: Altveteranen-, Altrentnerfürsorge, Mitwirkung an der Tuberkulosebekämpfung, die Mittelstands- und die Studentenfürsorge, die gesundheitliche Volksbelehrung, die Bekämpfung des Kurpfuschertums und die Werbetätigkeit. — Die Kreisvereine sind im allgemeinen dort am rührigsten, wo Landräte und Bürgermeister an der Spitze stehen und in deren Vertretung Persönlichkeiten aus den Vorständen sich mit Hingabe der Sache widmen. — Die Frage der Persönlichkeit ist ja immer ausschlaggebend. — Wir haben beobachten können, wie in den verschiedensten Gebietsteilen, ja in ganzen Provinzen durch den Einsatz einer einzigen Persönlichkeit in kurzer Zeit ein unerwarteter Aufschwung eintrat und wie es mit dem Wechsel der Persönlichkeit in eben so kurzer Zeit wieder zurückging. — Darum ist die Gewinnung geeigneter Persönlichkeiten nach wie vor die vornehmste Sorge. —

[Schwesternschaften]

Im Schwes­tern­we­sen[6] litten die Mut­ter­häu­ser[7] im abgelaufenen Jahr unter der bekannten Not der Krankenhäuser, in denen wegen der schlechten Belegung teilweise ganze Abteilungen geschlossen werden mußten. — Zum ersten Male hatten wir in den Mutterhäusern Schwestern ohne Beschäftigung. — Bei diesem Notstand konnten natürlich relativ nur wenig Schülerinnen angenommen bzw. geprüfte Schülerinnen in die Schwesternschaften aufgenommen werden. — So können wir für das abgelaufene Geschäftsjahr zahlenmäßig einen Aufschwung in unseren Schwesternschaften leider nicht feststellen. — Ich möchte aber hinzufügen, daß sich in den letzten Monaten schon wieder eine Besserung der Verhältnisse bemerkbar macht. — Wir dürfen hoffen, daß der bevorstehende Wandel in der Sozialpolitik, von der ich eingangs sprach, mit all seinen Folgerungen, die sich daraus insbesondere für die Kommunalpolitik ergeben, unserer Schwesternschaft als einem unentbehrlichen Bestandteil des Bereitschaftsdienstes neue Arbeitsfelder zuführen wird. — Der Preußische Landesverein hat heute 14 Mutterhäuser, dazu kommen die 5 Schwesternschaften, die ihm gemeinsam mit dem Vaterländischen Frauenverein vom RK. zugehören. — Die Gesamtzahl der Schwestern dieser Mutterhäuser beträgt 2752.

[Sanitätskolonnen]

[Kritische finanzielle Situation]

Im Sa­ni­täts­ko­lon­nen­we­sen[8] herrscht allenthalben in ganz Preußen große Rührigkeit, wirklich lebendige Frische und das Wollen zu äußerster Kraftentfaltung. — Aber wie ein lähmender Druck liegt auf dem Ganzen die Finanznot. — Die Kolonnen leisten an Selbsthilfe das Menschenmögliche, aber — ultra posse nemo obligatur![9] — Nach [sic!] dem Hinschwinden des Rotkreuzvermögens in Reich und Ländern und dem immer stärkeren Wegsinken der früheren Finanzquellen ist ohne einigermaßen hinreichende Reichs-, Staats- und Kommunalzuschüsse oder indirekte staatliche Förderung durch die Gewährung von Lotterien mit größerem Spielkapital die Bereitschaft für die Pflichtaufgaben aus der Genfer Konvention und die Schlagfertigkeit der gesamten Organisation ernsthaft gefährdet. — Vielleicht empfiehlt es sich, einmal zusammenzurechnen und nachzuweisen, was das Rote Kreuz selbst in der augenblicklichen Zeit noch aus eigener Kraft jährlich an Geld aufbringt, um darzutun, daß die erforderlichen staatlichen Zuschüsse nicht etwa eine Finanzierung, sondern tatsächlich nur eine Beihilfe bedeuten, — eine Beihilfe allerdings, die für die Pflichtaufgaben heute völlig unentbehrlich ist. —

Der Preußische Landesverein hat für die Sanitäts-Kolonnen im vergangenen Jahre rund 100 000 RM. aufgewendet, eine Summe, die natürlich bei weitem nicht ausreicht, um die immer bedenklicher werdenden Lücken in den Kassen der Kolonnen aufzufüllen. —

Die Finanznot macht sich vor allem geltend in der technischen Vervollkommnung und in der Ausbildung. — In der Bekleidung, der Ausrüstung mit Sanitätsmaterial, der Beschaffung des teuren Gasschutzgerätes sind zwar trotz der Not immer noch Fortschritte erzielt, aber, gemessen an der Größe der Organisation und der Größe ihrer Aufgaben, müssen wir leider feststellen: nicht ausreichend überall. — In der mit besonderen Kosten verbundenen Ausbildung mag die Zahl der Desinfektoren ausreichend erscheinen, sicherlich ungenügend ist aber die Zahl der Krankenpfleger und Hilfskrankenpfleger. In dieser Feststellung liegt kein Vorwurf: allein die Finanznöte sind schuld. —

[Qualifizierungsmaßnahmen]

Die Notwendigkeit einer gründlichen Aus- und Fortbildung, die überragende Bedeutung der Heranbildung geeigneten Führerpersonals ist nunmehr durchweg erkannt und durch Lehrgänge in allen einzelnen Zweigen, durch Führer- und Aerztetagungen, durch die Abhaltung von Prüfungen nach den gegebenen Vorschriften ist allenthalben das Gebotene geschehen. — Der immerwährende Appell, der in dieser Frage vom Preußischen Landesverein und von den Pro­vin­zial­ver­ei­nen[5] seit Jahren ausging, hat seine Früchte getragen.

Das gilt auch für die praktische Schulung zu Rettungsaktionen größeren Stils. — Überall im Lande sind zahlreiche Übungen abgehalten worden, zum Teil auch unerwartete Alarmierungen zusammengefaßter Kolonnenverbände. Für die Zukunft ist geplant, solche Übungen gemeinsam mit den Sanitätsformationen der SA.[1] und SS.[10] zu veranstalten. — Sowohl innerhalb der einzelnen Kolonne wie auch beim Manovrieren zusammengefaßter Kolonnen wird in Zukunft die eigentliche Geländeübung, die Schulung im Kartenlesen, die Orientierung im Gelände bei Tag- und Nachtmarschübungen und Ähnliches eine größere Rolle zu spielen haben als bisher. —

Verstärkten Wert haben erfreulicherweise fast alle Kolonnen auf die Übungen im Ordnungsdienst gelegt nach den Vorschriften des neuen Lehrbuches. Ist dieser Ordnungsdienst in vergangener Zeit häufig von außen her belächelt worden als angebliche „Soldatenspielerei“, so werden wir in der neuen Zeit, die den Wert der Disziplin erkannt hat, diesen Vorwurf nicht mehr hören. —

Die 1. Auflage des neuen Lehrbuches war in kurzer Zeit vergriffen, so daß noch ein Nachdruck hergestellt werden mußte. Die 2. Auflage ist in der Bearbeitung begriffen und erscheint im nächsten Jahr.[11]

[Rettungs- und Sanitätswesen]

Meine Damen und Herren, die immer noch erschreckend wachsende Zahl der Unglücksfälle in Stadt und Land, in Betrieben und im Verkehr erfordert den immer weiteren lückenlosen Ausbau im Rettungswesen. — Es ist und bleibt die Ehrenpflicht des Roten Kreuzes, diesen Dienst freiwillig und unentgeltlich auszuüben und damit Staat und Gemeinden von einer beträchtlichen Finanzlast zu befreien. — In der Vervollkommnung des Straßenhilfsdienstes, des Gebirgs-, Gruben- und Wasserrettungsdienstes ist auch im vergangenen Jahre wieder Erhebliches geleistet worden. — Wir gewinnen durch diese Tätigkeit in der Ersten Hilfe das ständige Bereitsein zum vollen Einsatz der Organisation bei Seuchen und Epidemien, bei Katastrophen und Notständen und letzten Endes, wenn es gilt, das Vaterland zu verteidigen. —

Den vor wenigen Jahren neu übernommenen besonderen Arbeitszweig, den Gassanitätsdienst für den zivilen Luftschutz, haben die Kolonnen mit wahrem Feuereifer aufgegriffen. — Es haben eine ganze Reihe von Übungen im Zusammenwirken mit der Polizei, der Feuerwehr, der Technischen Nothilfe unter Führung der Luftschutzbehörden stattgefunden und eine beträchtliche Zahl von Gastrupps sind bei den Kolonnen gebildet worden. — Im November 1932 und im Mai 1933 haben die ersten systematischen Lehrgänge des Deutschen Roten Kreuzes für Kolonnenärzte im Akademischen Wehramt in Oranienburg stattgefunden. — Ein weiterer Kursus folgt demnächst. — Danach werden 160 Ärzte als Lehrer im Gassanitätsdienst herangebildet sein. — Die Kurse werden noch fortgesetzt, so daß bald die genügende Anzahl von Lehrmeistern vorhanden sein wird zur Ausbildung der übrigen Kolonnenärzte, der Kolonnenangehörigen und der Schwestern. — In den behördlichen Luftschutzbeiräten sind die Pro­vin­zial-[5] und Kreisvereine vertreten. — Wie Sie wissen, untersteht neuerdings die gesamte Luftschutzorganisation dem Luftfahrtministerium, von dem dem Roten Kreuz in der Gesamtorganisation ein besonderer Platz eingeräumt worden ist. — Der neue Reichs­luft­schutz­bund[12] befaßt sich mit der Aufklärung und Werbung sowie der Vorbereitung und Durchführung des Selbstschutzes der Bevölkerung.

Immer größere Ausmaße nehmen die Verpflichtungen unserer Kolonnen in der Unterstützung des öffentlichen Sanitätsdienstes an durch die zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen, die großen vaterländischen Kundgebungen und durch den Sport. — Es mag daher eine gewisse Entlastung bedeuten, wenn sich hierbei in beschränktem Umfange auch die Sanitätsformationen der SA.[1] und SS.[10] beteiligen, mit denen nach der Verfügung des Sonderbeauftragten des Herrn Reichsministers des In­nern[13] ein enges freundschaftliches Zusammenarbeiten erfolgen soll. — Aus dieser Tätigkeit im vergangenen Jahre möchte ich wegen ihrer historischen Bedeutung zwei Ereignisse herausgreifen: einmal die glänzend vorbereitete und durchgeführte Hilfeleistung brandenburgischer Kolonnen in Potsdam bei der denkwürdigen Feier der Reichstagseröffnung am 21. März 1933[14] in der Gar­ni­son­kir­che[15], und zweitens die Hilfeleistung Berliner Kolonnen bei dem ungeheuren Menschenandrang vor dem brennenden Reichs­tags­ge­bäu­de[16]. —

Im Vergleich zum vergangenen Jahr ist das preußische Gebiet von schweren Katastrophen gottlob weit geringer heimgesucht worden. — Genannt werden muß aber das Eisenbahnunglück am Bahnhof Gesundbrunnen in Berlin, bei dem Formationen Berliner Kolonnen mit Erfolg eingesetzt werden konnten, als sie eben von der Beisetzung ihres verstorbenen Ehrenvorsitzenden heimkehrten. — Dann aber vor allem das furchtbare Explosionsunglück in Neunkirchen im Februar 1933, das noch in unser aller Erinnerung ist, dem 60 Tote, 150 Schwerverwundete und zahlreiche Leichtverletzte zum Opfer fielen.[17] — Dank der wirklich hervorragenden Alarmierungseinrichtungen im Saargebiet waren saarländische und benachbarte rheinische Kolonnen in denkbar größter Eile an der Unglücksstelle erschienen und haben unter der Leitung ihres bewährten Bezirksinspekteurs Dr. Kalefeld alle ihre Kräfte eingesetzt bei der Ersten Hilfe und der Absuchung des großen Trümmerfeldes nach Verwundeten und Toten. — Der hervorragenden Leistungen dieser Kolonnen, die Leben und Gesundheit wagten, sei an dieser Stelle mit Dank und Anerkennung gedacht. —

[Jugendgruppen, Erste-Hilfe-Ausbildung]

Meine Damen und Herren, ich konnte nur einige der wesentlichen Zweige unserer Kolonnen-Arbeit berühren. — Die Einzelberichte werden auf die übrigen Schaffensgebiete noch näher eingehen, so besonders auch auf die immer mehr heranwachsende und aufblühenden Tätigkeit der Jugendgruppen, das erste große Jugendtreffen im Zeltlager in Clausthal-Zellerfeld, die Ausbildung von Betriebshelfern für die Industrie, Forst- und Landwirtschaft, die Kurse in Erster Hilfe für Studenten und in den Schulen, und vieles andere mehr. —

[Zeitschrift „Rettung und Hilfe“]

Über all die mannigfaltigen Arbeitsgebiete hat die ZeitschriftRettung und Hil­fe[18] berichtet, um deren Verbesserung und Ausgestaltung wir bemüht sind. — Dank sei vor allem den Vereinen und Kolonnen gesagt, die mehr als die Pflichtexemplare dieser Zeitschrift halten. — Die Zeitschrift hat sich zu unserer Freude in ihrem Ursprungsjahr ohne Zuschuß getragen. —

[Statistik]

Die Sanitätskolonnen haben sich im Berichtsjahre in Preußen um die erstaunliche Zahl von 170 vermehrt, die ordentlichen Mitglieder um 10 500. — Dagegen ist die Zahl der außerordentlichen Mitglieder — eine Folge der Wirt­schafts­not[19] — um 14 000 zurückgegangen. — Die Zahl der einzelnen Hilfeleistungen ist gegen das Vorjahr um 47 000 gestiegen und betrug im ganzen 1 076 990. —

[Zentraldepot in Neubabelsberg]

Im Zen­tral­de­pot[20] in Neu­ba­bels­berg[21] ist der Umsatz wertmäßig geringer geworden, mengenmäßig unter Berücksichtigung der Preisermäßigung der gleiche geblieben. — Die Ba­ra­cken­be­we­gung[22] hat sich verringert; die Ursachen hierfür sind die leichteren Isolierungsmöglichkeiten in den geringer belegten Krankenhäusern. — Im Depot, das künftig auch an die Sanitätsformationen der SA.[1] liefern wird, ist eine ständige Ausstellung eröffnet worden.

[Volksheilstättenverein]

Der im Dienst der Tuberkulosebekämpfung stehende Volksheilstättenverein vom RK. teilte das Schicksal aller anderen deutschen Tbk.-Heilstätten in einer erheblichen Abnahme der Patientenziffer in den Hohenlychener Heilanstalten. Die Berliner Walderholungsstätte Jungfernheide mußte als letzte ihrer Art nach jahrelangem segensreichen Wirken aufgegeben werden und wurde einem Vaterländischen Frauenverein vom RK. zum Ausbau als Mutter- und Säuglings-Erholungsstätte überlassen. — Durch einschneidende Sparmaßnahmen und Nationalisierung des Betriebes hat der Verein die Anstalten über die Krisenzeit gerettet.

[Anstalt Saasa]

Die unmittelbar der Zentrale des Preußischen Landesvereins angeschlossene Anstalt Saasa (Schwes­tern­schaft[23], Schwestern-Altersheim, Erholungsheim und Kinderheim) war im Berichtsjahre ganz im Gegensatz zu anderen Anstalten außerordentlich stark belegt und konnte sehr günstig abschließen. —

[Jugendrotkreuz]

Zum Schluß ein Wort über die Arbeit des Deutschen Ju­gend­rot­kreu­zes[24]. — Sie hat auch in diesem Berichtsjahr an Umfang und Bedeutung im ganzen Reiche zugenommen, besonders aber in Preußen, wo immer noch ihr Schwergewicht liegt. — Dankbar und anerkennend hat sich die nationale Schule des neuen Deutschland der lebendigen Erziehungsmittel angenommen, die das Jugendrotkreuz ihr bietet. — Die Lehrerschaft fand in ihm einen Bundesgenossen für die Erziehung zu wirklich lebendig gefühlter Volksgemeinschaft, zu kameradschaftlichem Gemeinsinn und Dienst am Ganzen. — Die erfreulich ansteigende Entwicklung auf allen seinen Arbeitsgebieten kommt am besten in folgenden Vergleichszahlen zum Ausdruck, die aber nur als äußere Anhaltspunkte gelten können einer im Grunde viel weiter ausgebreiteten Tätigkeit; am 1. April 1932 zählte das Jugendrotkreuz in Preußen 927 Gruppen mit 24 367 Kindern, am 1. April 1933 1267 Gruppen mit über 34 000 Kindern. — Das ist ein Zuwachs von 340 Gruppen mit nahezu 10 000 Kindern. — Den Hauptteil an dieser Steigerung trägt der deutsche Osten, vorwiegend Ost­preu­ßen[25] und Pom­mern[26]. — Allein im letzten Viertel des Berichtsjahres kamen 50% aller preußischen Anmeldungen von Jugendrotkreuzgruppen aus Ostpreußen. — Der Stärkung dieser Ostarbeit des Jugendrotkreuzes dient der innerdeutsche Schulbriefwechsel, der sich seit seinem Bestehen verzehnfacht hat und mit seinen nahezu 400 verschiedenen Schulverbindungen den Briefwechsel mit dem Ausland an Umfang übertrifft. — Den Hauptanteil an der Entwicklung aber hat die Zeitschrift „Deutsche Ju­gend“[27], die einen Zuwachs von 3000 Abonnenten hat und die heute unbestritten als die führende Jugendzeitschrift in Deutschland gilt.

[Schlussworte]

Meine Damen und Herren! Die letzten Monate unseres Berichtsjahres sahen die beispiellose Erhebung des deutschen Volkes unter nationalsozialistischer Führung, eine Erhebung, die im ganzen Deutschen Roten Kreuz, auch in unserem Preußischen Landesverein mit all seinen Gliedern begeisterten Widerhall fand. — Das Sehnen nach solcher Erhebung erfüllte schon die große Kundgebung der Sanitäts-Kolonnen aus dem ganzen Reich am Deutschen Eck[28] in Ko­blenz[29] im vergangenen Sommer. Es ist in Erfüllung gegangen. — Sie kennen die Hemmungen und Angriffe, unter denen wir in vergangener Zeit gelitten haben. Wie der Staat das Rote Kreuz braucht, so bedarf das Rote Kreuz wie kaum eine andere Organisation des Rückhaltes an einem wahrhaft nationalen Staat und Volk. Dieser Rückhalt ist heute gegeben und ein neuer Weg dem Roten Kreuz erschlossen. Er führe zu gesteigertem Rotkreuzwirken in einem freien starken Deutschland, dem alle unsere Kräfte gelten. —

Erläuterungen

  1. Die Sturmabteilung (SA) war die paramilitärische Kampforganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP, 1920–1945) während der Weimarer Republik (1918–1933) und spielte als Ordnertruppe eine entscheidende Rolle beim Aufstieg der Nationalsozialisten, indem sie deren Versammlungen vor Gruppen politischer Gegner mit Gewalt abschirmte oder gegnerische Veranstaltungen behinderte. Aufgrund ihrer Uniformierung mit braunen Hemden ab 1924 wurde die Angehörigen der Organisation auch Braunhemden genannt. Nach dem sogenannten Röhm-Putsch (1934) verlor die SA zugunsten der Schutzstaffel (SS, 1925–1945) stark an Bedeutung.
  2. Hermann Göring (1893–1946).
  3. Joachim von Winterfeldt-Menkin (18651945).
  4. Siehe Artikel Kreisverein
  5. Siehe Artikel Provinzialverein.
  6. Siehe Artikel Schwesternschaft.
  7. Siehe Artikel Mutterhaus.
  8. Siehe Artikel Sanitätskolonne.
  9. Lateinisch für: Über das Können hinaus wird niemand verpflichtet! — Siehe Ultra posse nemo obligatur.
  10. Die Schutzstaffel (SS) war eine Organisation der NSDAP, die ihr als Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument diente.
  11. Mindestens bis 1935 erschien sie nicht.
  12. Siehe Reichsluftschutzbund.
  13. Wilhelm Frick (1877–1946) war von 1933 bis 1943 der Reichsminister des Innern.
  14. Siehe Tag von Potsdam.
  15. Gemeint ist die Garnisonskirche in Potsdam.
  16. Der heute so genannte Reichstagsbrand fand in Berlin in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 statt.
  17. Siehe Gasometerexplosion in Neunkirchen (Saar).
  18. Siehe Artikel Rettung und Hilfe.
  19. Siehe Weltwirtschaftskrise.
  20. Siehe Artikel Zentraldepot vom Roten Kreuz.
  21. Siehe Artikel Neubabelsberg.
  22. Siehe Artikel Döcker'sche Baracke.
  23. Else-Schwesternschaft vom Roten Kreuz (1928–1945?) in thüringischen Saasa.
  24. Siehe Artikel Jugendrotkreuz.
  25. Siehe Ostpreußen.
  26. Siehe Provinz Pommern.
  27. Siehe Artikel Deutsche Jugend.
  28. Siehe Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck.
  29. Siehe Artikel Koblenz.