Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Friedenstätigkeit

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung
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Kapitel 20: Friedenstätigkeit

[124] […] Seit der Denkschrift des Preußischen Zentralkomitees für die Internationale Konferenz von 1869 war es eine Selbstverständlichkeit, die Kräfte und Mittel des Roten Kreuzes für die Notstände in Friedenszeiten einzusetzen. Die Tätigkeit, die hier entfaltet wurde, wurde im Laufe der Zeit so umfangreich, daß auf eine Vollständigkeit der Darstellung von vornherein verzichtet werden muß.

Für die Männerorganisationen, die Sanitätskolonnen und Genossenschaften ergab sich fast zwangsläufig der Einsatz im ständigen Rettungsdienst. Die Leistungen der Ersten Hilfe, der Krankentransport und die Seuchenbekämpfung wurden die gegebenen Arbeitsfelder der Sanitätskolonnen. Der erste Internationale Kongreß für Rettungswesen in Frankfurt a. M. im Juni 1908 konnte das Ergebnis der jahrzehntelangen Aufbauarbeit auf diesem Gebiet feststellen, das an Umfang in keinem anderen Land Europas erreicht wurde.

Als Einrichtungen des Rettungswesens waren von den Sanitätskolonnen schon in erheblichem Ausmaß Kolonnenhäuser, Unfallstationen und Rettungswachen eingerichtet worden. Versammlungssäle, Unterrichts- und Übungsräume wurden meist von den Gemeinden in Schulen und Verwaltungsgebäuden zur Verfügung gestellt, womöglich wurden auch Werkstätten für Improvisationen eingerichtet.

Das Zusammenwirken mit den Gemeinden wurde entschieden und planmäßig gefördert, und zwar auch durch die Gewährung finanzieller Beihilfen, die dadurch gerechtfertigt waren, daß den Gemeinden die Sorge für eigene Rettungseinrichtungen abgenommen wurde.

Das Zusammenwirken mit den Gemeinden galt auch der Seuchen-[125]bekämpfung. Die Männer- und Frauenvereine hatten durch Sanitätskolonnen und Helferinnen Pflegekräfte bei Notständen zur Verfügung zu stellen. Das Zentraldepot in Neubabelsberg lieh zunächst unentgeltlich seine Baracken an Gemeinden im Falle des Ausbruchs ansteckender Krankheiten aus. Erst das Reichsseuchengesetz vom 30. Juni 1900, das den Gemeinden die Verpflichtung von Hilfsmaßnahmen beim Ausbruch von Seuchen auferlegte, brachte die Möglichkeit, ein Vertragsverhältnis zwischen dem Zentraldepot und den preußischen Landkreisen einzuleiten, das sich Jahr für Jahr weiter ausdehnte. Die Landkreise hatten eine feste Jahresgebühr von 5.— Mark für 1000 Kreisangehörige zu entrichten und erhielten dafür den Anspruch, im Notfall Baracken für Seuchenzwecke zur Verfügung zu erhalten. Diese Einrichtung besteht weiter bis zur Gegenwart. Auch das Zusammengehen mit den Unfallberufsgenossenschaften zwecks Ausbildung von Betriebshelfern geht auf die Zeit der Jahrhundertwende zurück.

Für die Schwesternschaften ergab sich eine ständige Ausdehnung ihrer Arbeitsgebiete durch Besetzung von staatlichen und städtischen Krankenhäusern, schließlich auch von Militärlazaretten. Im April 1906 wandte sich der Preußische Kriegsminister an den Kaiserlichen Kommissar mit der Mitteilung, daß er beabsichtige, zur Ausübung der Krankenpflege in den Garnisonlazaretten mehr als bisher weibliche Pflegekräfte heranzuziehen. Hierfür wurden besonders strenge Anforderungen gestellt, ja sogar eine eigene Diensttracht für Armeeschwestern 1907 eingeführt. Diese Diensttracht zeigte selbstverständlich das Rote Kreuz, unterschied sich aber von den bisher üblichen Diensttrachten der Schwesternschaften der Mutterhäuser vom Roten Kreuz. Aus dieser Diensttracht der Armeeschwestern hat sich die heutige Diensttracht der DRK.-Schwestern entwickelt.

Eine Sonderaufgabe erwuchs den Schwestern vom Roten Kreuz durch die Tätigkeit in den deutschen Kolonien. Der Deutsche Frauenverein vom Roten Kreuz für die Kolonien, der am 30. April 1888 ins Leben gerufen wurde, hatte sich die Aufgabe gestellt, den deutschen Familien in den Kolonien in Fällen von Krankheiten und Verletzungen behilflich zu sein. Deshalb wurden besonders ausgebildete Schwestern in die Kolonien entsandt und dort in Stationen angesetzt, von denen aus [126] sie in weitem Umkreis die einzelnen Familien zu besuchen hatten. Die Sonderausbildung bezog sich auf Tropenkrankheiten, die hauptsächlich im Hafenkrankenhaus für Tropenkranke in Hamburg erworben wurde, und auf die Hebammenausbildung, die für die Schwestern in Afrika unentbehrlich war. Allmählich schlossen sich auch eigene Lazarette und Krankenhäuser an, so 1894 in Lindi, 1895 in Tanga und Daressalam. 1892 wurde das von der Kolonialverwaltung in Kamerun erbaute Lazarett vom Frauenverein eingerichtet und ausgerüstet. Das gleiche geschah 1903 in Windhuk. Im September 1894 wurde in Anecho (Togo) das Nachtigal-Krankenhaus errichtet, das bald erweitert werden mußte. Kindergärten in Windhuk, Schwesternstationen in Tsingtau, Pflegestationen in Windhuk, Swakopmund, Keetmanshoop, Grootfontein in Südwestafrika wurden geschaffen. Es muß an dieser Stelle darauf verzichtet werden, die große Zahl von Einrichtungen und Stationen vollständig zu benennen, die allmählich in den vier afrikanischen Kolonien, in Samoa und China entstanden.

Fast unübersehbar ist das Arbeitsgebiet, das die Frauenvereine vom Roten Kreuz im Laufe der Jahre und Jahrzehnte in allen Teilen Deutschlands übernahmen. Aus der Denkschrift und den Beschlüssen von 1869 ist bereits der Hinweis auf Armen-Krankenpflege als geeignetes Tätigkeitsfeld für den Einsatz von Schwestern in Friedenszeiten erwähnt worden.

Tatsächlich ist die Gemeindekrankenpflege nicht geschaffen worden, sondern entstanden: bei der Hungersnot mit schwerer Typhusepidemie in Ostpreußen 1867 wurden von den eben ins Leben gerufenen Frauenzweigvereinen Schwestern, und zwar Diakonissen und Ordensschwestern, ins Land gerufen, um überall in den Dörfern die Seuchenkrankenpflege zu übernehmen. Nach Abklingen der eigentlichen Gefahr hatten sich die Schwestern als so unentbehrlich erwiesen, daß man sie nicht wieder gehen ließ. Sie traten in ein dauerndes Vertragsverhältnis zu den Vaterländischen Frauenvereinen, und damit waren die ersten Gemeindekrankenpflegestationen entstanden. Wenig später vollzog sich in Hannover und Schlesien nahezu der gleiche Vorgang.

Bei der Darstellung der Geschichte des Badischen Frauenvereins wurde ebenfalls erwähnt, daß die Ausbildung von Frauen und Mädchen aus [127] dem Kreise der Vereine zunächst die Gewinnung von Hilfskräften für die Gemeindepflege zum Ziel hatte. Auch hier wurden bald überwiegend konfessionelle Schwestern zum Einsatz in Krankenpflegestationen herangezogen, z. T. bildeten sich auch eigene Krankenpflegevereine, die sich dem Badischen Frauenverein anschlossen.

In einer Zeit, in der die Krankenhäuser vielfach noch manches zu wünschen übrigließen, in weiten ländlichen Gebieten jedoch überhaupt fehlten und die Kosten der Krankentransportes — abgesehen von der Unzuträglichkeit mit langsam fahrenden Pferdewagen — unerschwinglich waren, konnte im allgemeinen nur die Gemeindepflegerin dafür sorgen, daß die Anordnungen des Arztes sorgfältig ausgeführt und den Familienangehörigen und hilfsbereiten Nachbarn die nötige Anleitung zur Pflege und Wartung, für zweckmäßige Kost und Sauberkeit gegeben werden konnte. Der Kampf gegen Mißbrauch, Wunderkuren und Pfuscherei gehörte von Anfang an zu den wichtigsten Aufgaben der Gemeindeschwester, die zeitweise allerdings selbst vor dem Mißtrauen der Ärzte nicht ganz geschützt war, daß sie sich in ärztliche Befugnisse einmische.

Bis zu Beginn des Weltkrieges verfügten die Frauenvereine vom Roten Kreuz über annähernd 2000 Gemeindepflegestationen.

Eine weitere umfassende Aufgabe der Frauenvereine wurde die Säuglingsfürsorge. Schon in den ersten Entstehungsjahren hatten sich die Frauenvereine mit Kinder- und Säuglingsfürsorge befaßt, allerdings überwiegend durch Unterhaltung von Kindergärten und Krippen. Erst später wandte sich die Aufmerksamkeit einem Gebiet zu, das erst aus der Statistik augenfällig werden mußte, dem Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit. Das allmähliche Absinken der Geburtenziffer, die in Deutschland im Jahre 1878 ihren Höhepunkt überschritten hatte, fing Ende der neunziger Jahre an, Besorgnisse zu erwecken, die nicht zum wenigsten der Erhaltung der Wehrtüchtigkeit des Volkes galten. Zwar nahmen die Zahlen der Geburten alljährlich zu, die Prozentziffer der alljährlich Geborenen geriet jedoch in immer schnelleres Sinken.

Auf der anderen Seite starben z. B. im Jahre 1904 von 100 lebend Geborenen in Deutschland 19,6 Kinder, während die entsprechenden Zahlen für

Norwegen ..... 7,6
Schweden ..... 9,0
Holland ..... 13,7
Frankreich ..... 14,4
England ..... 14,6
Italien ..... 16,1
Österreich ..... 20,9

waren. Die Fehler, die diese Zahlen durch verschiedene Ansetzungen der Statistik enthielten, waren damals noch nicht bekannt. Sie gaben jedoch einen energischen Antrieb zu Kampfmaßnahmen, in deren vorderste Reihe sich die Vaterländischen Frauenvereine vom Roten Kreuz und die anderen Rotkreuzfrauenvereine stellten. Die Kaiserin bestätigte diese Zielsetzung durch ein Schreiben vom 15. 11. 1904 (Anl. 12). Der Bayerische Frauenverein hatte schon im Jahre 1902 in München Merkblätter über Ernährung und Pflege der Kinder im ersten Lebensjahre den Standesbeamten zur Austeilung bei der Meldung von Lebendgeburten übermittelt. Die Wochenpflegerinnen, Gemeindeschwestern und sonstigen Einrichtungen der Frauenvereine wurden in den Dienst der Sache gestellt. Säuglings- und Wöchnerinnenheime, Milchküchen und Milchabgabestellen wurden eingerichtet, endlich auch die Säuglingsfürsorgestellen geschaffen, in denen Arzt und Schwester zusammen wirkten. Die ersten derartigen Fürsorgestellen richtete der Zweigverein Charlottenburg ein. Eine weitere, seitdem allgemein üblich gewordene Einrichtung der Vaterländischen Frauenvereine waren die Wanderkörbe für Wöchnerinnen in Gestalt eines Deckeleimers oder einer Kinderbadewanne mit dem notwendigen Inhalt. Hierzu kamen entsprechende Ausstattungen für die Säuglinge.

Ein hauptsächlich von dem Badischen Frauenverein ausgebautes Arbeitsfeld war der Haushaltunterricht in eigenen Schulen, später schlossen sich auch die Vaterländischen Frauenvereine durch Errichtung von Wanderkursen mit Wanderlehrerinnen an. In Berlin wurde 1908 ein Seminar für Hauswirtschaftslehrerinnen geschaffen, das dem Karlsruher Seminar des Badischen Frauenvereins annähernd entsprach. Der Ausbildung der Frauen und der Helferinnen in der Herstellung von [129] Massenspeisungen dienten die Volksküchen, die in vielen Städten entstanden und örtliche Notstände wirksam bekämpfen halfen.

Walderholungsstätten in der Nähe der Großstädte, die vielfach auch erholungsbedürftigen Müttern mit ihren Säuglingen tagsüber oder auf Wochen eine Heimstätte bieten sollten, wurden von 1906 ab, z. B. in Berlin-Schönholz, geschaffen. Kindererholungsheime und Kinderheilstätten entstanden in Solbad Elmen bei Magdeburg (1876), Wiesbaden (1893), Stolpmünde (1894).

In den Kampf gegen die Tuberkulose schaltete sich das Rote Kreuz durch Errichtung eines Volksheilstättenvereins vom Roten Kreuz ein, der auf Anregung des Preußischen Zentralkomitees und in enger Verbindung mit diesem 1899 geschaffen wurde. Der ersten Gründung der Heilstätte Grabowsee folgte das allmählich zu seinem heutigen Umfang heranwachsende Hohenlychen. Die Vaterländischen Frauenvereine in Kassel und Magdeburg schufen die Lungenheilstätten Oberkaufungen und Vogelsang. In Graudenz entstand ein Lupusheim des Vaterländischen Frauenvereins 1908, das mit Röntgenapparat, Finsen-Reyn-Lampe und Quarzlampe ausgestattet war.

Alle diese Tätigkeitsgebiete dienten dem Kampf gegen Notstände des deutschen Volkes, als Vorbereitung auf die Aufgaben, die dem Roten Kreuz für Kriegszeiten und in Kriegseiten oblagen: der Erhaltung der Kraft und Gesundheit des Volkes, der Bekämpfung von Schädigungen der Volksgesundheit und der unmittelbaren Hilfeleistung während eines Krieges.

Der Kampf gegen Notstände erhielt ein besonderes Gesicht, wenn es sich um größere Katastrophen und Seuchen handelte. Zwar liegen Naturkatastrophen von dem gewaltigen Ausmaß, wie sie in anderen Ländern und Erdteilen mit pulkanischem Boden oder mit ungebändigten Strömen und häufig wiederkehrenden Wirbelstürmen zu den unabwendbar regelmäßig wiederkehrenden Heimsuchungen gehören, in Mitteleuropa außerhalb des Bereichs jeder Wahrscheinlichkeit. Die dichte Besiedlung des Landes und das Angewiesenfein auf den eigenen engen Lebens- und Nahrungsraum gibt jedoch schon kleineren Katastrophen und Notständen eine Bedeutung, wie sie andererseits nur schweren Naturkatastrophen zukommt.

[130] Von vornherein war es selbstverständlich, daß die Hilfe bei solchen Ereignissen eine spezifische Aufgabe des Roten Kreuzes sei, und zwar wurden gerade die Frauenvereine schon zu Beginn ihrer Tätigkeit vor große Aufgaben dieser Art gestellt.

Im Jahre 1867 erlitt Ostpreußen eine Mißernte schwerster Art. Die Wintersaaten waren erfroren und konnten im Frühjahr nicht nachbestellt werden. Was überdauert hatte und schnittreif zu werden versprach, wurde durch unaufhörliche Regenfälle vernichtet und konnte nicht geerntet werden. Fruchtbarste Gebiete wurden von den über die Ufer tretenden Flüssen unter Wasser gesetzt. Damit wurde auch die Hoffnung auf die Kartoffelernte enttäuscht. Im frühen Herbst setzte schon härteste Winterkälte ein, so daß die Not mit einem Schlage da war. Der Teuerung folgte nun Hungersnot in dem Maße, daß Menschen auf den Landstraßen erschöpft zusammenbrachen, erfroren und im Straßengraben umkamen.

Die preußische Regierung glaubte zunächst durch Gewährung von Krediten helfen und sonst dem freien Handel die Beseitigung des Notstandes überlassen zu können, erkannte aber bald, wie nützlich die Initiative der Vaterländischen Frauenvereine wurde, die sich überall in Ostpreußen bildeten. Die praktische Arbeit galt der Heranschaffung von Lebensmitteln zu verbilligten Preisen, der Schaffung von Arbeitsgelegenheiten und Verteilung von Arbeitsmaterial. Die Lebensmittel wurden meist in Suppenanstalten und Volksküchen ausgegeben, die ihre Portionen größtenteils unentgeltlich, bei minderer Bedürftigkeit gegen geringen Entgelt austeilten. Im ganzen wurden in den ostpreußischen Notgebieten im Winter 1867 etwa 3 Millionen Essen ausgegeben. Außerdem wurde für Feuerungsmaterial und Bekleidung gesorgt. Die Mittel kamen aus allen Gegenden Preußens, in denen Sammlungen veranstaltet wurden.

Zur Hungersnot kam bald noch eine Flecktyphus-Epidemie, die durchgreifende Maßnahmen der Krankenpflege und Absonderung nötig machte. Welche Bedeutung der Einsatz von Krankenschwestern hierbei erlangte, wurde schon oben geschildert. Zur Leitung der sanitären Maßnahmen wurde der Direktor der Charité, Esse, vom Vaterländischen Frauenverein nach Ostpreußen entsandt. Er blieb dort längere Zeit [131] in Wirksamkeit. Noch 1868 und 1869 waren die Folgen des Notjahres 1867 nicht überwunden.

Diese erste Hilfsmaßnahme größeren Umfangs bildete den Auftakt für kommende Jahre und Jahrzehnte.

Im Jahre 1879 gab die in Oberschlesien eingetretene Mißernte infolge von Regengüssen und Überschwemmungen mit Vernichtung der Kartoffelernte wieder Anlaß zu organisierten Hilfsmaßnahmen großen Maßstabes. Über 600 000 Mark betrugen die Einnahmen des Notstandsausschusses, der unter Beteiligung des Roten Kreuzes von der Regierung gebildet war. Hierzu kamen bedeutende Mengen an Lebensmitteln (200 t) und Kleidern. Im Kreise Ratibor mußten auch Typhuslazarette errichtet werden.

Weitere Notstandsmaßnahmen größeren Umfangs wurden 1882/83 am Mittelrhein und in der Eifel, 1888/89 in Posen, Westpreußen, Brandenburg, Sachsen und Hannover notwendig. Große Überschwemmungen folgten 1899 im Alpenvorland, 1903 in Schlesien, wohin auch einige Döckersche Baracken entsandt wurden, 1909 in Bayern, Thüringen und Sachsen. Jedesmal beteiligte sich das Deutsche Rote Kreuz praktisch an den Hilfsmaßnahmen, während die Aufbringung der Mittel gewöhnlich in der Hand besonderer Notstandsausschüsse unter Sührung der Regierungsbehörden lag. Teilweise wurden aber auch von den Vaterländischen Frauenvereinen selbst Sammlungen im Betrage von einigen hunderttausend Mark aufgebracht, z. B. 1888 über 710 000 Mark allein bei der Zentralstelle in Berlin.

Die Hamburger Choleraepidemie von 1892, mit einigen Nebenherden in Ostpreußen, stellte wieder besondere Anforderungen. Der Hamburger Vaterländische Frauenverein erweiterte sofort sein neues Krankenhaus um 20 Notbetten und entlastete damit die Staatskrankenhäuser, die als Choleraspitäler eingerichtet wurden, richtete neben seinem Krankenhaus Cholerabaracken mit 110 Betten ein und stellte außerdem sofort 18 Schwestern für die Cholerapflege zur Verfügung. Eine größere Anzahl Deutsche Rotekreuzschwestern wurde von anderen Mutterhäusern nach Hamburg entsandt.

Eine bemerkenswerte Sonderleistung war die Aufnahme der Bekämpfung der verheerenden Körnerkrankheit (Trachom) in Ostpreußen, [132] für die von 1897 an alle Mittel des ostpreußischen Vaterländischen Frauenvereins eingesetzt wurden. Durch planmäßigen Einsatz von Schwestern gelang es bis 1904, den Kampf gegen die überall auf dem Lande früher im verborgenen fortschreitende Krankheit entscheidend durchzuführen, so daß sie in den Folgejahren fast völlig geschwunden ist.

Ganz anderer Art war die Hilfeleistung, zu der das Deutsche Rote Kreuz durch den Untergang des deutschen Panzerschiffs „Großer Kurfürst“ mit 269 Mann am 31. Mai 1878 aufgerufen wurde. Hier galt es, in Ergänzung der amtlichen Fürsorgemaßnahmen, den Hinterbliebenen zu helfen. Der Vorgang wiederholte sich bei Verlust der verschollenen Korvette „Augusta“ im Jahre 1885, bei dem Untergang des Kanonenboots „Iltis" in einem Taifun des chinesischen Meeres 1896 und bei dem Untergang des Panzerschiffs „Gneisenau“ vor Malaga im Jahre 1900.

Abschließend seien einige Beteiligungen des Deutschen Roten Kreuzes bei Naturkatastrophen erwähnt, die in der ganzen Welt einen tiefen Eindruck hinterließen. Als 1902 die französische Insel Martinique in Westindien durch einen Vulkanausbruch mit Erdbeben fast vernichtet wurde, veranstaltete das Deutsche Rote Kreuz eine Sammlung, als deren Ergebnis rund 60&hairp;000 Mark der französischen Regierung überreicht werden konnten.

Am 23. Januar 1904 wurde die norwegische Stadt Aalesund von einer Feuersbrunst fast völlig zerstört. Zur Hilfeleistung wurden vom Hamburgischen Landesverein zwei Ärzte, sieben Schwestern und zwölf Krankenpfleger entsandt, außerdem sechs transportable Baracken, 100 Betten, ferner Kleider, Handwerkszeug usw.

Die umfassendste Hilfeleistung galt der größten Naturkatastrophe, dem Erdbeben, das in den letzten Tagen des Jahres 1908 Messina und Kalabrien zerstörte und fast 100000 Menschen das Leben kostete. Am 2. Januar 1909 wurde ein verstärkter Hilfseinsatz beschlossen. Am 5. Januar ging ein Waggon mit Instrumenten, Verbandmaterial und Wäsche nach Neapel als Stützpunkt des deutschen Hilfsunternehmens ab. Am nächsten Tage folgten drei Ärzte, sechs Schwestern und zwei Sanitätsmänner, bald danach weitere zwei Ärzte und sieben Schwestern. Aus verschiedenen Gegenden Deutschlands rollten 37 Eisenbahnwagen mit [133] Kleidungsstücken, Verbandmaterial und Lebensmitteln innerhalb weniger Tage nach Süditalien ab. Am 27. Januar wurde der Dampfer „Illyria“ mit sechs transportablen Baracken und voller Ausstattung abgelassen. Zur Unterbringung der Obdachlosen wurden 17 Barackenzelte angekauft, die vier Eisenbahnwagen füllten und bei Syrakus als Zeltdorf vereinigt aufgestellt wurden. Dem gleichen Zweck dienten zehn Holzbaracken aus Düsseldorf für je vier Familien, die je zur Hälfte in Reggio und Messina errichtet wurden.

Das deutsche Lazarett arbeitete vom 12. Januar bis 18. Februar an insgesamt 119 Kranken. Es waren ausschließlich Schwerverletzte. Die Restbestände wurden örtlichen Krankenhäusern und sonstigen Anstalten überlassen. 100 Betten erhielt das Waisenhaus in Syrakus für 100 Waisenkinder aus Messina, für deren jedes außerdem ein Sparkassenbuch mit 50 Lire für Jungen, 75 Lire für Mädchen eingerichtet wurde.

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