Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Einleitung [des Zweiten Buchs]
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Kapitel 10: Einleitung [des Zweiten Buchs]
[Föderalismus als Feindbild]
Unter diesen politischen Voraussetzungen war es ohne weiteres gegeben, daß die Verwirklichung der Genfer Beschlüsse von 186312, an denen die Vertreter von acht deutschen Ländern mitgewirkt hatten, nämlich die Bildung von „Hauptausschüssen", nur in den einzelnen deutschen Ländern erfolgen konnte. So viele Ländersouveränitäten bestanden, so viele Organisationen nach Genfer Programm waren zu bilden. Die Ge-
[Frauenorganisationen im Roten Kreuz]
Aber nicht allein die Aufteilung nach einzelnen deutschen Ländern war für den geschichtlichen Weg bezeichnend, fast ebenso war es das Nebeneinander von Männer- und Frauenorganisationen. Und dieses Nebeneinander, dem Reibungen nicht fern bleiben konnten, ist bestimmt eines der entscheidenden Momente dafür gewesen, das Rote Kreuz in Deutschland sich stärker und blühender entfalten zu lassen, als das in irgendeinem anderen Lande Europas der Fall gewesen ist. Nur die Vereinigten Staaten und Japan, beide aus ganz besonderen Gründen, die in der geopolitischen Struktur ihrer Länder den Ursprung haben, übertreffen darin das Deutsche Rote Kreuz.
Die Stärke eigener Frauenorganisationen neben den von Männern geführten und gebildeten Verbänden bestand in der Frische der Initiative und der Lebendigkeit des Empfindens, die zwar Anlaß zu Meinungsverschiedenheiten geben konnte, aber zunächst jedoch davor schützte, daß etwa der Gedanke des Roten Kreuzes in Vergessenheit geraten konnte, wie das 1870 in Paris17 der Fall war. Dort mußte Dunant18 erst eine neue Bekanntgabe des Genfer Abkommens im Französischen Kriegsministerium durchsetzen; selbst den Militärärzten war vielfach der Sinn der Armbinde mit dem Genfer Abzeichen unbekannt. Das war in Deutschland niemals möglich, und zwar wesentlich dank dem energischen Vorwärtstreiben der Frauenorganisationen.
[Primat der Kriegstätigkeit gegenüber Aufgaben im Frieden]
Aus der Entwicklung ergab sich, daß in der gesamten Betätigung des Deutschen Roten Kreuzes im Laufe von sieben Jahrzehnten die Betonung der Aufgaben für den Krieg und für den Frieden je nach der politischen Lage wechselten. Z. B. wurde gerade aus dem Kreise der deutschen Frauenverbände 1869 das Friedensprogramm in den Vordergrund gestellt, und nicht zufälligerweise machte sich Virchow zu seinem Sprecher.22 Noch entschiedener mußte das, besonders nach außen hin, bei dem inneren Zusammenbruch nach Beendigung des Weltkrieges der Fall sein, als in der Masse des deutschen Volkes der Glaube an die Ideologie des Ewigen Friedens Wurzeln geschlagen hatte. Das waren zugleich die Zeiten, in denen das vorzugsweise auf den Kriegsfall abgestellte Aufgabengebiet der Männerorganisationen mit besonders heftigen Schwierigkeiten zu
Entscheidend für die rasche und schwungvolle Entwicklung der Hilfsvereine in Deutschland waren naturgemäß die eigenen Erfahrungen in den Kriegen von 18645 und 186623, denen bald im Kriege 1870/7124 eine sehr viel schwerere Belastungsprobe folgen sollte. Die Lücken im Sanitätswesen wurden um so deutlicher empfunden, als der Krieg 1866 von einer Choleraepidemie begleitet war, die dreimal soviel Opfer forderte, als der Krieg selbst. Daß sich unter diesen Umständen ein Mangel an Pflegekräften noch viel sinnfälliger geltend machen mußte, gab einen Ansporn zur Entfaltung der Kräfte im Sinne des Genfer Abkommens. Vor allen Dingen weckte die nationale Hochspannung, unerachtet des Bewußtseins, in einem Kriege unter deutschen Brüdern zu stehen, die opferwillige Hilfsbereitschaft, und es war im Geist jener Tage, anklingend an Erinnerungen der Freiheitskriege, daß die Königin Augusta25 ihrer Gründung den Namen „Vaterländischer Frauenverein“ gab. Galt es doch, die Frauen und Mädchen mobil zu machen für die im Selde stehenden Männer, Väter und Brüder, die Söhne des Vaterlandes, deren Leben und Gesundheit erhalten werden sollte. Ihnen galt der Einsatz, das Opfer, wobei als selbstverständlich angesehen wurde, daß man keinen Unterschied machen wollte zwischen Freund und Feind.
Unausgesprochen, aber nicht weniger wirksam, leitete alle Maß-
Die Geschichte des deutschen Volkes spricht, oft nur undeutlich erkennbar, von den Schicksalswendungen, die nicht durch Gewalt der Waffen, sondern der Krankheit herbeigeführt wurden. Von den Heerzügen der Ottonen, Salier und Staufer nach Italien angefangen, die nach erfolgreichem Beginn oft genug mit der Vernichtung der Heere durch Seuchen endigten, über die Kanonade von Valmy27, von der Goethe28 eine neue Epoche der Weltgeschichte ausgehen sah29 und die eine Niederlage der verbündeten deutschen Armeen wurde, nicht durch die Kanonen des französischen Revolutionsheeres, sondern durch die Ruhr30, bis zur Spanischen Grippe 191831, deren Bedeutung sich im Dunkeln verliert, wird eine unsichtbare Feindmacht erkennbar, gegen die es sich zur Wehr zu setzen galt und immer gelten wird.
Erläuterungen
- ↑ Der Deutsche Bund war ein Staatenbund, der von 1815 bis 1866 bestand.
- ↑ Der Bundestag des Deutschen Bunds, offiziell Bundesversammlung genannt, bestand von 1815 bis 1866. Er tagte in Frankfurt am Main, außer bei seiner letzten Sitzung in 1866, die in Augsburg stattfand.
- ↑ Das Komitee der Fünf gründete 1863 das Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege, das 1876 durch Umbenennung zum Internationalen Komitee vom Roten Kreuz wurde.
- ↑ Elbherzogtümer ist ein vor allem im 19. Jahrhundert gebräuchlicher deutscher Sammelbegriff für die Herzogtümer Schleswig (1200–1864), Holstein (1296–1876) und ggf. Sachsen-Lauenburg (1296–1876).
- ↑ 5,0 5,1 Der Deutsch-Dänische Krieg war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich auf der einen Seite und Dänemark auf der anderen Seite. Er dauerte vom 1. Februar bis zum 30. Oktober 1864. Preußen und Österreich gingen aus dem Konflikt als Sieger hervor.
- ↑ Beim Deutsch-Dänischen Krieg (1864) hatte das 1863 gegründete Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege seinen ersten Einsatz bei einem bewaffneten Konflikt. Als neutrale Beobachter waren Charles van de Velde (1818—1898) und Louis Appia (1818–1898) entsandt worden. Sie trugen dabei zum ersten Mal eine Rotkreuz-Armbinde. Seit 1989 erinnert ein Gedenkstein in Dybbøl Sogn daran.
- ↑ Der Deutsche Krieg war eine militärische Auseinandersetzung zwischen dem Deutschen Bund (1815–1866) unter Führung Österreichs einerseits und Preußen sowie dessen Verbündeten andererseits. Der Krieg dauerte vom 14. Juni bis 23. August 1866 und wurde von Preußen gewonnen.
- ↑ Gemeint ist wohl die Gründung örtlicher Initiativen und von Landesvereinen.
- ↑ Otto von Bismarck (1815–1898).
- ↑ Deutsche Reichsgründung.
- ↑ Gemeint ist der österreichische Teil von Österreich-Ungarn (1867–1918), das die Nationalsozialisten als ein deutsches Land betrachteten und daher 1938 durch den gewaltsamen 'Anschluss' Österreichs zur Erreichung des 'Großdeutschen Reichs' annektierten.
- ↑ Gemeint sind die Beschlüsse und Wünsche der Internationalen Konferenz in Genf vom 26. bis 29. Oktober 1863, denn das Genfer Abkommen zur Verbesserung des Loses der Verwundeten und Kranken der bewaffneten Kräfte im Felde wurde erst 1864 beschlossen.
- ↑ Das Centralkomitee der Deutschen Vereine zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger entstand bereits 1869. Den autoritär geprägten Nationalsozialisten war jeder Föderalismus zuwider.
- ↑ Das Deutsche Rote Kreuz wurde 1921 gegründet.
- ↑ NS-Staat (1933–1945).
- ↑ Siehe Artikel Gesetz über das Deutsche Rote Kreuz (1937).
- ↑ Bei der deutschen Belagerung von Paris (1870–1871) wurden 24.000 Soldaten getötet oder verwundet, und es gab darüber hinaus ein Mehrfaches an zivilen Opfern.
- ↑ Henry Dunant (1828–1910).
- ↑ Rudolf Virchow (1821–1902).
- ↑ Die II. Internationale Konferenz des Roten Kreuzes fand vom 22. bis 27. April 1869 in Berlin statt.
- ↑ Vgl. dazu: Hilmar Conrad, Rudolf Virchows Vorstellungen von einer human-bürgerlichen Krankenpflege in der Zeit des preußischen Kulturkampfes. Über die Auseinandersetzungen im Preußischen Haus der Abgeordneten zwischen Rudolf Virchow, dem Kultusministerium und der Zentrumspartei über die katholischen Krankenpflegeorden, Masterarbeit, Koblenz 2021.
- ↑ Bei der Conferenz der Frauen-Vereine zu Berlin, die vom 5. bis 6. November 1869 stattfand, hielt Virchow eine Rede mit dem Titel Die berufsmässige Ausbildung zur Krankenpflege, auch ausserhalb der bestehenden kirchlichen Organisation. Mehr dazu: Hilmar Conrad, Rudolf Virchows Vorstellungen von einer human-bürgerlichen Krankenpflege in der Zeit des preußischen Kulturkampfes. Über die Auseinandersetzungen im Preußischen Haus der Abgeordneten zwischen Rudolf Virchow, dem Kultusministerium und der Zentrumspartei über die katholischen Krankenpflegeorden, Masterarbeit, Koblenz 2021, Seiten 73ff.
- ↑ Der Deutsche Krieg war eine militärische Auseinandersetzung zwischen dem Deutschen Bund (1815–1866) unter Führung Österreichs einerseits und Preußen sowie dessen Verbündeten andererseits. Der Krieg dauerte vom 14. Juni bis 23. August 1866 und wurde von Preußen gewonnen.
- ↑ Der Deutsch-Französische Krieg vom 19. Juli 1870 bis 10. Mai 1871 war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Frankreich einerseits und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens sowie den mit ihm verbündeten süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt andererseits. Frankreich verlor den Krieg, trat den Großteil des Elsass und einen Teil von Lothringen ab, woraus das kurzlebige Reichsland Elsaß-Lothringen (1871–1918} geformt wurde, und das Deutsche Kaiserreich (1871–1918) entstand.
- ↑ Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach (1811–1890).
- ↑ Friedrich Loeffler (Mediziner, 1815) (1815–1874).
- ↑ Wikipedia|de|Kanonade von Valmy}} am 20. September 1792.
- ↑ Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832).
- ↑ Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen. — Johann Wolfgang von Goethe, Campagne in Frankreich, 1819–1822.
- ↑ Die Dysenterie (Ruhr) ist eine entzündliche Erkrankung des Dickdarms.
- ↑ Spanische Grippe (1918–2020).
