Freiwilligkeit

Aus Roter Kreis - Enzyklopädie des Rotkreuz-Wissens

Allgemeines

Der Grundsatz der Freiwilligkeit ist einer der sieben Grundsätze der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung.

Grundsatz

Deutscher Text

Die Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung verkörpert freiwillige und uneigennützige Hilfe ohne jedes Gewinnstreben.[1]

Englischer Text

It is a voluntary relief movement not prompted in any manner by desire for gain.[2]

Deutscher Slogan

Wir handeln aus Menschlichkeit – und nicht aus Gewinnstreben (ab 2018)

Wir arbeiten rund um die Uhr, aber nie in die eigene Tasche (2000–2017)

Fallbeispiele

Pflichtdienst im Katastrophenschutz (Fiktion)

Ein großer Schritt nach vorn, für den Katastrophenschutz, sagt der Innenminister des Landes Sachsen beim jährlichen Pressegespräch, und ergänzt, dass damit die weißen Hilfsorganisationen der Feuerwehr gleich gestellt werden, womit wir einen lang ersehnten Wunsch erfüllen. Analog zur Pflichtfeuerwehr würde ab kommenden Jahr ein Pflichtdienst in den Einheiten des Katastrophenschutzes eingeführt, wenn die Hilfsorganisationen nicht genug ehrenamtliche Helfer dafür stellen könnten. Um ihnen damit nicht zu schaden, indem der Staat ihnen durch Regieeinheiten etwas wegnähme, würden die so verpflichteten Bürger den Hilfsorganisationen zum Dienst überstellt.

Im Weiteren führt er aus wie die Auswahl durch die Katastrophenschutzbehörden auf Basis von Einwohnnermeldedaten erfolgen solle und welche Härtefallregelungen es gäbe. Zusätzlich habe die Landesregierung beschlossen, die Organisationen, die verpflichtete Helfer einsetzen würden, mit großzügigen Zuwendungen aus dem Katastrophenfonds zu unterstützen. So sei die Finanzierung der Ausbildung und Ausrüstung der neuen Helfer gesichert. Insgesamt verspricht sich der Minister eine dauerhafte Sicherstellung des Katastrophenschutzes in Land Sachsen: Wir haben einen wichtigen Baustein zur Sicherheit der sächsischen Bürgerinnen und Bürger gelegt.

Einer der anwesenden Journalisten engagiert sich in seiner Freizeit bei der Wasserwacht und erinnert sich an sein Rotkreuz-Einführungsseminar. Er stutzt daher und fragt den Innenminister, ob das Konzept mit den Hilfsorganisationen abgestimmt sei. Selbstverständlich, erwidert dieser und führt fort: Sie sind hellauf begeistert, denn ihre Personalprobleme sind damit kostenneutral gelöst, und sie müssen keine Einheiten abgeben. Sie müssten auch nicht aufwendig unter den Verpflichteten für sich werben, denn diese würden abhängig vom Wohnort der nächsten Einheit des Katastrophenschutzes zugewiesen werden. Welche Hilfsorganisation die Einheit besetze, spiele dabei keine Rolle. Der Journalist hakt nach: Auch das DRK hat dem zugestimmt? Es ist an seine sieben Grundsätze gebunden, die sogar im DRK-Gesetz stehen, und dazu gehört die Freiwilligkeit. Der Minister, dessen Referent ihn schon auf den Folgetermin hinweist, entgegnet: Die Malteser nehmen auf diesem Weg auch nichtkatholische Helfer an. Die Organisationen wissen unser Geschenk zu schätzen. Mit diesen Worten verabschiedet er sich und eilt zu seinem nächsten Termin.

Seinen verwirrt zurückgebliebenen Kollegen erklärt der Journalist: Das Deutsche Rote Kreuz gehört zur Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung, die sich weltweit sieben Grundsätze verpflichtet habe. Sie seien so wichtig, dass sie in Deutschland sogar Eingang in das DRK-Gesetz gefunden hätten. Das DRK sei daher gesetzlich verpflichtet, diese Grundsätze einzuhalten. Es sei also staatlicher Wille und im staatlichen Interesse, dass es die Grundsätze beachte. Das sei auch in Sachsen so.

Einer der sieben Grundsätze sei die Freiwilligkeit. Die zwangsweise Zuweisung zum Dienst im Katastrophenschutz des Deutschen Roten Kreuzes, ohne dabei eine Wahl haben, widerspreche ganz offensichtlich diesem Grundsatz. Das würde auch mittelbar die Unabhängigkeit gefährden; das sei ein weiterer Grundsatz. Ein älterer Kollege merkt an: Aber ich habe damals meinen Zivildienst in den 1970er Jahren auch beim DRK abgeleistet, und das habe ich bestimmt nicht freiwillig getan.Ihr Zivildienst an sich war nicht freiwillig, das stimmt, antwortet der Journalist seinem Kollegen, aber Sie hatten damals die freie Wahl, bei welcher Organisation Sie ihren Dienst ableisten. — Ja, das ist wahr., nickt jener zustimmend. Ich habe mich damals ausdrücklich für das DRK entschieden, weil es zu keiner Kirche gehört.

Versicherungsvermittlung zusätzlich zum Hausnotruf (Fiktion)

Der Fachkräftemangel hat auch einen Kreisverband in Niedersachsen erreicht. Da sein Angebot des Hausnotrufs, das er im Rahmen der Wohlfahrtspflege macht, gut nachgefragt wird, will der Kreisverband an diese Zielgeruppe weitere Leistungen verkaufen und die betreffenden Mitarbeiter dabei leistungsgerecht belohnen. Das deutlich höhere Gehalt soll sie an ihren Arbeitgeber binden.

Die Idee besteht darin, Versicherungen zu vermitteln. Angedacht zum Hausrat-, Krankenzusatz- und Sterbeversicherungen. Die Mitarbeiter, die sich dafür qualifizieren, erhalten großzügige Provisionen, und die übrigen Gewinne fließen an den Kreisverband zur Finanzierung sozialer Aufgaben, die nicht kostendeckend sind. Unter den Mitarbeitern herrscht Euphorie und Aufbruchsstimmung, denn sie können ihre Gehälter deutlich verbessern. Eine Verdopplung und sogar Verdreifachung ist möglich.

Der Konventionsbeauftragte weist bei der Diskussion im Vorstand auf den Grundsatz der Freiwilligkeit hin. Demzufolge solle der Kreisverband ohne jedes Gewinnstreben tätig sein. Das schließe keine wirtschaftlichen Geschäftsfelder aus und erlaube auch eine angemessene, faire Bezahlung der Mitarbeiter. Doch die zu erwartenden Provisionen wurden zu sehr hohen Zahlungen an die Mitarbeiter führen. Das könne nicht nur zu einem Fehlanreiz und einseitiger Beratung führen, sondern auch die Gemeinnützigkeit des Kreisverbands gefährden. Nichts anderes fordere der Grundsatz: Die Hilfe des Roten Kreuzes solle uneigennützige Hilfe sein. Doch die geplante Versicherungsvermittlung nutze vor allem den Vermittlern. Außerdem sei das Versicherungsgeschäft keine DRK-Aufgabe.

Ein anderes, aus Bayern stammendes Vorstandsmitglied entgegnet: Der Zentrale Omnibusbahnhof in München wird vom dortigen Kreisverband betrieben, der aus den Überschüssen gemeinnützige Aktivitäten finanziere. Das sei sicherlich auch keine DRK-Aufgabe. Aber die Gewinne blieben in der Organisation und würden nicht vor allem an Mitarbeiter ausgeschüttet. Für ihn sei nachvollziehbar, dass das mit dem Grundsatz nicht zu vereinbaren sei. Für die Mitarbeiter würden so die eigentlichen Ziele der Roten Kreuzes aus dem Blick geraten.

Der Vorstand beschließt daraufhin, das Vorhaben nicht umzusetzen.

Weitere Informationen

Einzelnachweise

  1. Deutsches Rotes Kreuz, Die Grundsätze des Roten Kreuzes und Roten Halbmondes, Berlin, 15. Mai 2019.
  2. Internationale Föderation, The seven Fundamental Principles, Genf, 22. September 2010.