Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Das Internationale Comitee für Verwundetenhilfe

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung
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Kapitel 5: Das Internationale Comitee für Verwundetenhilfe

[Komitee der Fünf]

[25] Die einzige entscheidende Antwort kam von Gustave Moy­nier[1], dem Vorsitzenden der Genfer Gemeinnützigen Ge­sell­schaft[2]. Moynier, der kluge, nüchtern denkende, sorgfältig abwägende und formulierende Mann, wurde der unentbehrliche Kampfgenosse Du­nants[3]; beide ergänzten einander in entscheidender Weise auf der Bahn zum Enderfolg, der ohne Dunants kühnen, fast schwärmerischen Gedankenflug und seine beredte Überzeugungskraft und Moyniers klar überlegende Verfolgung des Ziels nicht erreichbar gewesen wäre.

Moynier setzte es durch, daß die Genfer Gemeinnützige Gesellschaft einen fünfgliedrigen Aus­schuß[4] und mit der Verfolgung des Planes Dunant beauftragte. Der Ausschuß bezeichnete sich als Internationales Comitee für Verwundetenhilfe (Comité international de secours aux bles­sés).[5] An die Spitze trat der in der ganzen Schweiz und darüber hinaus in höchstem Ansehen stehende General Du­four[6], Moynier wurde sein Vertreter, Dr. Ap­pia[7] hatte Dunant bereits bei Abfassung seines Buches beraten, Dr. Mau­noir[8] kam hinzu, Dunant selbst wurde Schriftführer.

Damit war eine Plattform geschaffen, die dem bisher völlig privaten Vorgehen Dunants Rahmen, Namen und Ansehen gab. Vorausgreifend sei gesagt, daß das heutige Internationale Comitee vom Roten Kreuz in Genf die geradlinige Fortsetzung des seinerzeit geschaffenen Ausschusses ist, an dessen Spitze Moynier bis zum Jahre 1910 stand[9].

[Erster Übereinkommensentwurf]

Dieser Ausschuß trat am 17. Februar 1863 zusammen und beauftragte Moynier und Dunant mit der Abfassung einer Denkschrift, die dem im Herbst des Jahres in Berlin stattfindenden internationalen Wohlfahrtskongreß vorgelegt werden sollte. Inzwischen hatte Dunant aus eigenem Vermögen eine weitgespannte Propaganda aufgenommen, deren Ergebnisse er bei der folgenden Tagung am 17. März bereits vorlegen konnte. Die Zeit bis zur dritten Zusammenkunft am 25. August füllte Dunant mit einer angespannten Tätigkeit in Briefwechsel nach allen Ländern, Reisen und Besprechungen aus. Besonders wichtig erwiesen sich die Beziehungen zu dem holländischen Stabsarzt Dr. Bas­ting[10] [26] im Haag, dem preußischen Generalarzt Dr. Loeff­ler[11] und dem Leibarzt Dr. Boe­ger[12] in Berlin.

In der Besprechung vom 25. August wurde mitgeteilt, daß der Wohlfahrtskongreß in Berlin nicht stattfinde und daraufhin beschlossen, eine eigene internationale Konferenz nach Genf auf Ende Oktober einzuberufen. Moynier und Dunant sollten die Einladungen hierzu erlassen. Ein von Moynier und Dunant aufgesetzter Übereinkommensentwurf in 10 Artikeln sollte der Einladung beigefügt werden. Weiter teilte Dunant mit, daß er an dem am 6. bis 12. September in Berlin stattfindenden internationalen Statistischen Kongreß teilnehmen werde, um ihn für die Sache zu interessieren, er werde sich ferner nach Dresden, Wien, München usw. begeben, um die Teilnahme des deutschen Publikums zu gewinnen.

[Statistischer Kongreß in Berlin und Erweiterung des Entwurfs]

In Berlin hatte Dunant schon vorher die Wege für seine Pläne geebnet. Von größter Bedeutung war das Interesse der preußischen Königsfamilie, besonders der Königin Au­gus­ta[13] und des Kron­prin­zen[14], die schon 1862 durch Vermittlung von du Bois-Rey­mond[15], Pétavel u. a. Dunants Buch kennengelernt und ihr Interesse ausgesprochen hatten.

Bei dem Kongreß übernahm es der Holländer Dr. Bas­ting[10], den vom Genfer Comité verfolgten Plan in enger Zusammenarbeit mit Dunant zu empfehlen und zur Beschickung der Genfer Konferenz aufzufordern. Über den Genfer Plan hinaus fand bei den anwesenden Militärärzten der Gedanke der Neutralisierung der Verwundeten selbst sowie der Ärzte und des sonstigen Sanitätspersonals besonderes Verständnis. Sobald in der Schlußsitzung vom 12. September der Kongreß seinen Wünschen für das Gelingen der in Genf beabsichtigten Konferenz Ausdruck gegeben hatte, verfaßte Dunant, unterstützt von Basting und einigen Berliner Freunden, ein neues Rundschreiben mit der Einladung zu der Genfer Konferenz auf den 26. Oktober; dem bisherigen Plan wurden nun aber noch folgende Punkte hinzugefügt:

  1. Jede Regierung Europas möge dem nationalen Generalausschuß, der in jeder der Hauptstädte Europas ins Leben gerufen werden und aus den ehrenwertesten und geachtetsten Personen bestehen soll, ihren ganz besonderen Schutz und ihre hohe Gönnerschaft zuwenden.
  2. Diese selben Regierungen möchten erklären, daß künftig das militärische Sanitätspersonal und die von ihm abhängigen Personen, mit [27] Einschluß der anerkannten freiwilligen Helfer, von den kriegführenden Mächten als neutrale Personen betrachtet werden.
  3. Für Kriegszeiten möchten sich die Regierungen verpflichten, die Beförderungsmittel für das Personal und die Liebesgaben, welche diese Gesellschaften nach den mit Krieg überzogenen Ländern schicken werden, zu erleichtern.

Diese erweiterte Einladung fand nachträglich die Billigung des Genfer Ausschusses. Folgenreicher aber war die Zustimmung des Kriegsministers v. Roon[16]. Nach Dunants Aufzeichnungen nahm dieser „so lebhaften Anteil an der ganzen Angelegenheit und besonders an der Neutralisierungsfrage, daß er einen Adjudanten zu mir in Töpfers Hotel schickte, um über die Pläne auf dem Laufenden erhalten zu werden, übei welche ihm die Doktoren Boe­ger[12] und Loeff­ler[11] berichtet hatten. Der Adjudant wiederholte mir unaufhörlich auf französisch: „Der Minister ist Feuer und Flamme für Ihren Gedanken! Der Minister ist ganz begeistert von Ihrer Idee!“ Am 17. September empfing Roon Dunant in Gegenwart von Dr. Boe­ger[12] mit den Worten: „Oh, Sie wollen also alle unsere Ärzte neutral machen!" Dunant erwiderte, er wünsche vor allen Dingen auch die Neutralisierung der Verwundeten selbst. Roon erwiderte: „Das wird später nachkommen, ich billige Ihre Gedanken, ebenso wie den der internationalen Flagge; aber stoßen Sie die Leute nicht vor den Kopf, indem Sie diese Gedanken zu früh aussprechen.“ Roon billigte auch besonders erfreut den Gedanken der freiwilligen Helfer.

Durch Teilnehmer am Statistischen Kongreß gelang es Dunant, russische, spanische und schwedische Regierung für die Teilnahme an der Genfer Konferenz zu interessieren und seine weiteren Besuche in Deutschland vorzubereiten.

[Johann von Sachsen, Darricau und Napoleon III.]

Besonders erfolgreich wurde am 2. Oktober der Besuch bei dem „Nestor der europäischen Fürsten“, dem Danteübersetzer Philalethes, König Johann von Sach­sen[17], dessen Haltung bei dem hohen persönlichen Ansehen, das er überall, nicht zum wenigsten in Paris, genoß, von erheblicher Bedeutung war. König Johann entließ Dunant mit den Worten: „Ich werde tun, was in meinen Kräften steht, denn sicherlich würde ein Volk, das sich nicht an diesem menschenfreundlichen Werk beteiligte, von der öffentlichen Meinung Europas in die Acht erklärt werden.“

[28] Von diesem Ergebnis machte Dunant sofort brieflich dem Generalintendanten Baron Dar­ri­cau[18] in Paris Mitteilung, den er schon einige Monate vorher aufgesucht hatte. Darricau legte den Brief dem Kaiser Na­po­leon[19] vor, der sofort seine Zustimmung zur Teilnahme Darricaus an der Genfer Konferenz erteilte. Dadurch wurde die Verstimmung des französischen Kriegsministers entkräftet, der in Dunants Buch einen Angriff auf die französische Heeresleitung erblickt und sich demgemäß bis dahin ablehnend verhalten hatte.

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