Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Eine Erinnerung an Solferino

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung
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Kapitel 4: Eine Erinnerung an Solferino

[19] So bedeutsam die Erfahrungen des Krimkrieges durch die Persönlichkeit von Florence Nightingale für die Entwicklung der Krankenpflege als Frauenberuf auch wurden, für die besondere Aufgabe des Schutzes der verwundeten und kranken Soldaten blieben sie ohne unmittelbare Folgen.

Das gleiche galt für die Anregungen, die der Italiener Dr. Palasciano mit einem Vortrag vor der Academia Pontaniana in Neapel am 28. April 1861 über die Neutralisierung der verwundeten und kranken Heeresangehörigen und die Vermehrung des Sanitätspersonals, der Franzose Henri Arrault in einer am 10. Juni 1861 erschienenen Denkschrift mit ähnlichem Ziel gegeben hatten.

Den fruchtbaren Anstoß zu dem Werk des Roten Kreuzes und des Genfer Abkommens gegeben zu haben, ist das unvergängliche Verdienst Henri Dunants1.

Dunant, am 8. Mai 1828 in Genf als Glied einer Familie des Patriziats der Stadt Calvin geboren, in ihren Traditionen erwachsen, als Kaufmann ausgebildet, aber mehr als seinem Beruf den sozialen Ideen seiner Zeit, wie dem Kampf um die Aufhebung der Sklaverei, zugewandt, in den er schriftstellerisch selber eingriff, wurde ein fast zufälliger Zeuge des Ausganges der Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859. Die Schlacht, nach glühendheißem Tage abends während eines schweren Gewitters durch Rückzug der Österreicher abgebrochen, ließ 40 000 Verwundete und Tote auf dem Kampfplatz zurück. Deutsche, Ungarn, Kroaten und Polen des Heeres der Habsburger Monarchie, Italiener, Franzosen, Zuaven und Araber der Verbündeten, Generale, Offiziere, Soldaten, lagen verstreut in dem unübersichtlichen, von Maulbeer- und Weinpflanzungen bedeckten Gelände. Es dauerte zwei, drei Tage, bis alle Überlebenden geborgen wurden und in Häusern und Kirchen der umliegenden Ortschaften notdürftig Unterkunft fanden.

Dunant, ohne alle Hilfsmittel und Erfahrung, aber erschüttert von dem massenhaften Elend um ihn, griff zu, wie er konnte, holte Hilfe her-[20] bei, wo er sie fand, und suchte in der Chiesa Maggiore von Castiglione, die 500 Verwundete aller Nationen barg, aber der ärztlichen Leitung völlig entbehrte, ein Hilfswerk im kleinen zu schaffen. In den folgenden Tagen setzte er die Arbeit auch in Brescia fort. Von dort aus schrieb er an den ihm bekannten General Beaufort, Stabschef des Prinzen Napoleon, folgenden nur als Bruchstück erhaltenen Brief (übersetzt aus Henri Dunant, Sa vie et ses œuvres, Genève, CICR 1928):

Brescia, 3. Juli 1859

„Ich bin in Castiglione im Augenblick der Schlacht von Solferino angekommen, was mich während zwei Tagen Lesen und Schreiben vergessen machte. Ich ging daran, so gut es eben ging, die Verwundeten zu pflegen, die fast ohne Hilfe in den Kirchen lagen, und unterstützt von den Frauen von Castiglione habe ich einen Antrieb gegeben und eine Art Organisation der Pflege eingeleitet, die man diesen armen Unglücklichen spendete. Ich ließ in Brescia Leinen und Hemden holen, die uns völlig fehlten, Kamillen zum Waschen der Wunden, Zitronen, Zucker, Tabak, Zigarren usw. Als Hauptquartier nahm ich ein, zwei Kirchen, die noch mehr in Stich gelassen waren als die andern, dann ließ ich mir helfen von Menschen die guten Willen hatten, Turisten, auch Engländern, österreichischen Gefangenen, leicht verwundeten Soldaten, und dank den guten trefflichen Frauen von Castiglione haben wir manche Unglückliche dem sonst unvermeidlichen Tode entrissen.

Niemals werde ich die Augen und den Ausdruck dieser Bedauernswerten vergessen, die mir die Hände drückten und sie küssen wollten. Man war erschüttert. Armer kleiner französischer Soldat, so tapfer in der Gefahr, so geduldig im Leiden, so dankbar für ein Glas Wasser!

Der Anblick des Schlachtfeldes ist nichts gegen die Verzweiflung der Armen, die bunt durcheinander liegen, ohne Pflege, ohne Hilfe, ein, zwei, ja drei Tage lang, wie das vorkam, und die sich aufgegeben glaubten! Ich habe alte Feldsoldaten gesehen, wackere Zouaven, die weinten wie Kinder; es war herzzerreißend; ich habe viele in abgelegenen Winkeln der Kirchen oder sonstwo vergessen vorgefunden, denen man drei Tage lang weder zu essen noch zu trinken gegeben hatte; viele die nicht verbunden waren trotz scheußlicher Verwundungen und die bei früherer [21] Hilfeleistung hätten gerettet werden können, andere wieder, die nach dem ersten Verband vier Tage lang keinen zweiten erhielten mangels Hilfspersonal; fast alle nackt, noch blutüberkrustet, bedeckt von Fliegen und Maden, ausgestreckt auf dem Steinfußboden oder auf Stroh, das ins Fleisch stach, inmitten des schauderhaften Schmutzes und gräßlichen Gestankes, und all das mehrere Tage lang.

Die Ärzte taten übrigens was sie konnten, aber es waren zu wenige, und viele Leute voll guten Willens konnten den Anblick dieser Kirchen nicht aushalten ...

Wie Dunant in seinen Erinnerungen schrieb, endigte der Brief mit der Bitte, er möge dahin wirken, „daß man sich in der Umgebung des Kaisers Napoleon für die Frage der Verwundetenhilfe interessieren und ihrer Unzulänglichkeit abhelfen möge”. Der Brief, unter dem frischen Eindruck des Erlebten geschrieben, ist zugleich ein Beleg für das diplomatische Geschick, das Dunant später oft zu bewähren Gelegenheit hatte. Er schrieb diesmal nur von französischen Soldaten!

Erst nach längerer Pause fing Dunant an, für Freunde und Familie seine Erlebnisse aufzuschreiben. Er ging dabei sehr sorgfältig zu Werke, benutzte alles ihm zugängliche Material und bediente sich des Rates eines Genfer Bekannten, des Dr. Appia, der Verfasser einer Schrift über Kriegschirurgie und Erfinder einer Verwundetentrage war. Im November 1862 erschien, in 1600 Exemplaren als Privatdruck, das Buch „Eine Erinnerung an Solferino“.2

In diesem Werk gibt Dunant eine genaue Darstellung der Schlacht, fügt dann seine persönlichen Erlebnisse bei unter Schilderung einer großen Zahl von Einzelfällen aus allen beteiligten Armeen, darunter viele fürstliche Namen, um dann mit den praktischen Folgerungen zu schließen, die dem Buch seine geschichtliche Bedeutung verliehen haben: „Sollte es nicht möglich sein, in allen europäischen Ländern Hilfsgesellschaften zu gründen zu dem Zweck, die Verwundeten in Kriegszeiten ohne Unterschied der Volksangehörigkeit durch Freiwillige pflegen zu lassen? ... Gesellschaften dieser Art würden, wenn sie einmal dauernd gebildet wären, im Augenblick eines Kriegs vollständig eingerichtet dastehen. Sie müßten in den Ländern, wo sie sich gebildet haben, das Wohlwollen der Behörden zu erlangen suchen und im Kriegsfall bei den Be-[22]herrschern der kriegführenden Mächte um die Vollmachten und Vergünstigungen nachsuchen, welche eine erfolgreiche Lösung ihrer Aufgabe ermöglichen. Diese Gesellschaften müßten also in jedem Lande die ehrenwertesten und angesehensten Männer als Mitglieder des leitenden Oberausschusses zu den ihrigen zählen. Beim Beginn des Feldzugs würden sie einen Aufruf an alle die Personen ergehen lassen, die gewillt sind, sich augenblicklich diesem Werke zu widmen, das heißt der Aufgabe, unter der Leitung erfahrener Ärzte auf den Schlachtfeldern, und sodann in den Feldlazaretten und Spitälern den Verwundeten Hilfe zu leisten und sie zu pflegen.

Die freiwillige Hingebung ist nicht so selten, wie man etwa denken könnte. Sicherlich würden viele Personen, und manche wohl auch auf eigene Kosten, sich einer so ungemein menschenfreundlichen Aufgabe unterziehen, wenn sie auf die Hilfe und Unterstützung der obersten Verwaltung rechnen dürften und so die Gewißheit bekämen, wirklich etwas Gutes zu thun. Welchen Reiz hätte es in unserem selbstsüchtigen Jahrhundert für edle Herzen, für ritterliche Naturen, denselben Gefahren wie der Kriegsmann zu trotzen und dabei eine ganz freiwillige Sendung des Friedens und des Trostes zu erfüllen! ...

... Darum brauchen wir freiwillige Krankenpfleger, die im voraus geschult und mit ihrer Aufgabe vertraut sind, und die von den Befehlshabern der kriegführenden Heere öffentlich anerkannt und auf jede Weise in ihrer Aufgabe unterstützt werden.

... Das Personal der Militärlazärette ist stets ungenügend, und wird es bleiben, auch wenn es verdoppelt und verdreifacht würde. Man ist durchaus auf die Mitwirkung des Publikums angewiesen, und so wird es immer sein. Nur so kann man hoffen, die Leiden des Krieges zu mildern.

Es gilt also, einen Aufruf, eine Bitte an Angehörige aller Länder und aller Stände, an die Mächtigen dieser Welt, wie an die bescheidensten Arbeiter zu richten, denn alle können auf die eine oder andere Weise, jeder in seinem Kreis und nach seinen Kräften, ihren Teil zu diesem guten Werke beitragen ...

Wäre es nicht wünschenswert, daß bei außerordentlichen Anlässen, welche Meister der Kriegskunst von verschiedenen Völkern zusammen-[23]führen, diese Männer eine solche Art von Kongreß benützten, um irgend einen internationalen, vertragsmäßigen und geheiligten Grundsatz aufzustellen, der einmal angenommen und bestätigt, den Vereinen zur Hilfeleistung für die Verwundeten in den verschiedenen Ländern Europas als Grundlage dienen könnte? Es ist um so wichtiger, sich zum voraus über die zu ergreifenden Maßregeln ins Einvernehmen zu setzen, als beim Ausbruch von Feindseligkeiten die Kriegführenden schon schlecht aufeinander zu sprechen sind und solche Fragen nur noch von dem Standpunkt ihrer eigenen Angehörigen aus behandeln.

... Menschlichkeit und Gesittung verlangen gebieterisch ein Werk wie das hier angedeutete; es ist dies eine Pflicht, zu deren Erfüllung jeder Ehrenmann, jeder Mann von Einfluß für seinen Teil beizutragen schuldig ist.

... Durch ständige Vereine, wie ich sie hier vorschlage, wird man ferner oftmals dem Übelstand vorbeugen, daß die übersandten Gelder und sonstigen Hilfsmittel verschleudert oder unverständig verteilt werden ...

Durch Vervollkommnung der Beförderungsmittel, durch Verhinderung von Unfällen auf dem Weg vom Schlachtfeld zum Feldlazarett wird man viele Amputationen vermeiden und dadurch auch die Lasten der Regierungen vermindern, welche ihren Invaliden einen Gnadengehalt gewähren. Diese Vereine könnten auch, wenn sie dauernden Bestand hätten, bei Seuchen, Überschwemmungen, großen Seuersbrünsten und anderen unvorhergesehenen großen Unglücksfällen, wertvolle Dienste leisten ...

Dieses Werk hat die Hingebung einer gewissen Anzahl von Personen zur Voraussetzung, an Geld dagegen wird es ihm in Kriegszeiten nie fehlen. Wenn die Vereine ihre Aufrufe erlassen, so wird wohl ein jeder seine Gabe oder sein Scherflein beisteuern. Ein Land sieht nicht gleichgültig zu, wenn seine Söhne sich zu seiner Verteidigung schlagen! Nicht darin liegt die Schwierigkeit: alles kommt vielmehr darauf an, daß in allen Ländern ernstliche Vorbereitungen zu einem Werk dieser Art getroffen, daß ebensolche Vereine ins Leben gerufen werden.

... Die Ausschüsse der verschiedenen Völker könnten sich, obwohl von [24] einander unabhängig, verständigen und sich untereinander in Verkehr setzen, zu einem Kongreß zusammentreten und im Salle eines Krieges zum Wohle aller wirken.“

Der fruchtbare Gedanke des Buches war demnach, wegen der unvermeidlichen zahlenmäßigen Unzulänglichkeit des militärischen Sanitätsdienstes eine freiwillige Hilfe als ständige Einrichtung in allen Ländern vorzubereiten und zu organisieren, und diese Hilfe unter „irgend einen internationalen, vertragsmäßigen und geheiligten Grundsatz", also unter völkerrechtlichen Schutz zu stellen. Welcher Art dieser Schutz sein sollte, blieb noch unklar, wußte doch Dunant bei Abfassung seines Buches noch nichts von den Vorgängen früherer Jahrhunderte, oder den gleichzeitigen Anregungen von Palasciano und Arrault, die in der Frage der Neutralisierung, der Unverletzlichkeit der Verwundeten, der für sie bestimmten Einrichtungen und des zu ihrer Pflege bestimmten Personals viel genauere und eingehendere Vorschläge machten, aber ohne den Gedanken der Beständigkeit der Organisation und der Aufbietung freiwilliger Hilfskräfte aufzunehmen, während Dunant aus dem Quell seines persönlichen erschütternden Erlebens und seiner eigenen Erfahrung und Anschauung schöpfte.

Der Schwung und die kräftigen Farben der Darstellung, verbunden mit einer nüchternen, sorgfältig unterbauten Darstellung der Tatsachen, die Hervorhebung vieler einzelner Namen, besonders aus der europäischen Aristokratie, verfolgten einen sehr bestimmten Zweck. Zwar war das Buch als Privatdruck erschienen, aber in 1600 Exemplaren, die nicht nur an Genfer und auswärtige Freunde und Bekannte in allen Ländern, sondern auch an die Höfe Europas, an die Ministerien und an die Zeitungen verschickt wurden. So wurde bald eine zweite und dritte Auflage notwendig, die dem Buchhandel übergeben wurden.

Das Etho war aus allen Ländern stark, galt aber mehr der Darstellung der Schlacht und des Elends der Verwundeten als dem, worauf es ankam, den Schlußfolgerungen daraus.

Erläuterungen