Wilhelm Frick: Rundfunkansprache zum Rotkreuztag (1936)
Rotkreuztage waren jährlich wiederkehrende Anlässe, bei denen Sammlungen zugunsten des Deutschen Roten Kreuzes stattfanden. Zum Rotkreuztag in 1936 hielt Wilhelm Frick (1877–1946), der von 1933 bis 1943 als Reichsminister des Innern im NS-Staat (1933–1945) amtierte, am 12. Juni 1936 eine Rundfunkansprache, die im August 1936 in der Deutschen Zeitschrift für Wohlfahrtspflege abgedruckt wurde.[1] Der Inhalt ist vor allem geprägt von nationalsozialistischer Propaganda, die auf oberflächliche, geradezu schäbige Weise die Rotkreuzidee mit der NS-Ideologie verbindet, und gibt wenig Auskunft über das damalige DRK. Bemerkenswert ist beispielsweise der Hinweis auf den anstehenden Sanitätswachdienst bei den Olympischen Sommerspielen; wie sich dabei das DRK für Propagandazwecke missbrauchen ließ bzw. selbst andiente und ob es den Einsatz zufriedenstellend durchführen konnte, wäre ein interessanter Aspekt der Aufarbeitung seiner Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945).
Zur hier gewählten Vorgehensweise bei der Transkription und Wiedergabe des Originaltextes siehe die → redaktionellen Hinweise zu Volltexten.
Transkribierter Text
Am Vorabend des Rotkreuztages, am 12. Juni 1936, sprach der Reichsminister des Innern, Dr. Frick[2], über alle deutschen Sender:[3]
Morgen tritt das Deutsche Rote Kreuz wiederum vor die Nation, um ihre Hilfe für sein Werk zu erbitten. Mit dieser Sammlung will das Rote Kreuz nicht nur die finanzielle Grundlage für seine Arbeit schaffen, es wirbt um mehr: So, wie das Deutsche Rote Kreuz täglich und stündlich in seiner Arbeit sein Bekenntnis zu seinem Volk und Führer ablegt[4], so kann und soll auch das deutsche Volk bekennen, daß das Deutsche Rote Kreuz zu ihm gehört. Als ich vor 3 Jahren kurz nach der Übernahme der Macht durch Adolf Hitler[5] am Rotkreuztage zum ersten Male zum Deutschen Roten Kreuz sprach, forderte ich, daß es ein lebendiger Baustein im Gefüge der Nation werden müsse. Mit Genugtuung spreche ich es aus: Das Deutsche Rote Kreuz marschiert heute weithin sichtbar in dem gewaltigen Strom der Volksgemeinschaft, die sich einmütig zu ihrem Führer bekennt und dem Ziele echter Volkwerdung entgegenschreitet, das Adolf Hitler ihr zeigt.
Im Aufbau der Nation im Geiste des Nationalsozialismus ist niemand, kein einzelner und keine Organisation, um ihrer selbst willen da. Auch das Deutsche Rote Kreuz will davon keine Ausnahme machen. Sein klar umrissener Aufgabenkreis auf der völkerrechtlichen Grundlage der Genfer Konvention weist ihm die Pflichten zu, die es zu erfüllen hat.[6] Und diese Pflichten, im strengen Dienst des Friedens geübt, werden geleistet, um den vollen Einsatz geschulter Kräfte stellen zu können, wenn die höchste Not des Volkes ruft.[7] Der Dienst, der in stiller, den Augen der Öffentlichkeit meist entzogener Bescheidenheit getan wird, schlingt ein kostbares Band unsichtbar durch alle Gaue des Reiches[8], verbindet Menschen aller Schichten des Volkes durch die helfende Tat, die nicht den Lohn sucht, sondern die Ehre, dem verunglückten, kranken, leidenden Volksgenossen[9] beistehen zu dürfen in der Stunde der Not. Die erste Hilfe zu leisten auf der Straße, dem Wasser, im Gebirge, in der Fabrik, bei kleinen Unfällen und großen Katastrophen ist das Vorrecht des Roten Kreuzes, ein Vorrecht, dessen bester Teil die Pflichterfüllung in Tüchtigkeit und Opferbereitschaft ist. Zweihunderttausend Sanitätsmänner, elftausend Schwestern, achtzigtausend Samariterinnen und Helferinnen, weit über eine Million Männer und Frauen in allen Gauen des Reiches[8] haben in hunderttausendfacher Bewährung erwiesen, daß sie die Ehre der Pflichterfüllung über alles zu stellen wissen. Das sei ihnen heute gedankt. Im letzten Jahre ist die Gefolgschaft des Deutschen Roten Kreuzes um 130 000 Männer und Frauen, mehr als ein Zehntel der Gesamtzahl, gestiegen. Darin kommen die große Bereitschaft des deutschen Volkes zu tätiger Mitarbeit und das wachsende Verständnis für die Ziele des Roten Kreuzes zum Ausdruck. Als Reichsminister[2], dem das Deutsche Rote Kreuz unmittelbar untersteht, spreche ich hierüber meine lebhafte Genugtuung aus. Ich sichere dem Deutschen Roten Kreuz den Schutz und die nachdrückliche Förderung der Reichsregierung zu, die ihm bereits in den letzten 3 Jahren von Staat und Partei in reichem Maße zuteil geworden ist, am sichtbarsten mit der Übernahme der Schirmherrschaft durch den Führer und Reichskanzler[10]. Ihr Männer und Frauen vom Roten Kreuz, auch Ihr habt gezeigt, daß der Satz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“[11] dem Deutschen im Blute liegt und daß Adolf Hitler in Wort und Tat zu hellem Leben erweckt hat, was im tiefsten Urgrund deutscher Volksseele verborgen schlummerte. Ihr dürft stolz sein in der Zuversicht, als Werktätige unter dem Zeichen und Gedanken des Roten Kreuzes mitzuschaffen am mächtigen Aufbau unseres Volkes.
Dieser Gedanke des Roten Kreuzes selbst, in allen Erdteilen und Ländern geachtet und geehrt, ist berufen, über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus zu wirken. Er ist es, der zwar auf begrenztem Gebiet und doch wegweisend gezeigt hat, wie die Völker auf der seit 70 Jahren bewährten völkerrechtlichen Grundlage der Genfer Konvention[12] ernste Fragen des Zusammenlebens der Nationen anpacken können. Auf das Rote Kreuz hat deshalb in diesem Zusammenhang der Führer im Mai 1935 und im April dieses Jahres in
Vor den Augen der Besten aus allen Völkern der Welt wird das Deutsche Rote Kreuz sich zu bewähren haben bei dem Rettungs- und Hilfsdienst der Olympischen Kämpfe dieses Sommers.[13] Ich vertraue darauf, daß neben den Kämpfern, die das deutsche Volk als seine tüchtigsten zum Wettbewerb der Nationen stellt, auch die Männer und Frauen des Deutschen Roten Kreuzes in ihrem still verborgenen und doch lebenswichtigen Wirken ihr Bestes hergeben werden. Doch auch die, denen nicht beschieden ist, an so hervorragender Stelle dienen zu dürfen, sie können in dem Bewußtsein schaffen, daß es nicht darauf ankommt, wo wir stehen, sondern allein darauf, ob wir uns mit ganzer Seele und ganzer Kraft in den Dienst am Volksganzen hineinstellen, und sei es der bescheidenste Dienst am letzten Volksgenossen.
Ihr Männer und Frauen vom Roten Kreuz, eine beglückende Aufgabe ist Euch gestellt; denn was von Euch gefordert wird, ist die rettende Tat und die stete Bereitschaft zur Tat. Ich weiß deshalb, daß es nie an jungen Menschen fehlen wird, die mit Begeisterung in Eure Reihen treten. Hitler-Jungen[14] und Mädels des BdM.[15] kommen heute zu Euch und bringen den Schwung unserer Staatsjugend mit. Die Wehrhoheit, die der Führer dem deutschen Volke wiedergab[16], und die volle Hoheit über die Rheinlande[17] haben neue, verstärkte Anforderungen gestellt. Reich, Partei und Volk erwarten von Euch, daß, je höher die Forderung, um so stärker der Wille, das Höchste und Besten zu leisten. Und ich weiß, Ihr werdet mehr leisten, als man von Euch erwartet als getreuer Gefolgschaft unseres Führers Adolf Hitler. Möge jeder deutsche Mann und jede deutsche Frau das ihre tun, das Werk des Deutschen Roten Kreuzes zu fördern.
Erläuterungen
- ↑ Wilhelm Frick, Reichsminister Dr. Frick über das Deutsche Rote Kreuz, in: Deutsche Zeitschrift für Wohlfahrtspflege, Nummer 5, 12. Jahrgang, Berlin, August 1936, Seiten 656–657.
- ↑ Wilhelm Frick (1877–1946) war von 1933 bis 1943 der Reichsminister des Innern.
- ↑ Siehe Nationalsozialistische Propaganda.
- ↑ Vgl. Artikel Treueeid.
- ↑ Die sogenannte Machtübernahme durch die NSDAP unter der Führung von Adolf Hitler (1889–1945) fand am 30. Januar 1933 statt.
- ↑ Gemeint ist die Unterstützung des Sanitätsdienstes der Wehrmacht als Nationale Gesellschaft vom Roten Kreuz bzw. als Freiwillige Hilfsgesellschaft gemäß Genfer Abkommen.
- ↑ Im Frieden soll also der von den Nationalsozialisten geplante Krieg, der der Zweite Weltkrieg (1939–1945) wurde, vorbereitet werden.
- ↑ Die Gaue waren Bezirke in der Struktur der NSDAP, von 1939 bis 1945 dann zusätzlich als Reichsgaue staatliche Verwaltungsbezirke und Selbstverwaltungskörperschaften in Teilen des Deutschen Reiches.
- ↑ Siehe Volksgenosse.
- ↑ Von 1. September 1945 bis zu seinem Tod am 30. April 1945 war Adolf Hitler (1889–1945) der → Schirmherr des Deutschen Roten Kreuzes in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945).
- ↑ Das bezieht sich auf Punkt 24 des 25-Punkte-Programms der NSDAP vom 24. Februar 1920.
- ↑ Siehe Artikel Genfer Abkommen.
- ↑ Die Olympischen Sommerspiele 1936 wurden vom 1. bis 16. August 1936 in Berlin ausgetragen und für nationalsozialistische Propaganda missbraucht.
- ↑ Siehe Hitlerjugend.
- ↑ Siehe Bund Deutscher Mädel.
- ↑ In der nationalsozialistischen Diktatur wurde zügig der Friedensvertrag von Versailles gebrochen und 1935 die Wehrpflicht zum Aufbau der Reichswehr wieder eingeführt. Diese und weitere Maßnahmen wurden verharmlosend als Wiederherstellung der Wehrhoheit bezeichnet, dienten aber tatsächlich der Kriegsvorbereitung.
- ↑ Nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) wurde das Rheinland von den Alliierten besetzt und von deutschen Truppen geräumt, also von deutscher Seite her entmilitarisiert. Die alliierte Rheinlandbesetzung endete 1930, womit das Rheinland eine vollständig entmilitarisierte Zone wurde. Die Rheinlandbesetzung durch das Deutsche Reich und damit die Remilitarisierung des Rheinlandes fand am 7. März 1936 statt.
