Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Die Männerformationen des Deutschen Roten Kreuzes
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Kapitel 15: Die Männerformationen des Deutschen Roten Kreuzes
Ein weiterer Versuch in Hessen ging dahin, die ältesten, noch nicht militärpflichtigen Schüler der höheren Schulen als „Schüler-Krankenträger“ auszubilden. Die Anregung wurde aber außerhalb Hessens energisch abgelehnt, weil man junge Leute von 17 Jahren weder körperlich noch seelisch den Strapazen eines Krankenträgerdienstes im Kriege gewachsen glaubte. Grundsätzlich war diese Auffassung sicher richtig, konnte man doch nicht voraussehen, daß ein Halbjahrhundert später Hunderttausende dieses Alters in Flandern stürmen und in Schützengräben den Krieg in seiner härtesten Form führen lernen würden. In Darmstadt haben sich bis in jüngste Zeit Lehrgänge für Erste Hilfe in den Oberklassen der höheren Schulen erhalten.
In Baden und Bayern, besonders in der Pfalz, wurden während des Krieges 1870/716 ähnliche Formationen wie die hessischen kurzerhand ins Leben gerufen; die bayerischen führten als erste die später allgemein übernommene Bezeichnung „Sanitätskolonne“. Während sich die bayerischen Formationen nach dem Kriege jedoch zunächst wieder auflösten, wurde in Baden der Versuch gemacht, der Sache eine feste und
Übrigens war während des Krieges 1870/716 auch Norddeutschland auf diesem Gebiet nicht untätig geblieben; aus zahlreichen Städten, besonders des Westens, stellten sich Transportkolonnen zur Verfügung, unter denen sich die von Frankfurt a. M., Wiesbaden und Hamburg besonders hervortaten. Aber sie lösten sich nach dem Kriege sofort wieder auf. Neben diesen geordneten Formationen hatten sich übrigens auch weniger disziplinierte Gruppen von Nothelfern auf dem Kriegsschauplatz gezeigt, die sich weder den Landeshilfsvereinen unterstellten, noch sich den militärischen Befehlen fügten. Die Klagen über diese „Schlachtenbummler", die teilweise sogar ohne Berechtigung das Genfer Abzeichen führten, waren lebhaft und nötigten zu energischem Einschreiten.
Im Jahre 1885 waren 36 solcher Kolonnen mit 980 Mann gebildet. Sie blieben zunächst Gliederungen des Kriegerbundes, erhielten aber Zuschüsse vom Preußischen Zentralkomitee und waren ihm in allen Angelegenheiten des Sanitätsdienstes unterstellt.
Mit der Dauer der Entfernung vom letzten Krieg wurde die Festlegung auf die Bildung der Kolonnen aus dem Deutschen Kriegerbund jedoch hemmend; man sah, daß die Wirksamkeit der Kolonnen in Bayern mit unmittelbarer Unterstellung unter die Kreisausschüsse vom Roten Kreuz besten Erfolg zeitigte. So entschloß sich das Preußische Zentralkomitee 1890, auch solche Sanitätskolonnen anzuerkennen, die sich außerhalb der Kriegervereine bildeten, also nunmehr auch andere Kräfte als die ehemaligen Kriegssoldaten heranzuziehen. Schließlich wurde auch den Kreismännervereinen die Bildung von Sanitätskolonnen übertragen. Die Ausbildung der Kolonnenmänner, die grundsätzlich unentgeltlich ihren Dienst taten, erfolgte ausschließlich durch Ärzte, die Marsch- und Exerzierübungen leitete der Kolonnenführer. Dem theoretischen Lehrgang lag das „Unterrichtsbuch für die Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz“ von Rühlemann8 zugrunde, das sich an die militärische Krankenträgerordnung und entsprechende Dienstvorschriften anschloß.
Um die Unklarheiten des Unterstellungsverhältnisses endgültig zu beseitigen, wurde im Jahre 1905 die bisherige Verbindung zwischen den Krieger-Sanitätskolonnen und dem Deutschen Kriegerbund gelöst. Der Abgeordnetentag des Deutschen Kriegerbundes gab am 13./14. August 1905 in Kiel seine Zustimmung hierzu. Von nun an war in Preußen nur noch der Vorsitzende des Provinzialvereins oder sein Stellvertreter zur Erteilung von Befehlen an die Sanitätskolonnen befugt.
An die Stelle der bisher durch den Kriegerbund gewährten Kameradschaft war schon seit 1896 die Versammlung der Führer und Ärzte Deutscher freiwilliger Sanitätskolonnen9 als übergeordnetes Organ getreten, in der auch die außerpreußischen Länder wenigstens teilweise vertreten waren. Daneben bildeten sich Landes- und Provinzialverbände in den einzelnen Ländern und Provinzen, die als Mittel der Vereinheitlichung der verschiedenen Formen der Sanitätskolonnen eine unbestreitbar nützliche Bedeutung hatten, außerdem die Frage der Unfallhilfe und Versicherung in Angriff nahmen. Daß sie für die Führung des Roten Kreuzes, das Zentralkomitee und die Provinzialvereine nicht immer bequem waren und in die Gefahr geraten konnten, eine Art Nebenregierung zu bilden, sollte sich erst später, in den schweren Jahren des Wiederaufbaues nach dem Weltkrieg, bemerkbar machen.
Die Bekleidung und Ausrüstung des männlichen Personals der freiwilligen Krankenpflege wurde durch Kabinettsorder vom 4. Januar 1883 festgelegt. Im Mai 1884 wurde vom Kaiserlichen Kommissar die Genehmigung zum Tragen der vorgeschriebenen Mützen bei Friedensübungen erteilt, der die Genehmigung zum Tragen der Tracht bei Übungen durch Erlaß des Kaiserlichen Kommissars ab 1. März 1898 folgte. Während des südwestafrikanischen Feldzuges 1905 wurde eine besondere Tropen-Dienstkleidung eingeführt, die der fechtenden Truppe angeglichen war.
| Landesvereine vom Roten Kreuz | Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz | Davon sind | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Anzahl | Zahl der Mitglieder | zum Transport bestimmt, abkömmlich und geeignet | als Pfleger praktisch ausgebildet, bereit, abkömmlich und geeignet | |||
| E. | H. | E. | H. | |||
| Preußen | 898 | 25435 | 6591 | 5989 | 687 | 290 |
| Bayern | 146 | 7519 | 1786 | 3273 | 130 | 304 |
| Sachsen | 109 | 4195 | 1275 | 466 | 199 | 6 |
| Württemberg | 21 | 1162 | 406 | 285 | 45 | 23 |
| Baden | 204 | 5190 | 693 | 1377 | 98 | 39 |
| Hessen | 26 | 1050 | 321 | 417 | 33 | 12 |
| Braunschweig | 14 | 372 | 120 | 86 | 5 | 2 |
| Sachsen-Weimar | 29 | 702 | 147 | 267 | 36 | 7 |
| Oldenburg | 2 | 52 | 10 | 26 | ― | ― |
| Mecklenburg-Schwerin | 18 | 370 | 86 | 91 | 1 | 1 |
| Anhalt | 13 | 464 | 146 | 123 | 26 | 1 |
| Sachsen-Altenburg | 11 | 334 | 121 | 151 | 1 | ― |
| Schwarzburg-Rudolstadt | 8 | 218 | 58 | 18 | 12 | 2 |
| Schwarzburg-Sondershausen | 7 | 190 | 55 | 25 | 2 | 8 |
| Schaumburg-Lippe | 1 | 29 | 7 | 3 | ― | ― |
| Waldeck | 1 | 40 | ― | 12 | ― | ― |
| Reuß ä.L. | 1 | 48 | 22 | 3 | ― | ― |
| Reuß j.L. | 1 | 66 | 22 | 27 | 2 | 15 |
| Sachsen-Coburg und Gotha | 34 | 870 | 227 | 425 | 10 | 6 |
| Sachsen-Meiningen | 48 | 1093 | 268 | 133 | 17 | 4 |
| Lippe | 2 | 45 | 12 | 8 | ― | ― |
| Hamburg | 4 | 254 | 115 | 76 | 1 | 10 |
| Bremen | 10 | 370 | 89 | 103 | ― | ― |
| Lübeck | 2 | 89 | 23 | ― | ― | ― |
| Elsaß-Lothringen | 66 | 2171 | 480 | 509 | 8 | 20 |
| Summe | 1676 | 52328 | 13080 | 13893 | 1313 | 750 |
Die Sanitätskolonnen erhielten grundsätzlich eine Ausbildung, die ihre Mitglieder für den Krankenträger- und Transportdienst einschließ-
Die Theologie-Studierenden und der Verein deutscher Studenten folgten in erster Linie der Anregung, die durch allgemeine Studentenversammlungen 1887 und 1888 unterstützt wurden. Die technischen Hochschulen folgten nach. Außer dem theoretischen Kursus wurden praktische Pflegekurse abgehalten, und zwar so, daß die Studenten je 14 Tage auf der Äußeren und auf des Inneren Station der Universitätskliniken beschäftigt wurden, dort allen Pflegedienst praktisch verrichteten, bei Operationen Handreichungen leisteten usw. Das Kultusministerium förderte die Ausbildung in den Universitätskliniken. Die Satzung der Genossenschaft wurde am 16. März 1892 angenommen.
Die Zahlen der Genossenschaften freiwilliger Krankenpfleger vor dem Weltkrieg waren folgende:
| Bundesstaat | Verbände | Davon sind praktisch ausgebildet, bereit, abkömmlich und geeignet für das | ||
|---|---|---|---|---|
| Anzahl | Zahl der Mitglieder | Etappengebiet | Heimatgebiet | |
| Preußen | 50 | 5653 | 1035 | 628 |
| Bayern | 3 | 156 | 30 | 4 |
| Sachsen | 2 | 208 | 114 | 42 |
| Württemberg | 1 | 698 | 50 | 50 |
| Baden | 3 | 475 | 51 | 21 |
| Hessen | 1 | 85 | 4 | 3 |
| Braunschweig | ― | ― | ― | ― |
| Sachsen-Weimar | 1 | 21 | 5 | 9 |
| Oldenburg | ― | ― | ― | ― |
| Mecklenburg-Schwerin | ― | ― | ― | ― |
| Anhalt | ― | ― | ― | ― |
| Sachsen-Altenburg | 1 | 5 | 3 | ― |
| Schwarzburg-Rudolstadt | ― | ― | ― | ― |
| Schwarzburg-Sondershausen | ― | ― | ― | ― |
| Schaumburg-Lippe | ― | ― | ― | ― |
| Waldeck | ― | ― | ― | ― |
| Reuß ä.L. | ― | ― | ― | ― |
| Reuß j.L. | ― | ― | ― | ― |
| Sachsen-Coburg | ― | ― | ― | ― |
| Sachsen-Gotha | ― | ― | ― | ― |
| Lippe | ― | ― | ― | ― |
| Hamburg | 1 | 550 | 72 | 43 |
| Bremen | 1 | 97 | 20 | 39 |
| Lübeck | 1 | 36 | 6 | 2 |
| Elsaß-Lothringen | 1 | 612 | 66 | 6 |
| Zusammen | 66 | 8596 | 1456 | 847 |
Zur Vervollständigung des Bildes sei der Anschluß von Samaritervereinen an das Deutsche Rote Kreuz erwähnt. Die Samaritervereine
Erläuterungen
- ↑ Der Deutsch-Dänische Krieg war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich auf der einen Seite und Dänemark auf der anderen Seite. Er dauerte vom 1. Februar bis zum 30. Oktober 1864. Preußen und Österreich gingen aus dem Konflikt als Sieger hervor.
- ↑ Der Deutsche Krieg war eine militärische Auseinandersetzung zwischen dem Deutschen Bund (1815–1866) unter Führung Österreichs einerseits und Preußen sowie dessen Verbündeten andererseits. Der Krieg dauerte vom 14. Juni bis 23. August 1866 und wurde von Preußen gewonnen.
- ↑ 3,0 3,1 Johannes Wichern (1845–1914).
- ↑ Das Raue Haus ist eine 1833 gegründete wohltätige Stiftung in Hamburg.
- ↑ Siehe Artikel Hamburg (Stadt).
- ↑ 6,0 6,1 6,2 Der Deutsch-Französische Krieg vom 19. Juli 1870 bis 10. Mai 1871 war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Frankreich einerseits und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens sowie den mit ihm verbündeten süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt andererseits. Frankreich verlor den Krieg, trat den Großteil des Elsass und einen Teil von Lothringen ab, woraus das kurzlebige Reichsland Elsaß-Lothringen (1871–1918} geformt wurde, und das Deutsche Kaiserreich (1871–1918) entstand.
- ↑ Siehe Artikel Kriegerheil.
- ↑ Gustav Rühlemann (1839–1922).
- ↑ Siehe Artikel Versammlung der Führer und Ärzte Deutscher Freiwilliger Sanitätskolonnen.
- ↑ Ludwig Kimmle (Hrsg.), Das Deutsche Rote Kreuz. Entstehung, Entwicklung und Leistungen der Vereinsorganisation seit Abschluss der Genfer Konvention im Jahre 1864, Berlin 1910.
