Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Tätigkeit des Deutschen Roten Kreuzes im Kriege
| ← Vorheriges Kapital | Übersicht | Nächstes Kapital → |
Kapitel 19: Tätigkeit des Deutschen Roten Kreuzes im Kriege
Bei Beginn des Krieges 1870/713 stand bereits eine ausgebaute, wenn auch noch kleine Organisation zur Verfügung.
Unter Führung der Delegierten des Königlichen Kommissars und Militärinspekteurs bei dem norddeutschen Bundesheere trafen bereits einige Tage vor der Schlacht bei Weißenburg und am Schlachttage selbst Kolonnen mit Transportgeräten in der Nähe des Schlachtfeldes ein, um die Verwundeten zu sammeln und in die Lazarette zu bringen. Eine erste Kolonne kam aus Breslau, eine zweite von 150 Mann, bestehend aus etwa 40 Studenten der Medizin aus Greifswald, 40 Berliner Turnern, Heilgehilfen und Krankenwärtern, gelangte in die Rheinpfalz nach Edenkoben, eine dritte aus Speyer nach Wörth. Während der folgenden Schlachten um Metz und in Richtung auf Paris standen immer wieder neue Einheiten unter dem Zeichen des Roten Kreuzes, meist aus Westdeutschland, zur Verfügung. Darunter das schon früher erwähnte Offenbacher Turnersanitätskorps.
An den Eisenbahnstrecken in das Hinterland entstanden Verband- und
Der Württembergische Sanitätsverein, der Bayerische Landesverein und der Badische Frauenverein stellten eigene Lazarettzüge auf, die nach dem Vorbild der Erfahrungen des Nordafrikanischen Sezessionskrieges hergestellt waren und Vorzügliches leisteten. Einzelne norddeutsche Vereine rüsteten ebenfalls Sanitätszüge aus.
Unter den eigenen Krankenpflegerinnen vom Roten Kreuz zeichneten sich die badischen Schwestern aus, denen die anderen noch jungen Schwesternschaften vom Roten Kreuz zur Seite standen. Die überwiegende Zahl an weiblichem Krankenpflegepersonal wurde auch 1870/713 von den konfessionellen Schwesternschaften gestellt.
Gewaltig war der Umfang der Gaben für die Verwundeten und Kranken, die bei den Vereinen zusammenströmten. In Berlin wurde Unter den Linden 12 ein Zentraldepot errichtet, in dem die Verwaltungsarbeiten geleistet, aber auch die aus der Stadt Berlin eingetroffenen Gaben angenommen, ausgepackt, geprüft, geordnet und versandbereit gemacht wurden. Ein zweites Depot wurde in einer Markthalle eröffnet.
Der Umfang der Spenden in Geld betrug über 18 Millionen Taler, die der Naturalgaben über 9 Millionen Taler.
In den Heimatgebieten wurden eine große Anzahl von Vereinslazaretten und Privatlazaretten errichtet, die besonders von den Frauenvereinen betrieben wurden. Die Zahl der in Norddeutschland errichteten Betten der Vereinslazarette betrug rund 10 000. Der Umfang der Leistungen in Süddeutschland war mindestens gleich groß.
Das Internationale Comitee in Genf und die Gesellschaften vom Roten Kreuz der neutralen Länder beteiligten sich mit wichtigen Geldleistungen. Das Internationale Comitee hatte für die Dauer des Krieges in Basel eine Agentur errichtet, die zunächst nur als Auskunft- und Vermittlungsstelle gedacht war, bald aber vor der Notwendigkeit stand, Materialgaben der neutralen Rotkreuzgesellschaften entgegenzunehmen und diese gleichmäßig nach Deutschland und nach Frankreich weiter zu
Die Schweiz, die Niederlande, Luxemburg, Belgien, Österreich, Ungarn, Rußland, Schweden, Italien, Spanien, Portugal, Türkei, Nord- und Südamerika beteiligten sich mit erheblichen Gaben, besonders durch die Entsendung von Ärzten. Die Britische Nationale Gesellschaft zur pflege der im Selde verwundeten und erkrankten Krieger brachte rund 300 000 Pfund an Geldspenden auf. Sie warb 62 Chirurgen an, die auf deutscher und französischer Seite in Hospitälern und Lazaretten tätig waren. Besonders dankbar wurde von der Britischen Gesellschaft empfunden, daß ihr durch die deutschen Einschließungstruppen vor Paris der Verkehr und die Übermittlung von Liebesgaben und Verbandstoffen in die belagerte Stadt hinein ermöglicht wurde. (Anlage 13.)
Die Ereignisse in China im Sommer 1900 veranlaßten das Deutsche Zentralkomitee, eine Hilfeleistung vorzubereiten, die wegen der weiten Entfernung des Kriegsschauplatzes grundsätzlich neuer Art war.
Dom Kaiserlichen Kommissar wurde für ein Feldlazarett in China um 12, und für ein nach Ostasien zu entsendendes Marinelazarettschiff um 30 freiwillige Krankenpfleger ersucht. Zugleich wurde die Errichtung eines Vereinslazarets mit 100 Betten auf deutschem Etappengebiet in Tsingtau angefordert. Für das Lazarettschiff „Savoya", das sich bereits in Japan befand, wurde Personal in Marsch gesetzt. Das Marinelazarettschiff „Gera“ wurde im Heimathafen mit freiwilligen Krankenpflegern bemannt. Mit weiteren Dampfern wurde Personal und Material für Lazarettzwecke nachgesandt. Die Döckerschen Baracken mußten für die klimatischen Verhältnisse in Nordchina besonders gesichert werden, und zwar sowohl gegen Überfälle wie auch gegn die schweren Stürme. Sie wurden deshalb mit einem über 2 m hohen Wall umgeben, der von der Außenseite in einen 2m tiefen Graben abfiel. Außerdem wurden die Wände durch Sachwerk verstärkt.
Wesentlich größer waren die Anforderungen während des Aufstandes in Südwestafrika 1904 bis 1907. Auf Anforderung des Ober-
Auf Kriegsschauplätzen außerhalb Deutschlands hatte das Deutsche Rote Kreuz noch viel häufiger Veranlassung, seine Kräfte einzusetzen und wichtige Erfahrungen zu sammeln. Das geschah erstmalig im Jahre 1874 in dem spanischen Bürgerkrieg auf Vermittlung des Internationalen Comitees in Genf.
Während des Russisch-Türkischen Krieges 1877 wurde die deutsche Hilfe nur von dem Zentralkomitee des Russischen Roten Kreuzes in Anspruch genommen, während in Konstantinopel ein geeignetes Organ der freiwilligen Krankenpflege noch nicht vorhanden war. Das Russische Rote Kreuz ersuchte die deutsche Schwestergesellschaft um Ausrüstung von drei Sanitätszügen auf russische Kosten, die wegen der abweichenden Spurweite für den Verkehr in Rumänien bis zur russischen Grenze bestimmt waren. Darüber hinaus wurde Verbandmaterial und Geld zu gleichen Teilen dem Russischen Zentralkomitee und dem während des Krieges gebildeten Zentralkomitee des Roten Halbmondes in Konstantinopel überwiesen. Als 1878 in Konstantinopol eine schwere Hungersnot ausbrach, wurden erhebliche Sendungen von Lebensmitteln und weiteren Verbandstoffen dorthin abgesandt. Von Dresden aus wur-
In ähnlicher Weise wurde während des Serbisch-Bulgarischen Krieges 1885 eingegriffen. In diesem Fall wurden jedoch außerdem vier ärztliche Abordnungen mit dem erforderlichen Krankenpflegepersonal und großen Mengen von Verbandmaterial, Instrumenten und Arzneimitteln auf den Kriegsschauplatz entsandt, und zwar je zwei auf die serbische und auf die bulgarische Seite.
Im {{gesperrt|Chinesisch-Japanischen]] Krieg 1894 wurde wiederum auf Anregung des Internationalen Comitees in Genf eine Hilfeleistung beschlossen. Da damals weder Japan noch China die Möglichkeit hatten, selber chirurgische Instrumente herzustellen, wurden 12 Kisten mit Instrumenten an die Japanische Gesellschaft vom Roten Kreuz befördert.
Im Jahre 1897, während des Türkisch-Griechischen Krieges, wurde je eine ärztliche Expedition mit männlichem und weiblichem Krankenpflegepersonal nach Griechenland (Dolo) und nach der Türkei (Konstantinopel) entsandt. Die letztere führte als neue Errungenschaft einen Röntgenapparat mit sich. In beiden Ländern wurden eigene Lazarette eingerichtet, in Konstantinopel stellte der Sultan hierfür eine Reihe von Häusern in unmittelbarer Nähe des Yildizpalastes zur Verfügung.
In dem Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten 1898 wurde lediglich durch Übermittlung von Geldsendungen Hilfe geleistet; an die Vereinigten Staaten als ausdrückliche Erinnerung des Dankes an die im Jahre 1870/71 zugunsten der deutschen Verwundeten und Kranken durchgeführte Hilfsaktion.
Als im Monat Oktober 1899 der Krieg der Südafrikanischen Republiken gegen England ausbrach, wurde wieder die Frage der Hilfeleistung erörtert. Die Britische Gesellschaft vom Roten Kreuz teilte mit, daß sie auf die angebotene Hilfe dankbar verzichte. Die Transvaalregierung jedoch bat um ein Ambulanzkorps, das am 4. November 1899 von Berlin über Neapel nach der Delagoabay abreiste. Sie bestand aus drei Ärzten, vier Schwestern und fünf Mitgliedern der Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger mit umfangreichem Material an Ver
Die Erfahrungen des Burenkrieges waren nicht nur in praktischer Beziehung bedeutsam, sie bildeten zugleich eine erhebliche Bereicherung für die kriegschirurgische Wissenschaft.
Während des Aufstandes in Südafrika entbrannte der Russisch-Japanische Krieg im Fernen Osten, der in erheblichem Umfang Hilfeleistungen des Deutschen Roten Kreuzes in Anspruch nahm. 72 geschlossene Wagenladungen rollten nach Rußland, eine ärztliche Expedition mit drei Ärzten und sechs Schwestern aus dem Mutterhaus Eberswalde wurde zur Verfügung gestellt mitsamt der Ausstattung eines Lazaretts für 100 Kranke, mit Lebensmitteln für sechs Monate, vollständiger Röntgeneinrichtung, Laboratorium, zwei Döckerschen Baracken und einer Linxweilerschen Hilfslazarettzug-Einrichtung. In Petersburg stießen mit Rücksicht auf die Sprachschwierigkeiten noch deutschrussische Ärzte, Schwestern und sonstiges Personal hinzu. In Charbin konnte unter mancherlei Schwierigkeiten ein Lazarett errichtet werden, das von März bis September 1905 in Tätigkeit war.
Nach Japan wurde ebenfalls eine Expedition entsandt, die vom Norddeutschen Lloyd unentgeltlich befördert wurde. Eine erste ärztliche Expedition richtete sich im deutschen Marinelazarett in Yokohama ein. Die zweite Expedition ging nach Tokio. Die Zusammenarbeit mit den japanischen Ärzten war besonders kameradschaftlich. Die deutschen Ärzte hatten Gelegenheit, Vorträge über verschiedene Kapitel aus der Chirurgie zu halten und Vorführungen auf dem Gebiet des Röntgenverfahrens zu zeigen. Die begleitende deutsche Schwester fand Gelegenheit, deutsche Krankenpflege in praktischer Anwendung zu zeigen.
Die Kriege auf dem Balkan in den Jahren 1911 bis 1913 machten alljährlich die Entsendung neuer ärztlicher Expeditionen auf die verschiedenen Kriegsschauplätze notwendig. Sie waren in praktischer und wissenschaftlicher Hinsicht gleich bedeutsam.
Erläuterungen
- ↑ Der Deutsch-Dänische Krieg war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich auf der einen Seite und Dänemark auf der anderen Seite. Er dauerte vom 1. Februar bis zum 30. Oktober 1864. Preußen und Österreich gingen aus dem Konflikt als Sieger hervor.
- ↑ Der Deutsche Krieg war eine militärische Auseinandersetzung zwischen dem Deutschen Bund (1815–1866) unter Führung Österreichs einerseits und Preußen sowie dessen Verbündeten andererseits. Der Krieg dauerte vom 14. Juni bis 23. August 1866 und wurde von Preußen gewonnen.
- ↑ 3,0 3,1 Der Deutsch-Französische Krieg vom 19. Juli 1870 bis 10. Mai 1871 war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Frankreich einerseits und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens sowie den mit ihm verbündeten süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt andererseits. Frankreich verlor den Krieg, trat den Großteil des Elsass und einen Teil von Lothringen ab, woraus das kurzlebige Reichsland Elsaß-Lothringen (1871–1918} geformt wurde, und das Deutsche Kaiserreich (1871–1918) entstand.
