Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Bereitstellung von Einrichtungen und Material

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung
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Kapitel 18: Bereitstellung von Einrichtungen und Material

[114] Bald nach dem Krieg 1870/711, in dem sich die von Vereinen gesammelten und auf die Kriegsschauplätze entsandten Materialien häufig als wenig geeignet erwiesen hatten und vor allem wegen ihrer Vielgestaltigkeit den Gebrauch erschwerten, wurde vom Deutschen Zentralkomitee die Auswahl geeigneter Gegenstände für die Hilfeleistung in Angriff genommen. Am 22. Mai und 6. November 1875 trat eine Sachverständigen-Konferenz zusammen, die aus einigen hervorragenden Fachleuten des Kriegsministeriums, des Deutschen Zentralkomitees und des Vaterländischen Frauenvereins bestand. Das Ergebnis der Beratungen war der „Nachweis der Verbandmittel, Apparate, Lazarettutensilien, Medikamente und Lebensmittel, welche der freiwilligen Krankenpflege zur Beschaffung in Musterdepots zu empfehlen sind“.

Eine zweite Ausfertigung dieses Nachweises wurde am 4. Juli 1886 herausgegeben und durch ein „Verzeichnis der zu einem Musterdepot gehörigen Gegenstände, aufgestellt im Anschluß an den Nachweis der Verbandmittel usw., ergänzt. Das Kriegsministerium beauftragte den Kommissar und Militärinspekteur der freiwilligen Krankenpflege, den Nachweis den nachgeordneten Vereinen als Richtschnur zur Kenntnis zu bringen. Der Nachweis führte die Gegenstände in 4 Abschnitten auf:

  1. Verbandgegenstände, chirurgische Apparate usw.,
  2. Lagerungs- und Bekleidungsgegenstände,
  3. Lazarettutensilien,
  4. Arzneien, Desinfektions-, Nahrungs- und Genußmittel.

Bei den Verbandgegenständen wurde in der zweiten Ausgabe von 1886 die im Heeressanitätswesen in den achtziger Jahren eingeführte antiseptische Wundbehandlung berücksichtigt.

Durch die Errichtung von Musterdepots mit einem Verzeichnis hierzu gehöriger Gegenstände wurden die Listen des Nachweises ergänzt, um durch die Vorlage von Mustern, die heute als Normen zu bezeichnen sein würden, die Einheitlichkeit der Anfertigung nach Stoff, Form und Machart zu gewährleisten.

[115] Die Aufgabe der einzelnen Landesvereine, in Preußen der Provinzialvereine, vorzugsweise jedoch der Frauenvereine wurde es nun, bereits in Friedenszeiten nach den Mustern die für den Mobilmachungsfall notwendigen Vorräte bereitzustellen; soweit es sich um kurzlebende Gegenstände handelte, wurden diese von Zeit zu Zeit ausgetauscht, auch durch neue Muster ersetzt; im übrigen aber die Vorräte selbst in der ständigen Friedensarbeit der Frauenvereine verwendet, sobald der Ersatz in dem Depot sichergestellt war. Etwa von 1890 ab wurde allgemein die Aufstellung derartiger Depots durch die Frauenvereine eine wesentliche Pflichtaufgabe.

Die in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sich durchsetzende Auffassung, daß der Blockbau der Krankenhäuser und Hospitäler durch den Pavillonbau zu ersetzen sei, hatte schon während des Krieges 1870/711 zu einer gewissen Vorliebe für Barackenbau geführt. Es lag nun nahe, die Solgerung daraus zu ziehen und den Versuch der Herstellung transportabler Krankenbaracken zu machen. Die Allgemeine Deutsche Ausstellung für Hygiene und Rettungswesen 1883 gab einen weiteren Anstoß hierzu. Es folgte eine internationale Wettbewerbsausstellung transportabler Krankenbaracken in Antwerpen im Jahre 1885, die von der Kaiserin Augusta2 veranlaßt worden war. Der erste Preis wurde der Firma Christoph & Unmack in Kopenhagen für eine transportable Baracke System Döcker zuerkannt.3 Die Firma verlegte darauf ihren Sitz nach Niesky O./C. Ein weiterer Wettbewerb fand im September 1889 aus Anlaß der Deutschen Allgemeinen Ausstellung für Unfallverhütung statt, bei dem eine weitere Vervollkommnung der Baracke und der vollständigen Einrichtung hierfür erreicht wurde.

Im Sommer 1891 wurde auf dem Gelände des Garnisonlazaretts in Tempelhof ein Barackenlazarett errichtet, um im täglichen, 5 Monate hindurch fortgesetzten Gebrauch die Bewährung der in dem Wettbewerb von 1889 prämiierten Gegenstände kennenzulernen. Nach diesem Versuch faßte das Zentralkomitee des Preußischen Landesvereins den Beschluß, für ein Lazarett zu 1000 Kranken 50 Kränken- und 30 Wirtschaftsbaracken mit Zubehör zu beschaffen. Zur Unterbringung, die vorläufig in der Personenhalle des Ostbahnhofes zu Berlin stattfand, wurde im [116] Jahre 1896 ein eigenes Depot errichtet, das Zentraldepot vom Roten Kreuz in Neubabelsberg. Ein geeignetes Gelände wurde vom Forstfiskus auf die Dauer von 40 Jahren pachtweise zur Verfügung gestellt. Allmählich schlossen sich weitere Bauten für Verwaltung, Desinfektion usw. an.

Weiter wurden für die örtlichen Vorbereitungen der Erstellung von Vereinslazaretten Anregungen gegeben. Schriften, wie die von Werner Schütte, „Die innere Einrichtung eines transportablen Lazaretts“, und von Pannwitz, „Die planmäßige Kriegsvorbereitung der Vereine vom Roten Kreuz“, bemühten sich, den einzelnen Vereinen die vollkommen fremdartigen Fragen nahezubringen und bei der Zusammenstellung des Materials als Richtschnur zu dienen. Nicht nur für die technische Einrichtung mit Wirtschaftsgegenständen, ärztlichen Geräten, Verbandmitteln, Apothekengeräten und Arzneien war eine Unterweisung notwendig, sondern auch über die Deckung des Personalbedarfs, den Verwaltungs- und den Dienstbetrieb, den Kranken-Zu- und -Abgang, die Krankenversorgung, Listenführung, Berichterstattung und schließlich die sich hierbei ergebenden Kosten. Schließlich wurde von Generalarzt Dr. Großheim auf Veranlassung des Zentralkomitees des Preußischen Landesvereins der „Anhalt für die Einrichtung und den Betrieb von Vereinslazaretten, Privatpflegestätten und Genesungsheimen vom Roten Kreuz“ herausgegeben, der bis ins kleinste Auskunft über alles Wissenswerte gab. Der ersten Auflage von 1900 folgte eine zweite im Jahre 1910.

Eine weitere Ergänzung ergab sich aus der Dienstanweisung für die Delegierten der freiwilligen Krankenpflege, die im Jahre 1907 erschien.

Die süddeutschen Vereine, insbesondere Bayern und Württemberg, bereiteten die Aufstellung von Lazarettzügen vor. In München wurde, 3. T. mit Unterstützung des Kriegsministeriums, die Einrichtung eines vollständigen Lazarettzuges beschafft und in einem Depot verwahrt. Die Kosten betrugen rund 55000 Mark. Die Schaffung dieses Zuges war schon Ende der achtziger Jahre vom Bayerischen Kriegsministerium angeregt worden. Die Arbeit wurde jedoch erst 1907 fertiggestellt. Ähnlich wurde in Stuttgart verfahren.

Zu der Kriegsvorbereitung gehörte auch die Schaffung eigener Kran-[117]kenhäuser, die ausdrücklich als Modellbauten gedacht waren. Bei der zweiten Konferenz der Vorstände der Landes- und Provinzialvereine vom Roten Kreuz in Straßburg 1903 wurde sogar die Forderung aufgestellt: „Kein Landes- und kein Provinzialverein ohne zentrales Kranken- und Mutterhaus." Schon hieraus ging hervor, daß die Schaffung eigener Krankenanstalten in erster Linie in Friedenszeiten der Aufgabe dienen sollte, den Nachwuchs eigener Rotkreuzschwesternschaften in Mutterhäusern zu ermöglichen und sicherzustellen. Allerdings stießen die Bauwünsche meist an die harten Grenzen der finanziellen Möglichkeiten. Größere Krankenanstalten zwischen 100 und 300 Betten entstanden zuerst in Dresden, Frankfurt a. M., Karlsruhe, München, Hamburg, Hannover, Darmstadt, einige weitere folgten in Wiesbaden, Breslau, Bremen, Gnesen, Stuttgart, Braunschweig.

Über die Finanzierung dieser Krankenhausbauten ist leider nur wenig feststellbar. Im allgemeinen wurden jahrelang Mittel angesammelt, durch Wohltätigkeitsveranstaltungen und Basare im kleinen zusammengebracht. Trotz des allmählich wachsenden Reichtums des Deutschen Reiches rechnete man bei den Vereinen vom Roten Kreuz meist mit erstaunlich bescheidenen Mitteln. Der Anleiheweg wurde so gut wie nie beschritten, eine Ausnahme bildeten Dresden und Braunschweig. Im letzteren Fall hatte man sich allerdings verrechnet, und es bedurfte mit Hilfe des Preußischen Zentralkomitees einer Sanierungsaktion, die von der Stadt und vom Land Braunschweig unterstützt wurde, um das Unternehmen wieder flott zu machen, das seitdem gedieh.

In Bremen, das seit jeher eine Ausnahmestellung im Sammlungswesen einnahm, wurden für den Bau des Rotkreuzkrankenhauses im Jahre 1907 durch freiwillige Sammlungen etwa 300 000 Mark und im folgenden Jahr aus einem Basar die erstaunlich große Summe von 108 000 Mark aufgebracht. In München konnte man auf der Grundlage der Kriegsentschädigungsgelder, die dem Bayerischen Frauenverein 1872 in höhe von 85 000 Gulden überwiesen wurden, anfangen, wozu im Jahre 1889 von einem deutschamerikanischen Stifter ein Geschenk von 150 000 Mark kam. Erst auf dieser Grundlage wurde ein Darlehen von 50 000 Mark bei der Bayerischen Handelsbank aufgenommen und der große Bau in der Nymphenburger Straße errichtet.

Das älteste Krankenhaus war das Augusta-Hospital in Berlin, das 1869 vom Berliner Frauen-Lazarettverein zur Ausbildung von Schwestern im gleichen Sinn geschaffen wurde, wie sie der Vaterländische Frauenverein in die Hand nahm. Dieser älteste Bau von 1869 dient z. B. im Rahmen des heutigen Augusta-Hospitals als Mutterhaus.

Erläuterungen

  1. 1,0 1,1 Der Deutsch-Französische Krieg vom 19. Juli 1870 bis 10. Mai 1871 war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Frankreich einerseits und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens sowie den mit ihm verbündeten süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt andererseits. Frankreich verlor den Krieg, trat den Großteil des Elsass und einen Teil von Lothringen ab, woraus das kurzlebige Reichsland Elsaß-Lothringen (1871–1918} geformt wurde, und das Deutsche Kaiserreich (1871–1918) entstand.
  2. Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach (1811–1890).
  3. Siehe Artikel Döckersche Baracke.