Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Freiwillige Hilfeleistung

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung
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Anhand von Beispielen wird die Vorgeschichte des modernen Huma­ni­tären Völker­rechts dargestellt. Es handelt sich fast ausschließlich und direkte und indirekte Wiedergaben. Das Kapitel ist nicht durch nationalsozialistisches Gedankengut belastet, aber es handelt sich auch nicht um eine ernsthaft zitierfähige historische Darstellung.

Kapitel 3: Freiwillige Hilfeleistung

[15.–18. Jahrhundert]

[15] [...] Aus Mythos und Sage klingen die Namen heldenhafter Frauen auf, die den Männern in den Kampf folgten und im Besitz als Geheimnis überlieferter Heilkünste, Wunden verbanden und heilten.

Geschichtliche Kunde von ärztlicher Hilfe im Krieg beginnt mit den Kreuzzügen, verdichtet sich aber erst mit dem Ende des Mittelalters. Eine Nürnberger Chronik des 15. Jahrhunderts meldet:

„Item unser Herrn vom Rate hatten zween Ärzte bestellt, die die Teut bunden und heilten, sie wären edel oder unedel, Bürger oder Fußknecht, so richteten unser Herrn das Arztlohn alles aus, daß keiner nichts [16] durfte geben, und gaben auch den armen Gesellen, die geschossen waren, Kost und Wein, derweil sie krank waren.“1

Im Landsknechtbuch2 des Lienhart Frönsperger3 heißt es 1566 vom Obersten Feldarzt:

„Er soll auch aufmerken, wo beschädigte Knechte sind, daß man die nicht lange in den Ordnungen und Haufen liegen lasse sondern die alsbald durch die Feldschererknechte und Jungen aus den Gliedern und Haufen ausgeschleift, getragen und gezogen, auch verbunden werden.“

Im 16. Jahrhundert traten bedeutende Feldärzte auf, wie Hans von Gersdorff4, genannt Schielhans, und Hieronymus Brunschwieg5 in Deutschland, Paré6 in Frankreich.

Von dem früheren Ruhm weiblicher Pflege und Heilkunst war nichts geblieben. Nun heißt es bei Lienhart Frönsperger3:

„Item etliche Weiber zu pfleg und wart der Kranken, die auch in der Kuchin helfen spülen, und bei den Pfistern und Metzgern zugreifen, derzu mag man Weiber haben, so zu ander Notdurft der man auch gebräuchlich, doch soll man allen Zank und Ufer der Weiber halberfür kommen und nit gestatten.“

Die ergötzlichen Schilderungen in Grimmelshausens7 Romanen des Dreißigjährigen Krieges8 von Ärzten, Chirurgen und Quacksalbern finden ein Gegenstück in Johann Dietzens9 Erinnerungen als kurbrandenburgischer Feldchirurgus während des Türkenkrieges in Ungarn.

Das 18. Jahrhundert entwickelte einen hochstehenden Sanitätsdienst durch Ärzte und Chirurgen. Friedrich Wilhelm I.10, der sonst von Wissenschaft nicht viel hielt, erkannte die Bedeutung einer guten ärztlichen Versorgung seiner Soldaten.

Die Teilnahme der Bevölkerung am Schicksal der Verwundeten und Kranken war beschränkt auf das Mitleid mit den Krüppeln und Invaliden, die sich bettelnd auf Straßen und Plätzen umtrieben. Von einem handelnden Eingreifen war keine Rede.

[19. Jahrhundert: Befreiungskriege]

Erst die Zeit der Volkskriege vom Beginn des 19. Jahrhunderts an rief eine Welle der Hilfsbereitschaft aller an den Kriegen beteiligten Völker für die kranken und verwundeten Soldaten hervor, wie sie bis dahin unbekannt war. Der nationale Schwung, der in Preußen die Freiwilligen und die Landwehren zu den Waffen eilen ließ, rief die Frauen und Mäd-[17]chen zur Hilfeleistung in den Lazaretten. Die Not des Krieges stand unmittelbar vor Augen. Wurde doch im Jahre 1813 mehr als die Hälfte des deutschen Raumes zum Kriegsschauplatz.11 Über die völlige Unzulänglichkeit des Sanitätsdienstes der Heere bestand bei den Sachverständigen Übereinstimmung. Den erwähnten Aussagen von Reil und Wasserfuhr12 schließen sich die der französischen Militärärzte Percy13, Gama, Larrey14, des Vlamen Uytterhoeven an.

Um so dringender war die freiwillige Hilfe aus der Bevölkerung, die jedoch mangels jeder Vorbereitung und planmäßigen einheitlichen Leitung auch bei dem besten Willen nur Unvollkommenes leisten konnte. Die Verkehrsmöglichkeiten waren äußerst bescheiden, so daß es aus geschlossen war, von außen her Hilfe zu den Brennpunkten der Not zu bringen. Aus den Städten, die in die Kriegshandlungen selbst verwickelt wurden, wie Dresden und Leipzig, war ein Großteil der Bevölkerung geflohen, vorzugsweise die Familien, die nach Beruf und Vermögen eine führende Rolle bei dem Hilfswerk hätten spielen können. Trotzdem bildeten sich überall Frauenvereine, die später in den einzelnen deutschen Staaten organisatorisch zusammengefaßt wurden. Am 23. März 1814 erging aus Berlin der Aufruf zur Bildung eines „Frauenvereins zum Wohl des Vaterlandes“. In Bayern wurde ein „Frauenverein zur Pflege Verwundeter und Kranker“ gegründet. Diese wie unzählige andere Hilfsvereine schliefen in den folgenden Friedensjahren aber wieder ein. Die Zentralleitung für Wohltätigkeit in Württemberg von 1817 besteht noch heute. Das Patriotische Institut der Frauenvereine im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach von 1815 ist im Deutschen Roten Kreuz aufgegangen. Gurlt a. a. O.15 hat eine Übersicht über diese Frauenvereine aus der Zeit der Befreiungskriege gegeben, aber auch die entsprechende Entwicklung in den meisten Ländern Europas in der gleichen Zeit und unter gleichen Verhältnissen geschildert.

[19. Jahrhundert: Florence Nightingale]

Die wenigsten dieser Vereine blieben während der langen europäischen Friedensperiode bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts am Leben. Auch sonst waren die Erfahrungen der Napoleonischen Kriegsepoche wesentlich in Vergessenheit geraten. Infolgedessen zeigten sich bei dem ersten europäischen Kriege der neuen Epoche, dem Krim­krieg16, die gleichen Mängel wie früher, verschärft durch die Tage des Kriegsschauplatzes [18] im Orient. In England schlug die Presse Lärm, und so geschah es, daß zur gleichen Stunde Florence Night­in­gale17 dem britischen Kriegsminister Sidney Her­bert18 ihre Hilfe anbot, und Sidney Herbert sie um Hilfe bat. Die beiden Briefe kreuzten sich. Vierzehn Tage später, am 24. Oktober 1854, reiste Florence Nightingale mit 40 Helferinnen ab. Ihr Hauptquartier wurde das Barackenhospital in Skutari19. Zum erstenmal wurden weibliche Pflegekräfte in einem Militärlazarett eingesetzt. Es war eine heikle Aufgabe, sich durchzusetzen, und zwar durch unbestreitbare Leistungen. Es gelang ihr bald, gestützt auf die weitgehenden persönlichen Vollmachten des Kriegsministers und die ihr aus der Heimat zuströmenden Geldmittel, erhebliche Verbesserungen in Hygiene, Verpflegung und Pflege durchzusetzen, so daß Typhus, Cholera und Skorbut, die der englischen Armee schwere Verluste gebracht hatten, fast völlig verschwanden, während sie unter den französischen und piemontesischen Truppen weitere Verheerungen anrichteten. Es ist bekannt, wie die „Frau mit der Lampe“, nachts durch die Krankensäle schreitend, fast zu einer legendären Gestalt wurde.

[19. Jahrhundert: Amerikanischer Bürgerkrieg]

Im amerikanischen Sezessionskrieg20 traten an die freiwillige Hilfeleistung insofern unbegrenzte Aufgaben heran, als die Armeen selbst mitsamt ihrem Sanitätswesen erst improvisiert werden mußten. Die Leistungen, besonders auf Seite der Nordstaaten, waren ganz außerordentlich groß. Zahl der Lazarettbetten, Art der Pflege und des Transportwesens, Schnelligkeit des Handelns waren mustergültig. Nach der Schlacht bei Gettysburg am 3. Juli 186321 lagen 21 000 Verwundete auf den Verbandplätzen22. Am nächsten Morgen war auf dem Schlachtfeld kein einziger Verwundeter mehr. Die Sanitary Commission23 brachte 212 Millionen Dollars an freiwilligen Spenden auf.

Erläuterungen

  1. Mögliche Quelle des übernommenen Zitats: Georg Liebe, Der Soldat in der deutschen Vergangenheit, Leipzig 1899.
  2. Der Titel des Werks lautet: Von Kayserlichen Kriegßrechten.
  3. 3,0 3,1 Leonhard Fronsperger (1520?–1575).
  4. Hans von Gersdorff (Mediziner) (1455?–1529).
  5. Hieronymus Brunschwig (1450?–1512/13).
  6. Ambroise Paré (1510?–1590).
  7. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622?–1676).
  8. Hauptwerk: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch, Nürnberg 1668/1669.
  9. Johann Dietz (Feldscher) (1665–1738).
  10. Friedrich Wilhelm I. (Preußen) (1688–1740), König in Preußen und Kurfürst von Brandenburg (1713–1740).
  11. Gemeint sind die Befreiungskriege von 1813 bis 1815, zum Beispiel die Völkerschlacht bei Leipzig in 1813.
  12. August Ferdinand Wasserfuhr (1787–1867), preußischer Militärarzt.
  13. Pierre-François Percy (1754–1825), französischer Chirurg und Militärarzt.
  14. Dominique Jean Larrey (1766–1842), französischer Militärarzt und Chirurg.
  15. Ernst Julius Gurlt, Zur Geschichte der internationalen und freiwilligen Krankenpflege im Kriege, Leipzig 1873.
  16. Der Krimkrieg war ein von 1853 bis 1856 dauernder militärischer Konflikt zwischen dem Russischen Reich einerseits und dem Osmanischen Reich sowie dessen Verbündeten Frankreich, Großbritannien und seit 1855 auch Sardinien-Piemont andererseits.
  17. Florence Nightingale (1820–1910), britische Krankenpflegerin, Begründerin der modernen westlichen Krankenpflege.
  18. Sidney Herbert, 1. Baron Herbert of Lea (1810–1861).
  19. Heute: Üsküdar, ein Stadtbezirk auf der asiatischen Seite Istanbuls.
  20. Der Sezessionskrieg oder Amerikanische Bürgerkrieg war der von 1861 bis 1865 währende militärische Konflikt zwischen den aus den Vereinigten Staaten ausgetretenen, in der Konföderation vereinigten Südstaaten und den in der Union verbliebenen Nordstaaten (Unionsstaaten).
  21. Die Schlacht von Gettysburg fand vom 1. bis zum 3. Juli 1863 statt.
  22. Tatsächlich wurden, beide Parteien zusammengenommen, über 27.000 Soldaten verwundet.
  23. Die United States Sanitary Commission war eine von 1861 bis 1866 bestehende Einrichtung der Regierung der Vereinigten Staaten, welche die Hilfsaktivitäten von Freiwilligen während des amerikanischen Bürgerkrieges unterstützte und koordinierte.