Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Kriegswohlfahrtspflege

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung
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Kapitel 24: Kriegswohlfahrtspflege

[Hilfen für Familien von Soldaten]

[152] […] Dem Deutschen Roten Kreuz fielen im Verlauf des Krieges1 eine Fülle von Aufgaben zu, die teils eine Fortsetzung seiner Friedensarbeit auf dem Gebiet allgemeiner Wohlfahrtspflege und Gesundheitsfürsorge unter den besonderen Bedingungen des Weltkrieges bildeten, teils aber auch ganz neuartige Forderungen stellten.

Daß die Sorge für den Nachwuchs des Volkes um so dringender war, als den im Felde stehenden Vätern die Sorge für ihre Kinder abgenommen werden mußte und jedes geborene Kind nun doppelt wertvoll wurde, verstand sich von selbst.2 Die Maßnahmen der Mütterberatung und Säuglingsfürsorge wurden demgemäß mit amtlicher Förderung wesentlich verstärkt. In Berlin wurde die „Früh­unter-[153]stüt­zung für Wehrmannsfrauen“ geschaffen, die im dritten Monat der Schwangerschaft einsetzte und Unverheiratete einbezog, wenn der Vater Soldat war. Später mußten die Leistungen unter dem Druck der Nahrungsnot leider eingeschränkt werden und begannen erst im siebenten Monat.

Eine planmäßige Wöchnerinnenhilfe in Verbindung mit der Berliner Hebammenschaft schloß sich an. Für jede Geburt, bei der Bedürftigkeit neben der amtlichen Hilfe bestand, wurde ein dreifaches Paket, für Hebamme, Wöchnerin und Kind, mit Wäsche und den sonstigen Bedarfsgegenständen ausgehändigt. Den Frauenvereinen im Lande wurde die Durchführung gleichartiger Maßnahmen dringend empfohlen.

[Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung und Kriegsproduktion]

Die allgemeinen Hilfsmaßnahmen für die Kriegerfamilien und die Hinterbliebenen erstreckten sich auf zusätzliche Arbeitsbeschaffung, Ernährungs- und Bekleidungshilfe. Als Arbeit spielte in den ersten Kriegsjahren das Sandsacknähen eine Hauptrolle.3 Das Material wurde zur Heimarbeit ausgegeben und durfte nach Bestimmung des Kriegsamtes nur stückweise bezahlt werden. Das Anfertigen von Wäsche und Stricken von Strümpfen, das zunächst von allen Frauen unentgeltlich als Beschäftigung übernommen war, durfte bald nur noch gegen Bezahlung ausgeführt werden, ebenso das Herstellen von Kleidungsstücken und Wärmestoffen, die in der „Reichswollwoche“ gesammelt waren. Nach Einführung des „Vaterländischen Hilfsdienstes“ (Hin­den­burg­pro­gramm4) im Herbst 1916 wurde auch die Frauenarbeit möglichst ausschließlich in Betrieben zusammengefaßt. Für die immer noch Arbeitslosen wurde von den Korpsbekleidungsämtern Näharbeit beschafft.

[Volks- und Suppenküchen]

Die infolge der völkerrechtswidrigen, weit über das Kriegsende hinaus fortgesetzten Blockade entstandenen Ernährungsschwierigkeiten führten zu vermehrter Einrichtung von Volks- und Suppenküchen, die nach den Weisungen des Kriegsernährungsamtes arbeiteten, daran schlossen sich Lehrgänge für Ausnutzung aller noch verfügbaren Ernährungsmöglichkeiten, Dörren von Obst und Gemüse, Herstellen von Fruchtmus, Sammeln von Nesseln, Bucheckern, Kastanien u. dgl. Es war ein Kampf mit ungleichen Waffen. Frauen und Kinder litten am bittersten unter dem Mangel, den niemand vorausgesehen und für [154] den niemand vorgesorgt hatte. Trotz aller Anstrengungen konnte mit kleinen Aushilfen nur wenig geleistet werden.

[Bekleidungshilfe]

Die Bekleidungshilfe mußte sich ebenso in die Verhältnisse schicken. Wäsche wurde besonders für Kinder und Säuglinge vorbehalten, soweit nicht Papier zur Hilfe genommen werden mußte. Schuhe wurden aus Stoffen hergestellt, Sohlen mit Gummiabfall oder mit Holzplättchen benagelt. Dafür wurden überall Werkstätten eingerichtet, in denen Bedürftige sich selbst ihre Reparaturen machen konnten

[Wärmestuben]

Im Winter wurden Wärmestuben geschaffen, um Licht und Kohlen im Haushalt zu sparen.

An der Arbeit des Reichsausschusses der Kriegsbeschädigtenfürsorge beteiligte sich auch das Deutsche Rote Kreuz, ebenso an den Maßnahmen der Tuberkulosebekämpfung, z. B. an der Schaffung des deutschen Krieger-Kurhauses in Davos. An der Einrichtung „Landaufenthalt für Stadtkinder“ nahmen die Frauenvereine hervorragenden Anteil. In Ostpreußen brachten sie allein in einem Jahr über 42 000 Kinder unter. Es war das ein Dank für den Wiederaufbau Ostpreußens durch Patenschaften der deutschen Städte.

[Hilfen für Vertriebene und Flüchtlinge]

Eine eigenartige und neue Aufgabe erwuchs dem Deutschen Roten Kreuz in der Fürsorge für Vertriebene und Flüchtlinge.

Im August 1914 waren Hunderttausende von Ostpreußen vor den russischen Heeren geflohen. Eine zweite Welle von 400 000 Östpreußen ergoß sich im November 1914 über die Weichsel. Das Preußische Ministerium des Innern beauftragte das Deutsche Zentralkomitee mit der Durchführung der Hilfsmaßnahmen, die zum Ziel hatten, die Vertriebenen aus den Städten fernzuhalten und sie so bald wie möglich wieder in die Heimat zurückzuführen. Beides gelang nur teilweise. Berlin war bald von ostpreußischen Flüchtlingen überschwemmt, die man in Landkreise zu überführen bemüht war. Es blieb jedoch nichts anderes übrig, als in Berlin und anderen Großstädten eine Anzahl von Flüchtlingsheimen zu schaffen und daran festzuhalten, daß keinesfalls eine Dauerabwanderung einträte. Erst im Verlauf von Jahren gelang es, alle Ostpreußen wieder in die befreite und neu aufgebaute Heimat zurückzuführen. Etwa 14 000 Ostpreußen waren nach Rußland und Sibirien verschleppt. Die Überlebenden kamen erst nach Jahren wieder nach Hause.

[155] Im Herbst 1914 trafen auch bereits die ersten Flüchtlinge aus dem Ausland ein — Reichsdeutsche, Frauen, Kinder und Alte, während die wehrfähigen Männer bis zum 60. Jahr interniert wurden. In den folgenden Jahren riß der Strom nicht ab, der über Saßnitz aus Rußland, über Bodenbach aus dem Balkan und Südrußland, über Singen aus Frankreich und über Goch aus England und aus Übersee hereinflutete. Viele seit Jahrzehnten im Ausland heimisch, manche an glänzende Verhältnisse gewöhnt, nun nach Beschlagnahme ihres Eigentums und Vernichtung ihrer Bücher völlig verarmt, Arbeiter, Handwerker, schwäbische Schweinemetzger aus England, Bankleute aus Paris, Kaufleute und Industrielle, in deren Hand ein gut Teil des Wirtschaftslebens des gesamten Zarenreiches gelegen hatte, ein Heer von Erzieherinnen, Sprachlehrerinnen. Kindermädchen aller Altersstufen dann aber auch ungewöhnliche Erscheinungen, Zoologen, die seit Jahrzehnten Kerbtiere und Schlangen in Zentralafrika gesammelt hatten, Reisschäler aus Burma, Plantagenbesitzer aus Ceylon und Afrika — schließlich auch Hochstapler und undurchsichtige Gestalten aller Art sie alle mußten von den Grenzübernahmestellen nach Erledigung der politischen Kontrolle in Empfang genommen, untergebracht, weitergeleitet und versorgt werden. In den ersten Kriegsjahren, in denen nur sehr zögernd eine Anpassung der Wirtschaft an die Kriegsbedürfnisse eintrat, war die Arbeitsbeschaffung für diese Menschen, deren Zahl allmählich auf weit über 10 000 stieg, nicht leicht. Viele darunter waren auch nicht mehr erwerbsfähig. Aus Moskau wurden die Insassen des deutschen Altersheims im Alter von 70 bis 90 Jahren vertrieben und gelangten nach Deutschland. Das Petersburger deutsche Waisenheim wurde aufgelöst und in Saa­sa5 untergebracht, darunter die zweijährige Zoë Zerche, deren Eltern in Leningrad nach 15 Jahren durch Vermittlung des Deutschen Roten Kreuzes erst wieder mit ihrer Tochter Verbindung erhielten, von deren Leben und Aufenthalt sie keine Ahnung hatten.

Alle diese Deutschen hatten Furchtbares erlitten. Am schlimmsten fast war es den Deutschen in englischen und französischen Kolonien ergangen, wo sie mit kalter Niedertracht vor den Schwarzen gedemütigt oder mit leidenschaftlicher Wut mißhandelt worden waren.6 Die Auf-[156]gabe des Deutschen Roten Kreuzes war es nicht nur, die materielle Versorgung einigermaßen sicherzustellen, vielmehr noch die Niedergebrochenen und mutlos Gewordenen in ein neues Leben in der Heimat hineinzuführen und von neuem den Stolz in ihnen zu wecken, Deutsche zu sein.

Erläuterungen

  1. Erster Welt­krieg (1914–1918).
  2. Nationalsozialiste Sichtweise.
  3. Die Sandsäcke waren militärischer Bedarf.
  4. Siehe Hindenburg-Programm
  5. Siehe Artikel Saasa.
  6. Typischer nationalsozialistischer Rassismus.