Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Kriegswohlfahrtspflege
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Kapitel 24: Kriegswohlfahrtspflege
[Hilfen für Familien von Soldaten]
Daß die Sorge für den Nachwuchs des Volkes um so dringender war, als den im Felde stehenden Vätern die Sorge für ihre Kinder abgenommen werden mußte und jedes geborene Kind nun doppelt wertvoll wurde, verstand sich von selbst.2 Die Maßnahmen der Mütterberatung und Säuglingsfürsorge wurden demgemäß mit amtlicher Förderung wesentlich verstärkt. In Berlin wurde die „Frühunter-
Eine planmäßige Wöchnerinnenhilfe in Verbindung mit der Berliner Hebammenschaft schloß sich an. Für jede Geburt, bei der Bedürftigkeit neben der amtlichen Hilfe bestand, wurde ein dreifaches Paket, für Hebamme, Wöchnerin und Kind, mit Wäsche und den sonstigen Bedarfsgegenständen ausgehändigt. Den Frauenvereinen im Lande wurde die Durchführung gleichartiger Maßnahmen dringend empfohlen.
[Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung und Kriegsproduktion]
Die allgemeinen Hilfsmaßnahmen für die Kriegerfamilien und die Hinterbliebenen erstreckten sich auf zusätzliche Arbeitsbeschaffung, Ernährungs- und Bekleidungshilfe. Als Arbeit spielte in den ersten Kriegsjahren das Sandsacknähen eine Hauptrolle.3 Das Material wurde zur Heimarbeit ausgegeben und durfte nach Bestimmung des Kriegsamtes nur stückweise bezahlt werden. Das Anfertigen von Wäsche und Stricken von Strümpfen, das zunächst von allen Frauen unentgeltlich als Beschäftigung übernommen war, durfte bald nur noch gegen Bezahlung ausgeführt werden, ebenso das Herstellen von Kleidungsstücken und Wärmestoffen, die in der „Reichswollwoche“ gesammelt waren. Nach Einführung des „Vaterländischen Hilfsdienstes“ (Hindenburgprogramm4) im Herbst 1916 wurde auch die Frauenarbeit möglichst ausschließlich in Betrieben zusammengefaßt. Für die immer noch Arbeitslosen wurde von den Korpsbekleidungsämtern Näharbeit beschafft.
[Volks- und Suppenküchen]
Die infolge der völkerrechtswidrigen, weit über das Kriegsende hinaus fortgesetzten Blockade entstandenen Ernährungsschwierigkeiten führten zu vermehrter Einrichtung von Volks- und Suppenküchen, die nach den Weisungen des Kriegsernährungsamtes arbeiteten, daran schlossen sich Lehrgänge für Ausnutzung aller noch verfügbaren Ernährungsmöglichkeiten, Dörren von Obst und Gemüse, Herstellen von Fruchtmus, Sammeln von Nesseln, Bucheckern, Kastanien u. dgl. Es war ein Kampf mit ungleichen Waffen. Frauen und Kinder litten am bittersten unter dem Mangel, den niemand vorausgesehen und für
[Bekleidungshilfe]
Die Bekleidungshilfe mußte sich ebenso in die Verhältnisse schicken. Wäsche wurde besonders für Kinder und Säuglinge vorbehalten, soweit nicht Papier zur Hilfe genommen werden mußte. Schuhe wurden aus Stoffen hergestellt, Sohlen mit Gummiabfall oder mit Holzplättchen benagelt. Dafür wurden überall Werkstätten eingerichtet, in denen Bedürftige sich selbst ihre Reparaturen machen konnten
[Wärmestuben]
Im Winter wurden Wärmestuben geschaffen, um Licht und Kohlen im Haushalt zu sparen.
An der Arbeit des Reichsausschusses der Kriegsbeschädigtenfürsorge beteiligte sich auch das Deutsche Rote Kreuz, ebenso an den Maßnahmen der Tuberkulosebekämpfung, z. B. an der Schaffung des deutschen Krieger-Kurhauses in Davos. An der Einrichtung „Landaufenthalt für Stadtkinder“ nahmen die Frauenvereine hervorragenden Anteil. In Ostpreußen brachten sie allein in einem Jahr über 42 000 Kinder unter. Es war das ein Dank für den Wiederaufbau Ostpreußens durch Patenschaften der deutschen Städte.
[Hilfen für Vertriebene und Flüchtlinge]
Eine eigenartige und neue Aufgabe erwuchs dem Deutschen Roten Kreuz in der Fürsorge für Vertriebene und Flüchtlinge.
Im August 1914 waren Hunderttausende von Ostpreußen vor den russischen Heeren geflohen. Eine zweite Welle von 400 000 Östpreußen ergoß sich im November 1914 über die Weichsel. Das Preußische Ministerium des Innern beauftragte das Deutsche Zentralkomitee mit der Durchführung der Hilfsmaßnahmen, die zum Ziel hatten, die Vertriebenen aus den Städten fernzuhalten und sie so bald wie möglich wieder in die Heimat zurückzuführen. Beides gelang nur teilweise. Berlin war bald von ostpreußischen Flüchtlingen überschwemmt, die man in Landkreise zu überführen bemüht war. Es blieb jedoch nichts anderes übrig, als in Berlin und anderen Großstädten eine Anzahl von Flüchtlingsheimen zu schaffen und daran festzuhalten, daß keinesfalls eine Dauerabwanderung einträte. Erst im Verlauf von Jahren gelang es, alle Ostpreußen wieder in die befreite und neu aufgebaute Heimat zurückzuführen. Etwa 14 000 Ostpreußen waren nach Rußland und Sibirien verschleppt. Die Überlebenden kamen erst nach Jahren wieder nach Hause.
Alle diese Deutschen hatten Furchtbares erlitten. Am schlimmsten fast war es den Deutschen in englischen und französischen Kolonien ergangen, wo sie mit kalter Niedertracht vor den Schwarzen gedemütigt oder mit leidenschaftlicher Wut mißhandelt worden waren.6 Die Auf-
Erläuterungen
- ↑ Erster Weltkrieg (1914–1918).
- ↑ Nationalsozialiste Sichtweise.
- ↑ Die Sandsäcke waren militärischer Bedarf.
- ↑ Siehe Hindenburg-Programm
- ↑ Siehe Artikel Saasa.
- ↑ Typischer nationalsozialistischer Rassismus.
