Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Kriegsfolgen – Hilfe
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Kapitel 26: Kriegsfolgen – Hilfe
Die deutschen Kriegsgefangenen wurden bis in das Ende des Jahres 1919, ja teilweise noch darüber hinaus festgehalten. Die Hilfsmaßnahmen für sie waren also fortzuführen, so gut es ging. Für den Empfang der Kriegsgefangenen aus West und Ost wurde eine besondere Organisation „Kriegsgefangenen-Heimkehr“ begründet, an der das Deutsche Rote Kreuz nur dem Namen nach beteiligt war. Die Rückführung der Gefangenen aus Sibirien gelang nur unter unsäglichen Schwierigkeiten in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Komitee in Genf, und zwar über Japan. Sie zog sich bis in das Frühjahr 1922 hin.
Der Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen setzte im Winter 1918/19 verstärkt ein. Zu den heimkehrenden auslandsdeutschen
In weiteren Wellen trafen Rückwanderer aus den an Polen abgetretenen Gebieten ein. Ihre Gesamtzahl belief sich bis 1922 auf etwa 900 000. Sie mußten in einem wirtschaftlich und seelisch niedergebrochenen Lande eine neue Existenz erhalten.
Die Aufstände in Oberschlesien 1919, 1920 und besonders nach der Abstimmung 1922, schließlich die Abtretung des Polen zugesprochenen Gebietes machten weitere Maßnahmen für die Aufnahme von mindestens 50 000 Vertriebenen erforderlich, die möglichst in Schlesien selbst festgehalten wurden.
Während der Aufstände wurde unter Führung des Deutschen Roten Kreuzes 1921 eine Sammel- und Hilfsaktion „Oberschlesien-Hilfswerk“ durchgeführt, an der sich die Männer- und Frauenvereine rege beteiligten.
Während des passiven Widerstandes gegen den feindseligen Einbruch im Frieden in deutsches Land an Rhein und Ruhr 1923 waren wieder viele Tausende von „Derdrängten“ zu versorgen, deren Zahl schließlich auf 100 000 Beamte und 20 000 Nichtbeamte stieg. Heikel und schwierig gestaltete sich das Hilfswerk für die politischen Gefangenen, deren Zahl auf 4000 anschwoll. Zuchthäuser und Gefängnisse konnten kaum die Insassen mehr fassen. Kommissare des Deutschen Roten Kreuzes wurden in Köln, Essen, Koblenz, Trier, Aachen, Mainz, Neustadt a. W. und Kaiserslautern eingesetzt, die von dem Oberkommando der französisch-belgischen Besatzungstruppen anerkannt und respektiert wurden; sie erhielten Zutritt zu den Gefangenen und hatten vielfach die Möglichkeit, die Beköstigung sicherzustellen und auch sonst ihre Lage zu erleich-
Das Jahr 1923 wurde zugleich der Höhepunkt der Hilfe, die das Ausland dem deutschen Volk brachte, und deren Mittler zu einem nicht geringen Teil das Deutsche Rote Kreuz war. Gerade die beispiellose Not der Bevölkerung an Ruhr und Rhein rief tätige Hilfe des Auslandes herbei.
Dem Umfang nach waren die Sendungen an Lebensmitteln und Geld die bedeutendsten, die deutsche Gruppen und Vereine in den Vereinigten Staaten aufbrachten. Noch tiefer aber regte sich in den während des Krieges neutral gebliebenen Ländern die Hilfsbereitschaft, entweder in der Hand der Rotkreuz-Gesellschaften oder privater Vereinigungen dieser Länder zusammengefaßt. So haben Schweden, Norwegen, Dänemark, Holland durch beträchtliche Sendungen, vor allen Dingen aber durch Einladung deutscher Kinder zur Erholung, sich ein Denkmal in der Erinnerung ihrer inzwischen herangewachsenen damaligen Gastkinder gesetzt. Schweizer Vereinigungen haben auf diesem Gebiet Hervorragendes geleistet. Selbst nach Ungarn, Siebenbürgen und in das Banat gingen deutsche Kindertransporte, hauptsächlich von Stuttgart aus — ein Beweis des Wertes der im Zeichen des Roten Kreuzes über die Grenzen hinaus bestehenden Verbindungen.
So hochherzig auch diese Hilfe war, die für die Kinder ungeheuer viel bedeutete, so bedenklich schoß doch ein entwürdigender Geist der Bettelei in breiten Schichten des deutschen Volkes in die Höhe, der erst mit dem
