Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Kriegsfolgen – Hilfe

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung
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Kapitel 26: Kriegsfolgen – Hilfe

[164] […] Die unmittelbaren Folgen des Krieges waren mit dem Waffenstillstand, auch mit dem Tag von Versailles, keineswegs beseitigt.

Die deutschen Kriegsgefangenen wurden bis in das Ende des Jahres 1919, ja teilweise noch darüber hinaus festgehalten. Die Hilfsmaßnahmen für sie waren also fortzuführen, so gut es ging. Für den Empfang der Kriegsgefangenen aus West und Ost wurde eine besondere Organisation „Kriegsgefangenen-Heimkehr“ begründet, an der das Deutsche Rote Kreuz nur dem Namen nach beteiligt war. Die Rückführung der Gefangenen aus Sibirien gelang nur unter unsäglichen Schwierigkeiten in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Komitee in Genf, und zwar über Japan. Sie zog sich bis in das Frühjahr 1922 hin.

Der Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen setzte im Winter 1918/19 verstärkt ein. Zu den heimkehrenden auslandsdeutschen [165] Zivilinternierten, unter denen sich eines Tages in Goch auch ein ganzer Zug mit 300 Geisteskranken und Kretinen aus England befand, kamen nun, völlig überraschend, die Ausgewiesenen aus Elsaß und Lothringen, 140 000 an der Zahl, vielfach von der Arbeitsstelle weg aufgegriffen und ohne alle Habe über den Rhein nach Baden abgeschoben. Das Reichsinnenministerium übertrug die nun sehr viel schwieriger gewordene Durchführung der Hilfsmaßnahmen erneut dem Deutschen Roten Kreuz unter Erstattung der Kosten. Es wurde dabei von ehemaligen Elsässer Beamten als Reichskommissaren unterstützt. Komplizierte, seitenlange Richtlinien regelten nun die Unterstützung, machten es damit aber nicht einfacher, diesen Männern und Frauen wieder Arbeit und Wohnung zu schaffen.

In weiteren Wellen trafen Rückwanderer aus den an Polen abgetretenen Gebieten ein. Ihre Gesamtzahl belief sich bis 1922 auf etwa 900 000. Sie mußten in einem wirtschaftlich und seelisch niedergebrochenen Lande eine neue Existenz erhalten.

Die Aufstände in Oberschlesien 1919, 1920 und besonders nach der Abstimmung 1922, schließlich die Abtretung des Polen zugesprochenen Gebietes machten weitere Maßnahmen für die Aufnahme von mindestens 50 000 Vertriebenen erforderlich, die möglichst in Schlesien selbst festgehalten wurden.

Während der Aufstände wurde unter Führung des Deutschen Roten Kreuzes 1921 eine Sammel- und Hilfsaktion „Oberschlesien-Hilfswerk“ durchgeführt, an der sich die Männer- und Frauenvereine rege beteiligten.

Während des passiven Widerstandes gegen den feindseligen Einbruch im Frieden in deutsches Land an Rhein und Ruhr 1923 waren wieder viele Tausende von „Derdrängten“ zu versorgen, deren Zahl schließlich auf 100 000 Beamte und 20 000 Nichtbeamte stieg. Heikel und schwierig gestaltete sich das Hilfswerk für die politischen Gefangenen, deren Zahl auf 4000 anschwoll. Zuchthäuser und Gefängnisse konnten kaum die Insassen mehr fassen. Kommissare des Deutschen Roten Kreuzes wurden in Köln, Essen, Koblenz, Trier, Aachen, Mainz, Neustadt a. W. und Kaiserslautern eingesetzt, die von dem Oberkommando der französisch-belgischen Besatzungstruppen anerkannt und respektiert wurden; sie erhielten Zutritt zu den Gefangenen und hatten vielfach die Möglichkeit, die Beköstigung sicherzustellen und auch sonst ihre Lage zu erleich-[166]tern. Manchem wurde das Leben gerettet. Die Erschießung Schlageters, von Paris angeordnet, konnte freilich nicht mehr abgewendet werden. Größte Schwierigkeiten machte die Hilfe und spätere Freisetzung der zur Deportation bestimmten Deutschen in St. Martin de Ré und andern französischen und belgischen Gefängnissen. Eine Kommission des Internationalen Komitees in Genf und die Entsendung des Nuntius Msgre Testa waren eine dankbar aufgenommene Hilfe. Die örtlichen Vereine vom Roten Kreuz, Männer und Frauen, setzten alles aufs Spiel, den Gefangenen auf jede erdenkliche Weise zu helfen. Den Sanitätskolonnen wurde sogar an einigen Orten links des Rheines das Tragen der Diensttracht verboten. Das trug noch dazu bei, Erbitterung und Widerstand gegen Fremdherrschaft und Separatismus zu verstärken. In den eigenen Reihen des Deutschen Roten Kreuzes brach damals auch etwas von dem Geist hervor, aus dem später das deutsche Volk wiedergeboren wurde.

Das Jahr 1923 wurde zugleich der Höhepunkt der Hilfe, die das Ausland dem deutschen Volk brachte, und deren Mittler zu einem nicht geringen Teil das Deutsche Rote Kreuz war. Gerade die beispiellose Not der Bevölkerung an Ruhr und Rhein rief tätige Hilfe des Auslandes herbei.

Dem Umfang nach waren die Sendungen an Lebensmitteln und Geld die bedeutendsten, die deutsche Gruppen und Vereine in den Vereinigten Staaten aufbrachten. Noch tiefer aber regte sich in den während des Krieges neutral gebliebenen Ländern die Hilfsbereitschaft, entweder in der Hand der Rotkreuz-Gesellschaften oder privater Vereinigungen dieser Länder zusammengefaßt. So haben Schweden, Norwegen, Dänemark, Holland durch beträchtliche Sendungen, vor allen Dingen aber durch Einladung deutscher Kinder zur Erholung, sich ein Denkmal in der Erinnerung ihrer inzwischen herangewachsenen damaligen Gastkinder gesetzt. Schweizer Vereinigungen haben auf diesem Gebiet Hervorragendes geleistet. Selbst nach Ungarn, Siebenbürgen und in das Banat gingen deutsche Kindertransporte, hauptsächlich von Stuttgart aus — ein Beweis des Wertes der im Zeichen des Roten Kreuzes über die Grenzen hinaus bestehenden Verbindungen.

So hochherzig auch diese Hilfe war, die für die Kinder ungeheuer viel bedeutete, so bedenklich schoß doch ein entwürdigender Geist der Bettelei in breiten Schichten des deutschen Volkes in die Höhe, der erst mit dem [167] Ende der Auslandshilfe Anfang 1924 nach Einführung der Rentenmark erlosch. Der Wille zur Selbsthilfe, an dem es zunächst bedenklich fehlte, war aber doch auch schon vorher auf mannigfache Weise angefacht worden, so z. B. im Jahre 1920/21 durch eine Sammlung „Deutsche Kinderhilfe“, die auf Anregung und unter Führung des Deutschen Roten Kreuzes ins Leben gerufen wurde und zum erstenmal vor Augen führte, was eigene Anstrengung vermochte.

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