Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart – Der Einsatz im Heeressanitätsdienst

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung
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Kapitel 22: Der Einsatz im Heeressanitätsdienst

[138] […] In den letzten Jahren vor 1914 war die Gefahr des Kriegsausbruchs immer näher gerückt. Ma­rok­ko­kri­sen1, Balkankriege waren warnende Zeichen. Es ist bekannt, daß der Deutsche Reichstag sich in entscheidender Stunde vor die Aufgabe gestellt sah, dem Deutschen Reich die Rüstungsvermehrung zu bewilligen, die von ihm gefordert wurde, und kläglich vor seiner Pflicht versagte.

Das Zentralkomitee der deutschen Vereine vom Roten Kreuz hatte entsprechend den höheren Anforderungen des Kommissars und Militärinspekteurs der freiwilligen Krankenpflege die Landesvereine und Frauenvereine streng vertraulich auf die Notwendigkeit erhöhter Anstrengungen bei der für Deutschland bedrohlichen Weltlage hingewiesen. Ende 1913 berief der Vorsitzende des Zentralkomitees, General von Pfuel2, eine Besprechung der Landes-Männer- und -Frauenvereine ein, um den Plan einer sich über das Reich erstreckenden Rotkreuz-Sammlung im Jahre 1914 zu erörtern. Das Ergebnis sollte den Ausbau der Bereit-[139]schaft für den Heeressanitätsdienst fördern. Diese Sammlung, die erste ihrer Art, begann im Frühjahr 1914 mit gutem Erfolg, fand jedoch wegen der politischen Lage ein vorzeitiges Ende. Zur Verstärkung der Mittel war außerdem 1914 für Preußen eine Rotkreuz-Lotterie auf 6 Jahre bewilligt worden, deren Ertrag für Zwecke der Bereitschaft zu verwenden war. Man war also bestrebt, den vermehrten Anforderungen des Heeressanitätsdienstes Rechnung zu tragen, ohne freilich ernsthaft mit der Möglichkeit zu rechnen, daß der Kriegsausbruch unmittelbar bevorstände.

Der Stand der Kräfte, über die das Deutsche Rote Kreuz im Juli 1914 verfügte, war folgender:

6 300 Vereine vom Roten Kreuz mit 1 080 000 Mitgliedern, davon
1 907 Zweig-Männervereine mit 195 000 Mitgliedern
3 000 Zweig-Frauenvereine mit 800 000 Mitgliedern
2 200 Sanitätskolonnen mit 74 000 Mitgliedern
80 Verbände der Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger mit 12 000 Mitgliedern
10 Samaritervereine mit 2 000 Mitgliedern

Ferner standen in 52 Mutterhäusern mehr als 5000 DRK.-Schwestern bereit; hierzu kamen über 1000 Hilfsschwestern und eine nicht genau erfaßte Zahl von Helferinnen bei den Frauenvereinen, die jedenfalls mehrere tausend betrug.

Die Übersicht über die Leistungen des Deutschen Roten Kreuzes im Heeressanitätsdienst des Weltkrieges ergeben folgende Zahlen:

Von den Organisationen des Deutschen Roten Kreuzes wurden gestellt:

67 581 Personen für die Etappe,
161 141 Personen für die Heimat,
das sind 228 722 insgesamt,

davon 47 788 männlich, 19 793 weiblich für die Etappe,
davon 75 303 männlich, 85 838 weiblich für die Heimat,
das sind 123 091 männlich, 105 631 weiblich insgesamt.

[140] Hierin sind nicht enthalten die nicht von dem Militärinspekteur erfaßten Kräfte, die unmittelbar in Einrichtungen des Deutschen Roten Kreuzes eingesetzt wurden. Hierher gehören z. B. auch Trupps von DRK.-Schwestern, die vom Deutschen Zentralkomitee auf die Kriegsschauplätze in der Türkei, in Syrien, Mesopolamien und Palästina entsandt wurden, wo sie im Verbande des türkischen Sanitätsdienstes Verwendung fanden.

Bis zum 31. März 1919 standen im Dienst des Deutschen Roten Kreuzes
Frauen........... 117 988
Männer....... 132 782
Insgesamt....... 250 770

Davon wurden verwendet in der Etappe.... 72 419
in der Heimat.... 178 351
das sind insgesamt. 250 770

Einige Zahlen, die sicher nicht alles tatsächlich Geleistete erfassen, geben doch einen gewissen Anhalt für den materiellen Umfang der Arbeit. Die Zahlen sind schon deshalb nicht richtig, weil die Arbeit des Roten Kreuzes vieltausendfach dezentralisiert örtlich geleistet wurde und gerade im Zeitpunkt der Höchstleistung weder Neigung noch Muße vorhanden war, das Geschehene aktenmäßig zu erfassen. Das gilt im allerstärksten Maß für den persönlichen Einsatz von Männern, ganz besonders aber von Frauen, die sämtlich ehrenamtlich ihre Arbeit leisteten, und zwar oft genug bei Tag und bei Nacht. Niemand erwartete hierfür Dank oder besondere Anerkennung, da Tausende mit Selbstverständlichkeit das gleiche taten und der Dienst im Roten Kreuz nur als eine still erfüllte Dankespflicht an den Soldaten galt, mit deren Einsatz man den eigenen nicht vergleichen wollte. Diele setzten außer ihrer eigenen Arbeit ein Vermögen ein, hielten aber streng darauf, daß hierüber nichts nach außen bekannt wurde.

Die berichtsmäßig erfaßten Sammlungen des Deutschen Roten Kreuzes in allen seinen Organisationen beliefen sich auf 534 Millionen Mark, der Wert der erfaßten Naturalspenden auf über 200 Millionen Mark, ungerechnet die Spenden, die täglich im kleinen zur Unterhaltung [141] der Einrichtungen aufgebracht wurden, ohne buchmäßig erfaßt zu werden.

An Einrichtungen wurden gestellt: 3355 Vereinslazarette und Genesungsheime mit 196875 Betten und 84 Vereinslazarettzüge.

Nachdem bei der Mobilmachung der Sitz des Kommissars und Militärinspekteurs der freiwilligen Krankenpflege ins Große Hauptquartier verlegt war, lag die Einziehung der Kräfte der freiwilligen Krankenpflege in der Hand des Stellvertretenden Kommissars in Berlin und der ihm unterstellten Organe, der Territorialdelegierten, d. h. in Preußen der Oberpräsidenten, in den außerpreußischen Bundesstaaten der hierfür bestellten Behörde oder Persönlichkeit.

In den Kriegsgebieten unterstand das Personal der freiwilligen Krankenpflege den Etappendelegierten und den ihnen wieder unterstellten Delegierten beim Kriegslazarett-Direktor, bei der Krankentransportabteilung und den Depotdelegierten. Im Osten wurde ein Generaldelegierter für den östlichen Kriegsschauplatz mit dem Sitz in Warschau ernannt.

Für die männlichen Einsatzkräfte ergab sich im Verlauf des Krieges die Schwierigkeit, immer wieder von neuem Männer zur Verfügung zu stellen als Ersatz für die zum Dienst mit der Waffe eingezogenen Sanitätsmänner. Zwar waren zunächst nur solche Sanitatsmänner für den Sanitätsdienst zur Verfügung gestellt worden, die nicht kriegsverwendungsfähig waren. Da im Verlauf des Krieges jedoch die Anforderungen an die Tauglichkeit herabgesetzt werden mußten, wurde der größte Teil der zunächst der freiwilligen Krankenpflege überwiesenen Sanitätsmänner im Laufe der Zeit als k. v.3 anerkannt und eingezogen. Daß der Dienst der freiwilligen Krankenpflege, unter den erschwerten Bedingungen der Ostfront im Sommer und im eisigen Winter, an der Westfront bei zunehmender Tiefeneinwirkung des Krieges zu Lande und in der Luft, sehr hohe Anforderungen an die Sanitätsmänner stellte, von denen eine beträchtliche Zahl gefallen ist, soll offen anerkannt werden, auch wenn nur in Ausnahmefällen die Transporttrupps der freiwilligen Krankenpflege bis in die vorderste Kampflinie gezogen wurden. Am höchsten waren die Anforderungen an die Transporttrupps und Begleitmannschaften der Kranken-[142]transportabteilungen jedesmal im Bewegungskrieg. Je schwieriger die Ersatzgestellung für die männlichen Einsatzkräfte der freiwilligen Krankenpflege wurde, um so erschöpfender wurd die Anforderung an jeden einzelnen Mann.

Eine besondere Lage ergab sich im Elsaß zu Beginn des Krieges. Da männliche Kräfte der freiwilligen Krankenpflege nicht in ausreichender Zahl oder auch überhaupt nicht vorhanden waren, traten die Männervereine vom Roten Kreuz geschlossen an und übernahmen den Krankentransportdienst im Kriegsgebiet ihrer Heimat. Die Sanitätskolonne von Mülhausen hatte in den ersten Kriegsmonaten die Aufgabe, im weiten Umkreis von Mülhausen die Verwundeten aufzusuchen, zu verbinden und zurückzuschaffen. Dazu waren ihr 36 Privatkraftwagen zur Verfügung gestellt. Im August 1914 hat sie 2656 Verwundete abtransportiert, wobei sie vielfach unter feindlichem Feuer arbeiten mußte. Ähnlich setzten sich die Sanitätskolonnen in Münster, Colmar, Altkirch und St. Ludwig ein.

Bei den Sanitäts-Kraftwagen-Abteilungen, die im Verlauf des Krieges bei den Krankentransportabteilungen gebildet wurden, fanden überwiegend freiwillige Krankenträger Verwendung. Da ihnen im Stellungskrieg oblag, die Schwerverwundeten möglichst weit vorn abzuholen, so hatten sie ihren Dienst oft in recht kritischer Lage zu versehen. In einem Bericht darüber heißt es:

„Bei einer Sanitäts-Kraftwagen-Abteilung wurde W. als Krankenträger und Begleiter mit dem Sanitätskraftwagen, dem er zugeteilt war, zur Dienstleistung bei einer Sanitätskompagnie abgestellt. Da das Gelände vom Seinde eingesehen, die Straßen und Wege vom Feinde übel zugerichtet sind, sind die Sanitätskraftwagen geradezu unentbehrlich geworden. Die Sanitätsautos hatten die Aufgabe, die Verwundeten von den Schützengräben nach rückwärts zu dem etwa 6 km hinter der Front liegenden Verbandplatz zu schaffen. Besonders wurden bei der Septemberoffensive 1915 während des 70stündigen Trommelfeuers hohe Anforderungen an Führer und Begleiter gestellt. Kaum sich Zeit zum Essen gönnend, ans Schlafen überhaupt nicht denkend, haben die Männer ohne Rücksicht auf das eigene Leben gearbeitet und die armen Verwundeten aus dem Feuerbereich gebracht. [143] Es war ein fabelhaftes Glück, daß weder Fahrer noch Sanitäter verwundet wurden. Der Wagen hatte Schrapnellkugellöcher, Granatsplitter und Schrammen aufzuweisen.”

Der Einsatz der Schwestern für die freiwillige Krankenpflege machte insofern zunächst Schwierigkeiten, als die Zahl der verfügbaren Schwestern zahlenmäßig bei weitem nicht ausreichte. Deshalb war die Ausbildung von Hilfsschwestern und Helferinnen bereits vor dem Krieg in Angriff genommen worden, allerdings mit dem Ziel, möglichst viele Schwestern für den Heeressanitätsdienst freizumachen durch Einstellung von Ersatzkräften in ihrem früheren Arbeitsfeld.

Bei Kriegsausbruch drängten nun Frauen und Mädchen aus verständlicher Begeisterung in so großer Zahl zur krankenpflegerischen Ausbildung, daß besondere Maßnahmen erforderlich wurden. Am 6. August 1914 wurden vom Deutschen Zentralkomitee in den „Ergänzungen der Bestimmungen über die Ausbildung von Hilfsschwestern und Helferinnen“ verschärfte Anweisungen über strengere Auslese gegeben, andererseits wurden, entsprechend einem vom preußischen Innenministerium am 3. August 1914 veröffentlichten Erlaß über Notprüfungen, auch gewisse Erleichterungen vorgesehen. Zu den Verschärfungen gehörte die Heraufsetzung der Altersgrenze für Helferinnen auf 20 Jahre und eine Verpflichtung zu mindestens sechsmonatigem Dienst in der Heimat. Nur ausnahmsweise sollte die Aufnahme schon mit 18 Jahren erfolgen können. Die Ausbildung der Helferinnen blieb unentgeltlich, jedoch hatten sie die Kosten für Unterkunft und Verpflegung selbst zu tragen, soweit die ausbildenden Vereine diese nicht übernahmen.

Die Diensttracht der Helferinnen durfte nur im Innendienst des Krankenhauses oder Lazaretts getragen werden, in dem die Ausbildung stattfand, nicht auf dem Weg vom oder zum Dienst — eine Bestimmung, die ihre guten Gründe hatte und deshalb gegen die zahlreichen Verstöße energisch durchgesetzt werden mußte. Zwar war der Stolz der Helferinnen begreiflich, sich mit der Tracht öffentlich als zur freiwilligen Krankenpflege gehörig zu zeigen. Eben deshalb mußte von vornherein in scharfer Form gegen solche Elemente in den Reihen der Helferinnen eingeschritten werden, die sich des Ernstes der von [144] ihnen übernommenen Verpflichtungen nicht bewußt waren und die nötige Würde im Auftreten vermissen ließen. Am 26. August 1914 ordnete deshalb das Deutsche Rote Kreuz an, daß „alle Helferinnen vom Roten Kreuz, die sich Abweichungen von der vorgeschriebenen Tracht erlaubten oder in ihrer äußeren Erscheinung oder ihrem Verhalten zu Ausstellungen Veranlassung gäben, ohne Ansehen der Person und des Standes sofort zu streichen und zu keiner weiteren Verwendung in der freiwilligen Krankenpflege zuzulassen wären.“

Für die Arbeit im Roten Kreuz und vollends in der freiwilligen Krankenpflege sollten als Helferinnen, wenn überhaupt, nur solche eingesetzt werden, die schon in Friedenszeiten ausgebildet waren. Für die freiwillige Krankenpflege verlangte der Stellvertretende Militärinspekteur in erster Linie den Einsatz staatlich anerkannter Schwestern, gegebenenfalls auch von Hilfsschwestern, nicht aber von Helferinnen. Leider wurde dieses Prinzip strenger Auslese vom Kriegsministerium selbst durchbrochen, das durch einen Erlaß vom 4. Dezember 1914 zuließ, daß „theoretisch und praktisch besonders gut ausgebildete Helferinnen, soweit nicht genügend Hilfsschwestern zur Verfügung stünden oder von außerhalb herangezogen werden konnten“, Stellen von Schwestern einnehmen durften. Aus diesen Helferinnen, die später meist ihre Krankenpflege-Prüfung nachholten, ist zwar eine große Reihe vortrefflicher Kriegsschwestern hervorgegangen, aber die Erfahrung hat gelehrt, daß sich auf diesem Wege auch Elemente in Beruf und Diensttracht des Roten Kreuzes schlichen, die nicht dorthin gehörten und, was das schlimmste war, dem Ansehen der DRK.-Schwester, die im Kriege sehr populär geworden war, leider Abbruch getan haben, ohne daß die Schwesternschaften des Deutschen Roten Kreuzes auch nur die mindeste Möglichkeit hatten, sich hiergegen zur Wehr zu setzen, geschweige denn irgendeine Verantwortung dafür zu übernehmen. Im ganzen haben gegen 11000 Hilfsschwestern während des Krieges die Notprüfung abgelegt. Über die Gesamtzahl der Helferinnen gibt es keine sicheren Unterlagen.

Das Deutsche Rote Kreuz hat selbst auf die Steigerung der Leistungsfähigkeit seiner Schwestern während der Kriegszeit größten Wert gelegt. Im Jahre 1917 wurden als die Mindestdauer der Ausbildungs-[145]zeit 2 Jahre festgelegt. Besondere Ausbildungskurse, z. B. in Röntgenkunde, wurden eingerichtet.

Das Erleben der Schwestern im Kriege ist in vielen Büchern von Kriegsschwestern selbst geschildert worden. Da die Schwestern, Lazarett-Trupps zusammengestellt, von dem Etappendelegierten anzufordern waren, der erst an Ort und Stelle das Einsatzbedürfnis zu prüfen hatte, vergingen besonders zu Anfang des Krieges mit seinen überaus raschen Bewegungen Wochen um Wocben, bis es zum Handanlegen kam. Auch die Schwestern hatten zu lernen, was im Leben des Soldaten das Warten bedeutet. Dafür setzten, sobald ein Kriegsoder Etappenlazarett zu übernehmen war, meist Zeiten ungeheuerster Arbeitsanspannung ein. Galt es doch, meist mit wenigen Schwestern, irgendein riesiges Gebäude leer, aber schmutzig, zu übernehmen, um es innerhalb von Stunden in ein Lazarett mit Hunderten von Betten zu verwandeln, und das mitten in Seindesland, ohne die Hilfsquellen, mit denen in der Heimat Reserve- oder Vereinslazärette aus dem Boden gestampft werden konnten. In weiteren Stunden häufte sich Arbeit über Arbeit an Hunderten von Verwundeten und Sterbenden, Operationsdienst, Verbinden, Visiten der Ärzte, Tetanusspritzen, Essenverteilen aus improvisierter Küche, bei versagender Beleuchtung. Noch schwieriger als im Westen war oft die Arbeit im Osten, mit Ungeziefer, Eiseskälte oder Gluthitze, einige russische Kriegsgefangene zur Hilfe, ohne Licht, ohne Heizung, oft ohne brauchbares Trinkwasser, mit mühsam requirierten Nahrungsmitteln. Schwerste Prüfung die Pflege in Seuchenlazaretten mit Hunderten von Kranken an Cholera, Typhus, Ruhr. Manche waren seelisch, andere körperlich solchen Anforderungen nicht gewachsen. Konnten doch die Schwestern in Cholera- oder Typhuslazaretten, deren viele trotz Impfung der Ansteckung erlagen, nicht über das hinausblicken, was ihnen vor Augen lag. Sie ahnten nicht, daß ihr Einsatz, für den das Wort heroisch einmal gebraucht werden darf, Heer und Volk und Heimat mit einem Erfolg vor der Ausbreitung der Seuchen schützte, der beispiellos in der Geschichte der Medizin ist. Daß die Verwundeten mit Einsatz aller Kräfte zu pflegen seien, war selbstverständlich, gleichgültig, ob es Soldaten der feindlichen Heere waren oder eigene. Daß aber die Pflege der eigenen Soldaten und [146] das Ringen um ihr Leben dazu half, auch noch die letzte Kraft aufzubieten, um nicht „zusammenzuklappen", das hat wohl jede Kriegsschwester selbst erlebt.

Einigen Schwestern blieb sogar die Erfahrung der russischen oder französischen Kriegsgefangenschaft nicht erspart mit Erlebnissen, die mit dem Genfer Abkommen in striktem Widerspruch standen.

Bis in ferne Erdteile hinein reichen die Taten deutscher Kriegsschwestern, ob sie mit Lettow-Dorbeck monatelang durch afrikanischen Busch zogen, im Urwald Kameruns, in Deutsch-Südwest oder auch in Samoa Lazarette einrichteten, in Tsingtau Verwundete pflegten, in Aleppo, Damaskus, Jerusalem, Bagdad und Konstantinopel zusammen mit deutschen und türkischen Ärzten und Pflegern ein Beispiel hingebender und opferwilliger Einsatzbereitschaft gaben — überall zeigten sie sich der strahlenden Anerkennung würdig, mit der der Soldat auf „Kamerad Schwester“ blickte, und viele Hunderttausende sagen ihnen heute noch im stillen Dank, die erlebt haben, was den verwundeten Soldaten schon der erste Anblick der Schwester ist.

Mit dem Einsatz des männlichen und weiblichen Personals war aber das Pensum der Leistungen des Deutschen Roten Kreuzes für die freiwillige Krankenpflege bei weitem noch nicht erschöpft. Hunderte und Tausende von Einrichtungen in der Etappe und der Heimat müssen wenigstens erwähnt werden, um das Bild abzurunden.

Die Lazarettzüge wurden teils von der Militärverwaltung, teils von der freiwilligen Krankenpflege, also dem Deutschen Roten Kreuz, einige auch von den Ritterorden gestellt. Insgesamt gab es 89 Lazarettzüge der freiwilligen Krankenpflege, davon 84 Züge des Deutschen Roten Kreuzes. Teilweise waren sie, wie für Bayern und Württemberg oben erwähnt wurde, von langer Hand vorbereitet, meist wurden sie aber erst während des Krieges geschaffen. Das Wagenmaterial, gewöhnlich 40 Wagen IV. Klasse für die Lazarettvorrichtungen der Kranken, Wagen II. und III. Klasse für das Personal an Ärzten, Schwestern, Pflegern und Trägern, Köchen und Eisenbahnpersonal, wurde von den Eisenbahndirektionen gestellt. Jeder Zug hatte 320 Lagerstätten. Wenn jeder Zug 100 Fahrten gemacht hat, wie das wohl dem Durchschnitt entspricht, dann wären 2,8 Millionen Verwundete befördert. [147] Von vorwiegend örtlicher Bedeutung waren Lazarettschiffe, die dem Verwundetentransport auf Flüssen und Kanälen dienten. Die größte Bedeutung erlangten sie auf der Donau in ihrer gesamten Ausdehnung. Auf der Adria taten österreichische Lazarettschiffe Dienst.

Die Reservelazarette waren grundsätzlich von der Heeresverwaltung eingerichtet. In der Heimat wurde jedoch in vielen Fällen von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, die gesamte Wirtschaft, Küche und Wäscherei, dem Deutschen Roten Kreuz, meist einem Frauenverein, zu übertragen. Und zwar hatte dieser auf eigene Verantwortung mit den heeresseitig ausgeworfenen Verpflegsätzen zu wirtschaften. Meist wurden für Ergänzung der Verpflegung und Einrichtung noch beträchtliche Aufwendungen an Geld und Liebesgaben gemacht.

Die Vereinslazarette waren Einrichtungen, die ausschließlich von Männer- oder Frauen-Zweigvereinen vom Roten Kreuz geschaffen waren. Außer den bereits in Friedenszeiten bestehenden Krankenhäusern waren das Gebäude, die für den Kriegsfall im voraus gesichert waren, Schulen, Hallen, Saalbauten u. dgl. In Ostpreußen wurden solche Vereinslazarette in den Herbstmonaten 1914 unversehens in Kriegslazarette umgewandelt, manche entgingen nicht dem Schicksal, in russische Hand zu fallen und nur in zerstörtem Zustand wieder daraus hervorzugehen. Die kleinsten Vereinslazärette faßten nur 20 Betten, das größte in Zehlendorf bei Berlin 500 Betten, vom Vaterländischen Frauenverein Zehlendorf ganz aus eigenen Mitteln geschaffen und unterhalten. Es war das heutige Hindenburg-Lazarett.

Ausbildungs- und Beschäftigungskurse in Lazaretten spielten eine bedeutsame Rolle. Einrichtungen für Handfertigkeitsarbeiten, Basteleien vertrieben den Verwundeten nicht nur die Zeit, sondern dienten einer ersten Rückgewöhnung an Arbeit, und zwar oft im Sinne einer Umschulung, wenn die Kriegsbeschädigung die Rückkehr in die frühere Arbeit unmöglich machte. Besonders wichtig war das Erlernen des Schreibens mit der linken Hand, das bei Erwachsenen unsägliche Geduld erfordert. Bei solchen Kursen konnten viele hilfsbereite Frauen eingesetzt werden, die einer körperlich anstrengenden Arbeit nicht gewachsen waren.

Erfrischungs-, Verpflegungs- und Verbandstellen auf Bahnhöfen wurden ebenfalls meist von den Frauenvereinen eingerichtet [148] und bei Tag und Nacht in Betrieb gehalten. Sie dienten der Versorgung der einzelnen oder in Trupps reisenden gehfähigen Verwundeten auf dem Weg zum Lazarett und zurück zum Truppenteil, auch der Versorgung kleinerer Trupps von Ersatzmannschaften auf dem Wege zu ihrem Truppenteil. Sie waren zu unterscheiden von den Truppenverpflegungsstellen, die von der Heeresintendantur unterhalten wurden, um Truppentransporte im großen zu verpflegen, und meist weit außerhalb der Ortschaften und Bahnhöfe lagen. Die Einrichtung solcher Verpflegungs- und Verbandstellen war z. B. in Ostpreußen schon vor dem Krieg als Pflichtaufgabe vorbereitet und geübt worden. Während des Krieges entstanden sie an allen Eisenbahnlinien, auf denen nur irgend Transporte von Verwundeten zu erwarten waren. In Straßburg waren zeitweise 500 Helferinnen vom Roten Kreuz auf dem Bahnhof und der gegenüber als Soldatenheim eingerichteten Verpflegungsstelle eingesetzt. Im weiteren Verlauf des Krieges machte der Mangel an Lebensmitteln die Unterhaltung immer schwieriger, die wichtigsten Stellen wurden trotzdem bis Ende 1918 durchgehalten. Die Helferinnen und Frauen der Frauenvereine hatten auf diesen Stellen die mannigfachsten Aufgaben; die Verwundeten, soweit sie behindert waren, zu waschen, zufüttern, ihnen Postkarten zu schreiben, Verbände aufzufrischen u. dgl. mehr. Vielfach waren auch Übernachtungsstellen angeschlossen, die massenhaft in Anspruch genommen wurden.

Genesungsheime für Leichtverwundete oder der Lazarettbehandlung nicht mehr bedürftige Kranke wurden in großer Zahl nicht nur in der Heimat, sondern auch an der belgischen Küste so gut wie in Südrußland eingerichtet. Ähnlichen Aufgaben dienten die Erholungsheime, in denen die körperlich oder seelisch angegriffenen Soldaten wieder felddienstfähig wurden, ohne in die Heimat zurückkehren zu müssen, deren Einfluß, je länger der Krieg dauerte, nicht immer geeignet war, das innere Gleichgewicht und soldatische Haltung wiederherzustellen.

Eine wichtige Aufgabe an den gesunden Soldaten erfüllten die Soldatenheime. Zunächst von den Frauenvereinen vom Roten Kreuz in größeren Städten der Heimat eingerichtet, besonders in Ostpreußen, wanderten sie als einzige nichtmilitärische Einrichtungen in die Etappengebiete bis Riga, Bukarest und Uesküb hinaus. Sie waren eine Spe-[149]zialität der ostpreußischen Vaterländischen Frauenvereine, fanden jedoch bald auch im Westen Nachahmung. Sie sollten den zeitweise in die Etappe kommandierten Soldaten ein Stück Heimat ersetzen. Büchereien, Musik, Spiele, Theateraufführungen, Vorträge sorgten für ernste und heitere Unterhaltung. An die Leiterinnen und Helferinnen dieser Heime wurden ungewöhnlich hohe Anforderungen an Takt, Geschicklichkeit und Frohsinn gestellt, um sich den nötigen Abstand mit Selbstverständlichkeit zu wahren und daran mitzuhelfen, gegen das Übel anzukämpfen, das nun einmal mit dem Begriff „Etappe“ unlösbar verbunden ist und die Keime der Auflösung bei der langen Dauer des Krieges in sich trug. Gerade in den Soldatenheimen war es Aufgabe der Frauen vom Roten Kreuz, den Frontgeist lebendig zu halten und, wenn er verlorenzugehen drohte, wieder zu wecken.

Erläuterungen

  1. Erste Marokkokrise (1905–1906) und Zweite Marokkokrise (1911).
  2. Curt von Pfuel (1849–1936).
  3. k.v. ist die Abkürzung für kriegsdienstverwendungsfähig.