Botschaft vom 14. März 1871

Nachschlagewerk über das Deutsche Rote Kreuz und die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung

An
Ihre Majestät die Kaiserin und Königin.1

In dem ich von Meinen tapferen und siegreichen Truppen, welche noch auf fremdem Boden zurückbleiben, Abschied nehme, drängt es Mich, Eurer Majestät auszusprechen, wie tief und freudig Mein Herz die liebreiche Fürsorge und Unterstützung bewegt hat, welche der Armee unter dem Vorgange und dem Schutze Euerer Majestät, aus der Heimat, auf dem ganzen deutschen Vaterlande während des ganzes Feld­zu­ges2 zuteil geworden ist. Die deutsche Einheit ist durch das Zentralkomitee der deutschen Vereine zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krie­ger3 auf dem Gebiete der Humanität vollzogen, als die politische Einheit unseres Vaterlandes sich noch im Kreise der Wünsche be­weg­te.4 Dasselbe hat sich bei Beginn der Feindseligkeiten zu einem fest organisierten Körper gestaltet, in welchem die Landesvereine sämtlicher deutschen Staaten vertreten sind und dem selbst über den Ozean herüber die Hilfsvereine Amerikas die Hand gereicht haben. Mit Freuden habe Ich erkannt, wie gerade durch diese Zusammenfassung aller deutschen Kräfte, getragen von der allgemeinen Opferwilligkeit und von der hingebenden und unermüdlichen Tätigkeit der Männer, welche der schwierigen Leitung dieses Werkes ihre Kraft und Zeit widmeten, Leistungen möglich geworden sind, die jede Erwartung überstiegen und wesentlich dazu beigetragen haben, der Armee unter den schweren Mühsalen des Krieges Freudigkeit und Kraft zu erhalten. Die dankbare Erinnerung daran wird in der Armee und der Nation unauslöschlich fortleben. Meinen Dank und Meine Aberkennung kann Ich nicht besser bezeugen, als indem ich Euere Majestät Selbst bitte, sie dem Zentralkomitee der Vereine in Meinem Namen auszudrücken.

Nancy, den 14. März 1871.   Wilhelm.

Erläuterungen

  1. Das Schreiben richtete Wilhelm I. (1797–1888) an seine Frau Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach (1811–1890).
  2. Der Deutsch-Französische Krieg vom 19. Juli 1870 bis 10. Mai 1871 war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Frankreich einerseits und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens sowie den mit ihm verbündeten süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt andererseits. Frankreich verlor den Krieg, trat den Großteil des Elsass und einen Teil von Lothringen ab, woraus das kurzlebige Reichsland Elsaß-Lothringen (1871–1918} geformt wurde, und das Deutsche Kaiserreich (1871–1918) entstand.
  3. Siehe Artikel Zentralkomitee der Deutschen Vereine vom Roten Kreuz.
  4. Die Deutsche Reichsgründung erfolgte in mehreren Schritten während der Schlussphase des Deutsch-Französischen Krieges (1870–1871). Ein zurückblickend besonders hervorgehobener Vorgang dabei war die Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 im Schloss Versailles. Der 18. Januar dadurch bis in die 1930er-Jahre zum Reichsgründungstag.